Ein Blick hinter die Kulissen des Musicals Ludwig²

 

Da steht er, der König alias Jan Ammann und wartet auf seinen Einsatz bei der Generalprobe für die neue Spielzeit des Musicals Ludwig² in Füssen. Dem echten Märchenkönig Ludwig II. waren öffentliche Auftritte zuwider. Menschenscheu wie er war, fühlte er sich selbst in kleiner Gesellschaft unwohl. Aber: Er liebte das Theater und die Musik – und ein Festspielhaus unterhalb seines Schlosses Neuschwanstein wäre sicher ganz in seinem Sinne gewesen. Man mag sich vorstellen, wie der Monarch heute in der Königsloge sitzen würde – aufmerksam und wahrscheinlich voller Neugier würde er sich das Musical über sein Leben anschauen.

Besser gesagt, über den Mythos, der aus seinem rätselhaften wie widersprüchlichen Leben in vielen Köpfen entstanden ist. So würde er sich vielleicht an mancher Stelle räuspern, z.B. bei der Darstellung der Liebe zu seiner Cousine Sissi. Die beiden fühlten sich seelenverwandt, waren jedoch nie ein Liebespaar. Aber das Musical erhebt auch nicht den Anspruch historische Fakten abzubilden. Was aber nicht heißt, dass diese ganz unter den Tisch fallen. Vielmehr geht es darum, welche Werte, Ideale und Träume König Ludwig verkörpert.

Jan Ammann, der 2003 erstmals in die Königsrolle schlüpfte und heute zu den bekanntesten Musicaldarstellern in Deutschland gehört, könnte wahrscheinlich ohne Probleme durch Schloss Neuschwanstein führen und Besucher mit Details aus Ludwigs Leben beeindrucken. Welch ein Zufall, dass der klassisch ausgebildete Sänger und Schauspieler am gleichen Tag Geburtstag hat wie Ludwig II. und zudem dieselbe Statur hat. Gerade die Vielschichtigkeit und die Empfindsamkeit des Monarchen machen für Ammann die Figur so spannend. Mit wachsender Lebenserfahrung könne er immer tiefer in den Charakter eintauchen und andere Facetten spielen als mit Anfang 20. Die Rolle ist mit ihm gewachsen und er mit ihr. Der Darsteller verspürt eine „latente Sympathie und Ähnlichkeit“ mit dem König – und findet, dass dieser eine wichtige Botschaft für die heutige Zeit hat:

Einen Traum hat sich auch Benjamin Sahler erfüllt: mit Ludwig². Es ist sein Verdienst – und der vieler Fans, dass das Musical heute wieder in Füssen zu erleben ist. Obwohl er schon immer eine große Leidenschaft fürs Theater hatte, wechselte er nach vielen Jahren als Regisseur für Oper, Operette, Schauspiel und Musical aus privaten Gründen zum Internethandel. Doch echte Träume sterben nicht. Deshalb rührte ihn die Geschichte des Königs auch so an, als er vor ein paar Jahren vom Musical und dem Festspielhaus in Füssen erfuhr. „Künstler zu sein ist ein Beruf, aber auch eine Berufung für mich. In dem Weltschmerz, den Ludwig hatte, seiner Verzweiflung an Menschen und Sachzwängen und seiner Suche nach dem Schönen konnte ich mich wiederfinden und war berührt.“

Benjamin Sahler (links) wollte das Werk unbedingt live hören, doch dazu musste er es wiederbeleben, denn die letzte Vorstellung lag acht Jahre zurück. Belächelt wurde er für seine Idee – die nächste Parallele zum Märchenkönig. Er finanzierte das Projekt über viele kleine Anleger mittels Crowdfunding vor – es wurde das erfolgreichste der europäischen Theatergeschichte. Das war 2015. Seitdem arbeitet er voller Enthusiasmus an dem Erfolg von Ludwig². Das Musical ist sein Herzensprojekt und das seines Teams. Es ist heute so, wie er sich es am Anfang vorgestellt hat. Sahler will nicht nur unterhalten. Mit seiner „neuen romantischen Oper“, einer Mischung aus Melodram und Thriller, will er bei den Zuschauern Sehnsüchte wecken, deren Herz berühren und ihnen so für ein paar Stunden eine Auszeit schenken.

