Unterwegs in Füssens Buchenwäldern

 

Erinnern Sie sich noch an den Titelsong der Fernsehserie „Der Mann in den Bergen“ von Thom Pace? Er ist Tom Hennemann quasi auf den Leib geschrieben: „Deep inside the forest is a door into another land (…) Maybe, there’s a world we don’t have to run.“ Die Berge, den Wald – das braucht er einfach zum Glücklichsein. Sobald der Gebietsbetreuer des Ostallgäuer Alpenrandes draußen unterwegs ist, geht ihm das Herz auf. Seine Begeisterung für alpine Lebensräume und den Mikrokosmos Wald, die Tiere und Pflanzen, die dort ihren Schutzraum haben, ist ansteckend. Zum Glück gibt er sie bei seinen Führungen weiter. In Füssen haben es ihm die Bergbuchenwälder im Faulenbacher Tal angetan. „So ein Wald empfängt Dich, umarmt Dich und ist so facettenreich. Auf jedem Zentimeter gibt es etwas zu entdecken“, meint Tom Hennemann begeistert. Gerade im Mai und Juni, wenn das Sonnenlicht das frische Grün der Buchen zum Leuchten bringt und sie sich vom dunklen Nadelkleid der Tannen und Fichten abheben, ist das Eintauchen in die Wälder ein intensives Erlebnis. Im Frühsommer bietet der Gebietsbetreuer dort zwei geführte Touren an.

Grün, wohin man schaut. Der Frühling hat sich in diesem Jahr Zeit gelassen, dafür kommt er nun mit ganzer Kraft. Die Gipfel über dem sagenumwobenen Alatsee sind noch weiß bedeckt, rund ums Wasser jedoch schiebt und sprießt es. Die jungen, frischen Blätter der vielen Buchen stechen besonders hervor. Auch der See leuchtet in magischen Grün- und Blautönen. Tom Hennemann berührt die Blätter einer jungen Buche und findet, dass sich der Flaum so zart anfühlt wie die Wange eines Säuglings. „Wir haben in Bad Faulenbach einen ganz ursprünglichen Bergmischwald, der von Buchen dominiert wird. Die Buchenwälder hier sind überdurchschnittlich artenreich, weil sie im Gegensatz zu anderen sehr licht sind. Diese Buchen bekommen an den steilen Südseiten nicht so viel Wasser ab, dadurch wachsen sie nicht so schnell. In der Mischung mit Tannen, Fichten und Kiefern kommt viel Licht in den Wald hinein, wodurch eine unglaubliche Artenvielfalt entsteht.“

Solche naturnahen Buchenwälder wie im Faulenbacher Tal sind selten geworden. Eigentlich würden sie das Erscheinungsbild weiter Teile Mitteleuropas prägen, denn nach der Eiszeit breitete sich die Buche über große Teile des Kontinents aus. Ohne menschlichen Einfluss wäre auch Deutschland von Natur aus zu zwei Dritteln von Buchen bedeckt. Heute machen sie gerade mal fünfzehn Prozent der gesamten bundesweiten Waldfläche aus. Seit dem Mittelalter wurden zahllose Buchenwälder gerodet, um die Flächen landwirtschaftlich zu nutzen. Vor 200 Jahren begann die systematische Aufforstung der Wälder mit Fichten und Kiefern, beides sehr gefragte, weil schnell wachsende Rohstoffe. So haben nur noch Buchenwald-Fragmente überlebt. Doch die stattlichen Bäume gehören zu unserer Heimat, sie sind sozusagen der Urklang unseres Kontinents. Buchenwälder sind heute Inseln in unserer Kulturlandschaft und Naturschätze, die absolut schutzbedürftig sind.

Die Buchenwälder im Faulenbacher Teil gehören zum europaweiten Schutzgebietsnetz „Natura 2000″ für besonders wertvolle Lebensräume und genießen deshalb gesetzlichen Schutz. Tom Hennemann will den Menschen auf seinen Führungen bewusst machen, warum die Wälder so einzigartig und wichtig sind. Als studierter Forstwissenschaftler weiß er um die vielen Zusammenhänge im Wald und erzählt von Geologie und Kultur, über die Fauna und Flora des besonderen Mikrokosmos. Vor zwei hoch gewachsenen Stämmen bleibt er stehen. „Nur was man erlebt hat, kann man schützen. Buchen sind enorm wichtig für unsere Anstrengungen gegen den Klimawandel im Wald. Sie sind unsere Verbündeten. Diese zwei stattlichen Buchen binden so viel CO2 wie ein Mensch in einem Jahr verbraucht.“ Anders als Nadelbäume kühlen Buchen den Wald, verbessern die Bodenstruktur und sind außerdem ziemlich sturmfest und wenig anfällig für Schädlinge wie den Borkenkäfer.

 

Schützen bedeutet auch zulassen, dass der Wald wachsen, verfallen und sich entwickeln darf, wie er will, und damit seinen eigenen Rhythmus zu respektieren. In den Faulenbacher Wäldern wurde nie intensiv Forstwirtschaft betrieben. So sind hier Bäume in ihren gesamten Lebenskreislauf, in allen Alters- und Zerfallsstadien zu sehen, was der Ästhetik keinen Abbruch tut. Ganz im Gegenteil. „Das ist ursprünglicher Wald und ein besonders wertvoller“, meint Tom Hennemann, „hier explodiert die biologische Vielfalt geradezu.“ Mehr als 1000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten finden in diesem wertvollen Ökosystem einen Lebensraum, darunter viele seltene und gefährdete Arten.

