Wie eine kleine Stadt am Alpenrand romantische Herzen berührt

 

Selbst rote Rosen im Dezember vor dem Eiffelturm können mein Winterwochenende in Füssen nicht toppen. Pardon! So gern ich die französische Hauptstadt habe: Wer sein Herz in der kalten Zeit wärmen möchte, sollte Kurs auf die „romantische Seele Bayerns“ nehmen. So nennt sich die Stadt – ganz zu Recht, finde ich. Auch wenn es natürlich vermessen ist, die Metropole mit der Kleinstadt im Allgäu zu vergleichen. Aber letztere hat wirklich ein ganz romantisches Flair.
Füssen liegt auf 808 Metern Höhe am Alpenrand. Da ist die Nebelgrenze oft darunter. Und auch ich habe Glück: Sonne, weiße Schleierwölkchen vor blauem Himmel und vorweihnachtliche Stimmung. Die weiß gepuderte Altstadt mit ihren mittelalterliche Gassen und bunten Häuserfassaden schmiegt sich an das Nordufer des letzten Wilden, wie die Einheimischen den Lech nennen. Auf der anderen Seite wird die Stadt von steinernen Riesen behütet, wie dem Hausberg, dem Säuling über der Franziskanerkirche.

Es ist ein Genuss, durch die ruhigen Gassen zu schlendern. Kein Lärm, wenig Menschen an diesem Samstagmorgen, das tut mir gut. Eine historische Stadt, wie es Füssen ist, hätte ich in dieser Lage nicht erwartet. In der Tourist Information habe ich mir ein paar Infos für einen Rundgang geholt. In der Weihnachtszeit werden jedes Jahr handgearbeitete Krippen in den Schaufenstern der Geschäfte und in den Kirchen ausgestellt. Damit bietet Füssen einer der größten Krippenwanderwege deutschlandweit. Eine tolle Gelegenheit, die Stadt kennenzulernen und an Plätze zu kommen, die einem sonst vielleicht entgehen würden, wie der vor der Franziskanerkirche.

Auf der Panoramatafel der Wandertrilogie Allgäu lese ich, dass ich gerade den Quaglioblick auf Füssen genieße: Das Hohe Schloss, darunter das ehemalige Benediktinerkloster Sankt Mang und die schönen Bürgerhäuser. Domenico Quaglio war einer der bedeutendsten Architekturmaler der deutschen Romantik und hielt diese Aussicht in einem Bild fest.

Ich betrete die Franziskanerkirche und entdecke in einer Nische die Krippe. Während der Weihnachtszeit werden verschiedene biblische Szenen gezeigt: die Verkündigung der Hirten, die Geburt Christi, das Auftreten der Heiligen Drei Könige und die Hochzeit zu Kanaan. Gerade stellt ein älterer Herr die Figuren um. Wir kommen ins Gespräch. Es ist Franz Nagel, der Vorsitzende der Füssener Krippenfreunde. Er erzählt mir, dass die Tradition der Weihnachtskrippen in Füssen einige Jahrhunderte zurückreicht. Die Franziskanerkrippe ist über 100 Jahre alt und gehört zu den wertvollsten Exemplaren. Einige Figuren tragen das Zeichen von Königin Marie von Bayern, der Mutter des berühmten Märchenkönigs Ludwig II. Sie war sehr gläubig und überließ dem Franziskanerkloster einst die wertvollen Figuren, eigentlich als Bestandteil einer Krippe zur Fronleichnams-Prozession.

Über 200 biblische Figuren und Tiere stehen in der 15 Quadratmeter großen Nische, für die vor wenigen Jahren extra die Kirchenmauer ausgehöhlt wurde – hinter dem Beichtstuhl, der in der Weihnachtszeit beiseite gerollt wird. Wohl einer von wenigen fahrbaren Beichtstühlen in Europa. Die Figuren werden nach und nach restauriert – manchmal sind es nur ein paar Nadelstiche an den Kleidern, manchmal aber auch aufwändigere Arbeiten. Für die Kulisse, die die sizilianischen Stadt Taormina zeigt, sollen weitere Gebäude entstehen, damit die Figuren noch besser in Szene gesetzt werden können. Aber auch jetzt wirkt die Krippe sehr lebendig. Wer außerhalb der Weihnachtszeit nach Füssen kommt, kann übrigens vier besondere Krippen ganzjährig im Museum der Stadt Füssen im Kloster Sankt Mang bewundern. Auch die Krippe in der Kirche St. Mang ist als „Jahreskrippe“ ganzjährig zu sehen – mit wechselnden Szenen aus dem Leben Jesu.

