Ein ‚vielsaitiges‘ Wochenende in Füssen

 

 

Als Journalistin habe ich das große Glück, bei den Recherchen zu meinen Geschichten immer neue Menschen und interessante Plätze kennenzulernen. Spannend finde ich, mal Naheliegendes aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Füssen zum Beispiel. Wer in den Urlaub fährt, macht sich meist die Mühe, einen kleinen Reiseführer zu kaufen oder sich in der Tourist-Information ein paar Tipps für eine Stadterkundung abzuholen. Orte, die in der Nähe sind dagegen kennt man vom Einkaufen, Weggehen oder von Terminen und weiß oft gar nicht so viel von den interessanten Hintergründen. So geht es mir auch mit Füssen. Eigentlich ziemlich schade. Ich möchte mir deshalb für diese schöne historische Stadt am Alpenrand mal ein Wochenende lang bewusst Zeit nehmen und sie als „Gast“ erleben.

Ich habe mir schon davor den Ortsprospekt und ein paar Kulturtipps geholt, außerdem auf der Webseite geschaut, was ich dort alles machen kann. Füssen trägt den Claim „Die romantische Seele Bayerns“. Doch was ist eigentlich romantisch? Traute Zweisamkeit, Candle-Dinner oder geht es vielmehr um die gefühlsbetonte Wahrnehmung von etwas? Um etwas Geheimnisvolles, Zauberhaftes, um die Nähe zur Natur, Werte wie Freiheit und Individualität, also alles, was für die Epoche der deutschen Romantiker steht? Ich werde es herausfinden. Auf jeden Fall ist heute nichts mit Zweisamkeit – ich erkunde die Stadt allein.

Schon die Ankunft – nach gut 20 Minuten – ist großartig und entschädigt mich für eine anstrengende Woche. Es ist Samstagmorgen und die Felskanten der Berge wie dem Säuling sind gestochen scharf gezeichnet, die Wiesen weich und einladend darunter gebettet. Ich atme auf – und ja, diese Blicke in den erwachenden Tag allein sind schon romantisch. Füssen liegt wirklich toll. Eine Einladung, nicht nur die Stadt zu besuchen, sondern auch die fantastische Natur, die sie umgibt.
Wenn ich in einer Stadt bin, verschaffe ich mir als erstes immer gerne einen Überblick von oben. Ich laufe also durch den Baumgarten zum Hohen Schloss hinauf und steige auf den Fallturm. Gerade werden die bunten Häuser und Gassen von der Morgensonne aus dem Schlaf geholt. Ein ganz stiller Moment, nur die Vögel im Baumgarten zwitschern um die Wette. Das Hohe Schloss mit der täuschend echten Fassadenmalerei lohnt einen Besuch. Es gilt als eine der besterhaltenen mittelalterlichen Burganlagen in Bayern. Innen beherbergt es heute die Städtische Galerie und eine Filialgalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Wie eine kleine Stadt europäische Musikgeschichte schrieb

 

Was ich an der Stadt mag, sind die schmalen Gassen mit ihren bunten Häuserfassaden und die vielen gemütlichen Plätze und Cafés. Das wirkt sehr mediterran und lädt zum Verweilen ein. Keine Hektik, kein Lärm, einfach ein angenehmes Flair. Außerdem scheinen Häuser, Fassaden, Gärten und Tore Geschichten zu erzählen. Und hier ein kleiner Überblick über die Stadtgeschichte.

Die Ursprünge Füssens reichen bis in die Römerzeit zurück, als die Via Claudia Augusta von Norditalien nach Augsburg gebaut wurde. In der spätrömischen Zeit wurde auf dem heutigen Schlossberg ein Kastell errichtet, um die Römerstraße am Lechübergang zu sichern. Im 8. Jahrhundert ließ sich der St. Gallener Wandermönch Magnus an diesem Platz nieder. Seitdem ist er der Stadtpatron von Füssen. Am Ort seiner Mönchszelle gründete im 9. Jahrhundert der Bischof von Augsburg ein Benediktinerkloster und nannte es nach Magnus St. Mang. Über 1000 Jahre war es das religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Region. Später unterstand die Stadt wie das Kloster den Augsburger Bischöfen. Diese bauten das Hohe Schloss als Verwaltungssitz und Sommerresidenz aus. Besonderen Glanz erfuhr die Stadt durch fast vierzig Aufenthalte von Kaiser Maximilian I. und dessen Hofstaat hier. Bis zu den Notzeiten des Dreißigjährigen Krieges florierten Handwerk und Handel in Füssen. Die Stadt gilt sogar als europäische Wiege des Lauten- und Geigenbaus – abseits der großen Musikmetropolen. Im Hochbarock wurde die Abtei St. Mang neu gebaut und sie zählt heute zu den eindrucksvollsten Klosteranlagen Süddeutschlands.

