Maler Peter Jente und der Märchenkönig

 

Am Können dieses Mannes hätte König Ludwig II. viel Freude gehabt. Hätte der Füssener Künstler Peter Jente zur Zeit des Monarchen gelebt, wäre er wahrscheinlich zum bayerischen Hofmaler ernannt worden und damit beschäftigt gewesen, im Märchenschloss Neuschwanstein mittelalterliche Sagen an die Wände zu malen.

Vor kurzem war die Bühne von Ludwigs Festspielhaus am Forggensee sein Arbeitsplatz. Während der vorstellungsfreien Zeit hat Peter Jente die Urwaldlandschaft aus dem Sängersaal, dem Herzstück des Schlosses, mit Acrylfarben auf einen 11 mal 25 Meter großen Nesselstoff übertragen. Vier Wochen lang war er viele Stunden damit beschäftigt, um das Kunstwerk auf das dünne Material zu malen. Seit dieser Saison blicken die Zuschauer nun vor Beginn des Musicals Ludwig² auf den riesigen Wald mit der Esche im Mittelpunkt, die als Weltenbaum den gesamten Kosmos verkörpert. „Ich finde es spannend, was die Leute so alles entdecken, wenn sie 20 Minuten davor sitzen. Da können sie ganz eintauchen und abschweifen.“, so Jente. Träumen eben, wie der König selbst.

Faszinierend, wie der Künstler sich die Anordnung der Elemente merken konnte. „Davor hab ich natürlich das Bild in Koordinaten eingeteilt, DINA3-Kopien gemacht und es dann auf dem Stoff mit Kreide vorgezeichnet.“ Wie bei einem Puzzle setzte er ein Stück ans andere. Irgendwann brauchte er auch die Kopien nicht mehr, er hatte alles im Kopf und wusste genau, wo welches Detail hinkommt. Drei- bis viermal musste er bei hellen Farbtönen über den dunklen Stoff malen, um die gewünschten Lichteffekte zu erzeugen. Auch der Wechsel der Tagesstimmung in den Abend hinein wollte er vom Original übertragen.

Das Ergebnis hat er immer erst am nächsten Tag gesehen – von hoch oben auf der Leiter. Und tatsächlich entfaltet sich die magische Wirkung des Vorhangs erst aus der Ferne, so wie das eben oft bei Gemälden ist.

Auch das Original wird derzeit genau unter die Lupe genommen. Nach der Außensanierung wird Neuschwanstein erstmals im Innern vollständig restauriert – bis 2020 und für 20 Millionen Euro. Mehr als 2300 Objekte wie Gemälde, Wandfassungen, Möbelstücke, Textilien, Kunsthandwerk, Holzbauteile, Fenster und Türen in 93 Räumen sollen so dauerhaft konserviert werden. Darunter auch der Sängersaal als größter Raum, dessen Rohbau 1880 vollendet wurde und dessen Vorbild der gleichnamige Saal in der Wartburg in Eisenach war Das Bildprogramm orientiert sich an Richard Wagners Oper Tannhäuser. Ludwig II. verehrte und förderte den Komponisten sehr – und errichtete auch ihm zu Ehren das Schloss. Der Festsaal, der nie als solcher vom König genutzt wurde, zeigt an den Wänden Motive aus dem Parzival-Epos. Darin sind die Gralslegende und die Sage des Schwanenritters Lohengrin vereint. Sie stehen symbolhaft für die Tugenden, die Ludwig zeitlebens so wichtig waren: Reinheit, Ehre, Treue und Liebe.

Doch auch in den anderen Räumen liest es sich wie in einem Sagenbuch. Die Wände sind aufwändig bemalt. Überall sind die Themen aus Wagners Opern präsent. Vor allem die Kunstschaffenden profitierten von der Gunst Ludwigs. Er hatte sehr genaue Vorstellungen, wie seine Vision einer mittelalterlichen Gralsburg aussehen soll – und er erschuf ein Gesamtkunstwerk, das lange nicht als solches erkannt wurde. Inspiriert war er durch die mittelalterliche Bilderwelt in den Räumen von Schloss Hohenschwangau, in dem Ludwig viele Tage seiner Kindheit verbrachte und die ihn entscheidend prägte. Er erschuf sich mit Neuschwanstein einen romantischen Gegenentwurf zu den enormen wirtschaftlichen Umbrüchen der beginnenden Industrialisierung. Trotzdem war er technischen Neuerungen nie verschlossen, ganz im Gegenteil. Auch in Neuschwanstein ließ er neueste technische Errungenschaften wie eine Rufanlage für die Bediensteten, Toilettenspülungen und eine Heißluft-Zentralheizung einbauen. Derzeit wird in deren Rohrsystem eine Lüftungsanlage installiert, um Feuchtigkeit in den Räumen zu absorbieren und so Bausubstanz und Ausstattung zu erhalten. Ludwig war ein Träumer, aber auch ein großer Visionär. Und so „gspinnert“ das Schloss für manche Zeitgenossen erschien: Das Bauwerk ist heute der Inbegriff eines Schlosses, ein Sehnsuchtsort. Und war für die Menschen in der damaligen Zeit ein Segen, denn Handwerker und Kunstschaffende profitierten von den vielen Bauvorhaben des Königs – bis heute.

So war Neuschwanstein einst die größte Baustelle des Landes: Gerade mal 150 Jahre ist es her, dass der Grundstein für das heute weltbekannte Märchenschloss gelegt wurde. Neben der Arbeit auf der Baustelle und bei der Innenausstattung, mussten auch Straßen und Wasserleitungen gebaut werden. Über zwei Jahrzehnte hinweg waren mehrere hunderte Arbeiter beschäftigt. Genaue Zahlen gibt es leider nicht, manche Quellen sprechen von bis zu 700, was aber eher für alle Schlösserbauten des Königs zusammen galt. Auch einiges an Baumaterial stammte aus der nahen Umgebung, wie z.B. der weiße Kalkstein, mit dem die Schlossfassaden verkleidet wurden und der aus dem Steinbruch „Alter Schrofen“ am Schwanseepark stammte. Der König begutachtete vom Torbau des Schlosses aus die fortschreitenden Bauarbeiten. Bei Restaurierungen ist die Wohnung dort heute immer wieder das zeitweilige „Zuhause“ von Bauarbeitern und Handwerkern.

Alle Arbeiter wurden vom König hochgeachtet, denn sie setzten seine Träume und Vorstellungen in die Realität um. So soll er sogar einen Vorläufer der Krankenversicherung in Deutschland, den Krankenunterstützungsverein Schwangau, großzügig unterstützt haben. Dieser wurde während der Schlossbauarbeiten von Arbeitern gegründet. Bei einem Unfall zahlte der Verein Sozialleistungen. Aus Überlieferungen finden sich viele Belege dafür, dass sich Ludwig II. sehr dafür engagierte, dass gerade der Lebensstandard der ärmeren Volksschichten angehoben werden sollte.

Peter Jente wäre auf jeden Fall gerne bei ihm als Maler beschäftigt gewesen, auch wenn es dem Monarchen sicher nicht so gefallen hätte, wenn dieser sich für ein feines Päuschen in den Märchenwald gelegt hätte. Aber der lädt eben einfach so sehr zum Träumen ein.