So verschieden die Standorte der Buchenwälder in Deutschland, so unterschiedlich sind auch ihre Bewohner. „Auf so einem Gebirgsrücken kann sich viel Neues entfalten. Die sonst so geraden Säulen der Buchen haben hier ganz bizarre Formen, weil sie Wind und ganz anderen klimatischen Bedingungen ausgesetzt sind als im Flachland. Das macht die Faulenbacher Wälder auch von der Waldästhetik besonders“, meint Tom Hennemann. Zu seiner Arbeit als Gebietsbetreuer gehört auch, Schutzmaßnahmen im Natura 2000-Gebiet Faulenbacher Tal und Alatsee umzusetzen sowie bedrohte Arten zu beobachten und zu dokumentieren.

So hat er auf seinen Streifzügen hier schon Uhu, Mopsfledermaus und Weißrückenspecht entdeckt. Dieser ist in Deutschland sehr selten, weil er als Nahrung auf die holzzersetzenden Insekten in Buchentotholz angewiesen ist. Auch andere Spechtarten wie den Bunt-, Grün-, Grau- und Schwarzspecht hört man auf der Tour mit etwas Glück rufen und klopfen. Tom Hennemann ist auf jeden Fall immer „ganz Ohr“, so dass einem nichts entgehen kann. Da der Gebietsbetreuer tagtäglich zu ganz unterschiedlichen Zeiten im Wald ist, hat er jede noch so kleine Veränderung im Blick und entdeckt auch in den Faulenbacher Wäldern immer wieder etwas Neues. Oben sind ein paar Bilder zu sehen, die er auf seinen Waldtouren hier gemacht macht. Das linke Bild zeigt einen Buntspecht. In der Mitte ist eine Tanne mit Querrillen über die ganze Rinde zu sehen. Sie entstehen, wenn ein Dreizehenspecht in die Rinde hämmert, um an seine proteinreiche Nahrung zu kommen. Das rechte Bild zeigt einen Uhu in seinem Felsunterschlupf.

Es wuselt, raschelt, knackt und duftet im Wald. Laufend bekommt man beim Spaziergang einen neuen Reiz. Auch auf dem Waldboden gibt es viel zu entdecken. Es lohnt sich, einfach mal an einer Stelle stehen zu bleiben und achtsam um sich zu schauen. Der Wald ist ein Mikrokosmos, der erstaunliche Wunder birgt. Er wirkt so still und ist es auch, doch das Leben pulsiert hier immerzu, selbst in eisigen Wintern wie dem letzten. Beständig verfällt und stirbt, keimt und wächst, grünt und wuchert etwas. Ein Kreislauf, in dem alles mit allem verbunden ist und einen Sinn ergibt. Schon eine einzige Buche ist ein eigenes kleines System, in dem viele hundert Arten ihr Zuhause haben – von den Moosen, die auf der Rinde gedeihen bis zu den Vogelnestern in der Krone.

 

So wird man typische Buchenwaldpflanzen und Basenanzeiger wie das Bingelkraut in den Wäldern entdecken. Auch die Weiße Segge, ein Sauergrasgewächs, liebt wie die Buchen lockeren, basen- und kalkreichen Boden, ebenso der Zwergbuchs, das Blaugras, die Felsenbirne, die Mehlbeere und die gewöhnliche Heckenkirsche. Alles organische Material wie trockene Blätter oder Gras wird auf diesem Boden in kurzer Zeit mineralisiert. Mit etwas Glück – oder Tom Hennemanns Hilfe – zeigen sich auch botanische Raritäten wie das weiße und rote Waldvögelein, zwei Orchideenarten, die im späten Frühjahr zu blühen beginnen.

Oben auf dem Gebirgsrücken gibt es eine atemberaubende Überraschung – und den perfekten Platz für eine kleine Pause vom Waldbad: den Zweiseenblick! Erhaben steht man hier über und zwischen dem Alatsee und dem Weißensee – und sieht auf das Grün der Buchen auf den gegenüberliegenden Gebirgszügen. Der Boden ist bedeckt mit Heidel- und Preiselbeersträuchern – ein völlig anderer Bodenbewuchs als zuvor im Wald. Tom Hennemann greift in die dunkle Erde, die fast moorig aussieht: „Auf diesen Kuppenlagen haben wir einen ganz anderen Boden. Das trockene Laub und Gras kann hier nicht so schnell mineralisiert werden und es entsteht eine sehr saure Humusschicht, die wegen ihres hohen Anteils an organischem Material aussieht wie Komposterde. Beerenarten mögen das sehr gerne.“

Nach der Pause geht es wieder mitten hinein in die frühlingsgrünen Buchenwälder im Faulenbacher Tal mit ihren vielen kleinen Wundern und Überraschungen. Sie sind nicht nur ein Ort voller Leben, Nahrungsquelle und gigantische Kohlendioxidspeicher. Sie erzählen auch die Geschichte vom ständigen Kreislauf des Werdens und Vergehens, davon, dass sie ein Stück Heimat und unser Naturerbe sind. Sie laden uns ein, innezuhalten und zu lauschen, uns einfach mal bewusst aus dem Alltag zu nehmen und tief Luft zu holen. Ein Raum, der zeitlos ist, geborgen hält und – wissenschaftlich nachgewiesen – unsere Laune hebt. Eine Anderszeit, die inspiriert – alleine oder bei den Führungen mit Tom Hennemann, dem „Mann aus den Faulenbacher Wäldern“.

Mehr zu den Naturführungen mit Tom Hennemann und Anmeldeinformationen auf der Website vom Landkreis Ostallgäu.

Es gibt es auch Angebote zum „Waldbaden“ im Faulenbacher Tal. Weitere Informationen dazu gibt es hier.