Wie Gästeführerin Erih Gößler die bayerische Königsfamilie erst spät für sich entdeckte

 

„Nein, auf keinen Fall!“, meint Erih Gößler auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnte, jemals wieder woanders zu wohnen. Geboren südlich von Hannover, kam sie als Jugendliche mit ihren Eltern hierher. Füssen und die Umgebung sind längst zu ihrer Heimat geworden. Sie genießt es, wandernd oder radelnd unterwegs zu sein – gerne auch an solch historischen Orten wie dem Schwanseepark, ein Lieblingsplatz der bayerischen Königsfamilie.
Ludwig II. spazierte hier sonntags oft mit seinen Eltern und seinem Bruder Otto entlang oder trainierte mit Pferden auf einer gewalzten Reitbahn, von der heute nichts mehr zu sehen ist. Dafür ist der Blick auf die beiden Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau umso besser. „Fast ein bisschen unwirklich, wie sie da wie Dekoelemente in der Landschaft stehen“, meint Erih Gößler. Als Gäste- und Wanderführerin will sie Urlaubern besondere Momente schenken. Und ohne Zweifel ist es ein Erlebnis, einfach zu Fuß durch eine solche Traumkulisse rund um Füssen zu wandern und dem königlichen „Geist“  nachzuspüren.

„Nach der Schule und auch nachts bin ich im Schwansee oft schwimmen gegangen. Was das für ein Gefühl ist, wenn man im Wasser ist und auf die Schlösser schaut, kann ich gar nicht beschreiben. Ein wunderschönes Fleckchen Erde ist das hier“, erzählt Erih Gößler. Die Begeisterung für den Märchenkönig und dessen Familie kam allerdings erst viel später. Von der elterlichen Wohnung in Schwangau blickte sie direkt auf Neuschwanstein. Damals aber interessierte sie das Schloss und der König nicht so besonders. Trotzdem bewarb sie sich 1986 als Schlossführerin, weil sie eine neue Herausforderung suchte und sich grundsätzlich gerne mit geschichtlichen Hintergründen befasst. „Da bin ich dann das erste Mal wirklich in Kontakt gekommen mit der Person Ludwig. Je mehr ich über ihn gelesen habe, desto mehr hat er mich begeistert. Interessant, wie er sich als Mensch entwickelt hat. Auch die Sicht auf den König in der Literatur ist spannend. Je mehr Zeit vergeht, desto differenzierter wird das Bild von ihm.“ Liebe auf den zweiten Blick. Und gerne würde sie heute dem König heute ein paar Fragen stellen: Wie ihn die familiäre Situation geprägt hat und welche Sehnsüchte und Träume er wohl im Innersten hatte.

Ihre Arbeit als Schlossführerin beendete sie nach ein paar Jahren, weil es sie störte, dass die Besucher den Märchenkönig oft als verrückt bezeichneten, wenn sie diese durch sein imposantes Bauwerk begleitete. „Es ist so ein Empfinden diesem Menschen gegenüber. Ich fühle mich Ludwig vom Wesen einfach nah. Es tut mir dann leid, wenn er so abgestempelt wird. Man kann diese Person einfach nicht von heute aus beurteilen, sondern muss die damaligen Umstände berücksichtigen. Die Empfindsamkeit seiner Seele, das passte einfach nicht in diese Zeit. Aber er hat durchaus auch seine schlechten Seiten gehabt und ist nicht die große Heldengestalt. Trotzdem ist gerade der Zwiespalt in ihm faszinierend.“

Der Alpsee mit dem Pindarplatz, an dem Ludwig II. gerne verweilte und in jungen Jahren vom 15 Meter hohen Felsen sprang, ist auch einer von Erih Gößlers Lieblingsorten. „Ich bin nicht esoterisch veranlagt, aber so wie das Schloss und diese Stelle hier haben viele Plätze eine ganz spezielle Schwingung.“ Immer wenn sie in der Landschaft unterwegs ist, fühlt sie sich inspiriert und ihr fallen Zitate von König Ludwig II. ein, so wie dieses:

„Es ist notwendig, sich Paradiese zu schaffen, poetische Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann.“

Sie kann ihn mit seiner Sehnsucht nach Ruhe und Rückzug umso besser verstehen, wenn sie sich ein bisschen Zeit zum Verweilen nimmt. „Die Masse an Menschen in München hat ihn erdrückt, er konnte dort einfach nicht atmen. So geht es heute doch vielen Menschen, die in großen Städten leben. Und dann sehnen sie sich nach solchen Plätzen, wo sie wieder auftanken können.“

Erih Gößler ist eine Beobachterin und eher zurückhaltend gegenüber anderen Menschen – auch eine Parallele zum König. Deshalb war es für sie eine echte Herausforderung, sich vor fremde Leute zu stellen und zu erzählen. Aber gerade ihre ruhige Art und ihr großes Wissen schätzen Urlaubsgäste wie Journalisten, die hier auf Recherchetour gehen. Heute mag sie es, ihnen wandernd die vielfältige Geschichte des großen, weiten Schlossparks nahe zu bringen. Sie befasst sich immer wieder mit neuen Themen, aus denen sie dann eine Idee für eine Führung entwickelt. Gerne schlüpft sie dafür auch in andere Rollen.

Kalvarienberg

So hat sie sich z.B. das Wandergewand von Königin Marie, der Mutter Ludwigs II., nachgeschneidert, die eine begeisterte Bergsteigerin war – gegen allen Widerstand der höfischen Gesellschaft. So bekleidet führt sie die Gäste von Füssen auf den Kalvarienberg, von dem aus man einen fantastischen Blick auf die Bergwelt, die Schlösser und die Altstadt hat. Oder sie streift bei einer Vollmondwanderung  in der Dämmerung umher und teilt mit den Menschen, neben den Geschichten immer auch die besonderen Stimmungen in der Landschaft.

„Je nach Wetterlage schaut es hier immer wieder anders aus. Die Berge haben wirklich so ein Eigenleben. Und die Seen, die von oben wie blaue Augen wirken, die in den grünen Wiesen liegen. Ich mag den Blick vom Tegelberghaus, da ist man so entrückt von der Welt. Einfach wunderschön. Ich bin mir sicher, dass Ludwig all seine Geschäfte von hier oben erledigt hätte, wenn er einen Laptop gehabt hätte – am besten gleich mit dem passenden Architekturprogramm.“

Momentan arbeitet Erih Gößler an einer Stadtführung, die Füssen als die romantische Seele von Bayern erlebbar macht. Darin wird sie Poesie und Gesang mit Geschichten über die Stadt verbinden.

Und wie erkundet man die Stadt, wenn es mal keine Führung gibt?

Hier Tipps von Erih Gößler:

„Einfach mitten in die Stadt gehen und auch ein bisschen außerhalb am Lech entlangspazieren. Dann spürt man diesen Kontrast von Lebendigkeit und Stille so schön, die man hier nicht suchen muss. Von den quirligen Gassen ist man schnell im Baumgarten oder auf der Schlossparkbank über dem Lech mit Blick auf den grünen Fluss und die Stadt. Oder weiter nach Bad Faulenbach und hinauf zum Kalvarienberg. Alles ist nah beieinander. Und am besten ein Buch mitnehmen und sich irgendwo hinsetzen und lesen.“