Vom Franziskanerkloster laufe ich einen kleinen Pfad nach unten zum Lechufer. Hier öffnet sich unter einem großen Baum wieder ein anderer schöner Blick auf die Stadt. Wirklich zum Verlieben! Ich folge dem Uferweg Richtung Lechfall, der nur 15 Minuten von der Altstadt entfernt ist. Großartig, wie das Wasser mit voller Kraft in die Schlucht rauscht. Sie bietet eine mögliche Erklärung für den Namen der Stadt Füssen: lateinisch „fauces“ heißt Schlund, übertragen also die Stadt an der Schlucht. Die magisch grüne Farbe hat der Lech übrigens von einem besonderen Mineral in den feinen Gesteinspartikeln. Diese werden durch das Licht so gebrochen, dass der Wildfluss türkisgrün erscheint. Unten reckt ein Schwan seine Flügel. Und auch ich bekomme langsam Flügel. Ich fühle mich so leicht, inspiriert und frei, dass ich am liebsten noch einen Tag länger bleiben würde, um noch mehr von der winterlichen Landschaft rund um Füssen zu entdecken. Langsam dämmert es und ich freue mich auf den Adventsmarkt im Innenhof des Klosters Sankt Mang. Auf dem Weg dorthin leuchtet die Kulisse der Stadt in die blaue Stunde hinein und aus den kleinen Fenstern der Altstadthäuser strömt gelb-warmes Licht in die Gassen. Kein Vergleich zu einer Großstadt, wo man im vorweihnachtlichen Getümmel fast keine Luft bekommt. Ich mag es lieber so geborgen und gemütlich.
In einem kleinen Laden entdecke ich Bayerns Märchenkönig auf einem Teller. Er ließ vor den Toren der Stadt das berühmte Schloss Neuschwanstein erbauen. Die Verkäuferin ist offensichtlich ein Fan des Monarchen und scheint sich ziemlich gut auszukennen. Sie erzählt mir, dass Ludwig II. durch und durch ein Romantiker gewesen sei und sein Märchenschloss für die Erfüllung großer Träume stehe. Schöne Interpretation – und ich bin geneigt, ihr zu glauben. Das Schloss als Trevi-Brunnen des Allgäus. Teller gekauft – vielleicht hilft er mir dabei, meine eigenen Träume wirklich werden zu lassen. Angeblich soll Ludwig II. sehr großzügig gewesen sein. Er liebte Weihnachten und kaufte wohl eine unvorstellbare Menge an Geschenken – auch für Bedienstete und Kinder. Jährlich habe er bis zu 300.000 Mark für Schmuck, Uhren, Porzellan, Bücher und andere Habseligkeiten ausgegeben. Umgerechnet wären das heute satte drei Millionen Euro. Obwohl sein Schloss in nächster Nähe ist, werde ich es heute nicht mehr schaffen, dorthin zu gehen. Morgen aber steht es fest auf meiner Wunschliste. Es ist bestimmt ein Traum, wie es in der verschneiten Landschaft steht.

Beim Füssener Adventsmarkt ist der Innenhof des Klosters St. Mang wunderschön beleuchtet. Die kleinen Markthäuschen unter den barocken Hoffassaden sind den Altstadthäusern nachempfunden und festlich geschmückt. Es wird viel Selbstgemachtes und Handwerkliches angeboten: Christbaumschmuck, Teemischungen, Kunsthandwerk aus Filz und Holz. Kein Schnickschnack von der Stange. Ein Chor singt „Stille Nacht“. Wenn ich jetzt kein warmes Herz bekäme, würde irgendwas nicht stimmen. Mehr Winterromantik geht wirklich nicht!