Das Kloster Sankt Mang ist wirklich ein kunstgeschichtliches Kleinod. Ich war schon öfter dort, weil unter anderem die Stadtverwaltung hier untergebracht ist, aber heute will ich einfach mit Muße das Museum der Stadt Füssen mit seinen wunderbaren barocken Räumen und den kostbaren historischen Lauten und Geigen durchstreifen und entspannt trüffeln.

Die Klosterbibliothek ist mein absoluter Favorit. Der wechselnde Lichteinfall spielt die Farben immer wieder anders. Heute mischen sie sich mit zarten Geigenklängen. Zur Zeit ist das Kloster voller Musik, denn das Festival vielsaitig läuft. Bei diesem Konzertreigen wird das Erbe Füssens und die Verbindung von Geigenbau und Musik immer wieder neu beleuchtet. Jedes Jahr steht das Festival deshalb unter einem anderen Motto und schafft Bezüge zur umgebenden Natur, zu prägenden Elementen im Stadtbild oder zu historischen Ereignissen. Dieses Mal ist das Thema „ver-rückt“. Ich bin gespannt! In den historischen Räumen wird geprobt und unterrichtet. Abends finden Konzerte mit renommierten Musikern und Sängern statt, auch Meisterschüler treten auf. Eine von ihnen ist Felicitas Fischbein. Ich treffe sie in der Bibliothek und wir plaudern ein bisschen. Sie studiert in Hamburg Instrumentalpädagogik und ist spontan für eine Freundin eingesprungen, die ihren Platz im Meisterkurs während des Festivals absagen musste. Felicitas erzählt, dass sie erst einmal schauen musste, wo Füssen liegt und dass sie jetzt gar nicht mehr aus diesem „Schutzraum“ raus will, den ihr die Stadt schenkt. „Es ist unfassbar pittoresk und schön hier. Alles ist so nah beieinander. Außerdem genieße ich die Arbeitsatmosphäre. So intensiv kann ich mich sonst nicht dem Geigenspiel widmen und hier ist der innere Fokus ein ganz anderer. Ich genieße dieses Nicht-Zerstreutsein.“

Seit 16 Jahren sind die Musiker des Verdi Quartetts der Dreh- und Angelpunkt des Festivals. Susanne Rabenschlag, Matthias Ellinger, Karin Wolf und Zoltan Paulich empfinden ihre Zeit hier als „Nach-Hause-Kommen“. Traditionell geben sie das Eröffnungskonzert und unterrichten während ihres Aufenthalts bis zu 10 Studenten, die professionelle Musiker werden wollen. In Einzelstunden schauen sie darauf, was die Meisterschüler brauchen, um sich handwerklich zu verbessern oder um ihren künstlerischen Ausdruck weiter zu entwickeln.

Um die Tradition des Geigenbaus zu zeigen, gehört zum Festival immer auch der „Treffpunkt Geigenbau“ im Kloster dazu. So können Besucher dem Füssener Geigenbauer Oliver Radke bei der Arbeit zusehen, Lehrer und Schüler sich mit ihm austauschen und Instrumente verschiedener Werkstätten ausprobieren. Am Abend treten renommierte Ensembles im Kaisersaal auf und zeigen ihre eigene Interpretation des Festivalmottos. Auch die Meisterschüler geben Konzerte. Im Innenhof startet schon der bunte Empfang für den Abend im Klosterhof.

Ich mache noch einen kleinen Abstecher zur italienischen Eisdiele und gönne mir eine leckere Kugel – von der Sorte, die extra für das Festival kreiert wurde. Bald erklingt das Eröffnungskonzert des Verdi-Quartetts. Ich bin gespannt, wie die vier das Motto umsetzen werden und fühle mich auch schon ganz „ver-rückt“. Ich habe Füssen heute aus einer ganz anderen Perspektive als sonst wahrgenommen. Die Stadt hat mich mit Musik, Kunst und Leichtigkeit (romantisch) verzaubert. Aus meiner Alltagswelt wohltuend bin ich heute rausgerutscht – und das nur ein paar Kilometer entfernt von meinem Zuhause.
Lust auf kandierte Veilchen und kalte Füße? – Hier geht es zu Tag 2 des ‚viel-saitigen‘ Wochenendes.