Hinter den Kulissen gibt es noch viel zu tun, bevor die neue Ludwig²-Spielzeit am 16. Mai startet. So müssen neben den Proben für Darsteller und Technik, z.B. die aufwendigen und schweren Kostüme geändert und Kulissen ausgebessert werden. Inhaltlich wird jedes Jahr weiter an Details gefeilt, auch Publikumswünsche hat Regisseur Benjamin Sahler im Blick. Viele hatten von der Urfassung noch den Auftritt eines echten Pferdes in Erinnerung. Ist und bleibt es doch das Symbol eines Traumritters. So wird dieses Mal wahrscheinlich Hengst Travieso für kurze Zeit auftreten. Erst einmal muss sich der Schimmel aber an die Bühne und den hohlen Klang der Bretter unter seinen Hufen gewöhnen.

Auf ihren Auftritt freuen sich diese vier Jungs. Sie alle mimen Ludwig in seiner Kindheit. Insgesamt sind es sogar zwölf kleine Prinzen, da die Veranstaltungen auch unter der Woche laufen – und am nächsten Tag Schule ist. Wer abends auftritt, darf aber eine Stunde später zum Unterricht kommen. Zwei Prinzen reisen extra aus Stuttgart und dem Saarland an.

Insgesamt besteht das Ensemble in diesem Jahr aus 80 Darstellern, darunter 35 Laien aus dem Allgäu. Alle Rollen sind mehrfach besetzt. Viele Darsteller wechseln während der Vorstellung ihre Besetzung. Dann müssen schnell die Kostüme getauscht werden. So ist immer Gewusel hinter der Bühne.

Noch ein paar Minuten, dann kann die Generalprobe laufen. Die Hauptdarsteller Jan Ammann und Anna Hofbauer als Sissi nehmen sich hinter der Bühne noch ein paar Momente, um sich zu fokussieren und den Auftritt im Geist nochmal durchzugehen. Alles, was für das Stück erarbeitet und erprobt wurde, muss jetzt als großes Gewerk ineinander greifen: Schauspieler und Sänger müssen auf den Punkt präsent sein, Bühnen- und Lichttechniker ihre Lichtstimmungen exakt setzen und der Soundmann wissen, wann und wo die Mikros auf sein müssen.

Gerade die ersten Auftritte in der neuen Spielzeit sind für das gesamte Team herausfordernd. „Vor allem die Premiere ist immer ziemlich aufregend und der Adrenalinfaktor deutlich höher“, findet Jan Ammann, „da bin ich hinterher wie geduscht, aber auch sehr glücklich, wenn es geschafft ist.“

Die Generalprobe ist zu Ende. Jan Ammann geht noch ein paar Schritte vor dem Festspielhaus. Er mag es, draußen zu sein. Da kann er am besten runterkommen. Für ihn sind seine Auftritte in Füssen immer wie „heimkommen“. Am Forggensee, direkt unterhalb des Musicaltheaters, genießt er noch für ein paar Momente die besondere Stimmung – obwohl die Sonne nicht scheint. Von hier scheint sich das Bühnenbild des Theaters bis zur majestätischen Bergkulisse gegenüber zu spannen, vor der sich Schloss Neuschwanstein abhebt. Genau deshalb ist für ihn und Benjamin Sahler eine Reise nach Füssen mehr als nur ein Musicalbesuch. „Ich finde die Verbindung zwischen Schloss und Theater einzigartig. Das ist so wahnsinnig anders“, meint der Regisseur und lächelt begeistert. Das sehen wohl auch viele Zuschauer so: Die Nachfrage an Tickets ist groß. So wurde die Spielzeit 2019 deutlich verlängert: Bis Januar 2020 wird 77 Mal der Vorhang für Ludwig² aufgehen, das sind 16 Vorstellungen mehr als im letzten Jahr. Es kann sich also lohnen, nicht nur an seine Träume zu glauben sondern sie auch zu leben.