Wie Steffen Kalmus Kunstwerke aus dem Lech zaubert

 

Seine Werke brauchen keine Farbe, keinen Kleister und keine Deko. Sie sind ganz pur und sie erzählen eine schöne Geschichte: vom Lech und seinen Schätzen, die er mit sich schwemmt – Hölzer und Jahrmillionen alte Steine. Steffen Kalmus arbeitet mit Material, das der türkisfarbene Fluss durch seine immense Kraft schon für ihn vorgeschliffen hat und ihm fast vor die Tür liefert. Nur ein paar Minuten von seinem Haus im österreichischen Musau, kurz hinter Füssen, fließt der „letzte“ Wilde vorbei.

Dass der Künstler meist mit gesenktem Haupt durch Wälder, entlang von Uferböschungen und – bei niedrigem Wasserstand – auch durch den Kiesboden des Lechs streift, hat nichts mit seiner Laune zu tun. Diese ist bei ihm ausgesprochen gut. Er sucht nach Schwemmholz in ausgefallenen Formen und nach schönen Steinen. „Ich gehe ganz langsam mit offenen Augen durch die Natur, um alles zu erfassen. Manchmal stecken die Schätze noch im Sand oder in Büschen drin. Dabei verliere ich mich wunderbar in der Landschaft.“

Normal spazieren gehen kann Steffen Kalmus nicht mehr, er ist ein richtiger Sammler geworden. Wer im Herbst Pilze sucht, kennt vielleicht das Gefühl, hinter jeden Baum schauen zu müssen. Auch ihm geht es so. Wenn er mit seinen Kindern unterwegs ist, sucht er rund um den Spielplatz das Gelände ab. Spannend findet er aber, wenn alle zusammen nach schönen Fundstücken am Lech suchen. „In den hab mich sofort verliebt. Hier ist er so wild und ursprünglich, das findet man selten. Vor allem ist die Farbe wunderschön.“ Seine Leidenschaft härtet ihn außerdem gut ab: „Ich hab die volle Begegnung mit dem Fluss, denn beim Suchen wechsle ich die Seiten. Da bitzelt das kalte Wasser richtig an den Beinen.“ Eine kleine Kneippkur im Vorbeigehen …

Den Fluss kannte er schon aus seiner Zeit in Augsburg, als er mit 16 Jahren eine Lehre als Parkettleger machte. Ursprünglich kommt er aus Bautzen. Die Idee, aus Schwemmholz Kunst und Möbel zu kreieren, kam ihm aber erst in Füssen. Als er 2004 hierher zog, überbrachte ihm der Lech ein Geschenk: durch das Hochwasser gab es Fußballfelder voller Schwemmholz, von dem auch noch heute einiges in seinem Fundus lagert. Hier wohnte er am Forggensee und fand eine große Wurzel, aus der dieses Küchenregal entstand. Die Initialzündung. Um mit dem Material zu experimentieren, mietete er später einen Raum in der Kunsthalle am Lech.

Steffen Kalmus nimmt das, was ihm gefällt und erkennt auf den ersten Blick, wie lange das Stück schon im Wasser war. Frisches Schwemmholz ist ihm am liebsten. Er findet es schade, dass er sich auf Tragbares beschränken muss. Manchmal sind die Stücke zu groß, als dass er sie im Kinderwagen oder Fahrradanhänger mitnehmen könnte.

Manchmal weiß er schon beim Finden, was er aus dem Holz machen will und legt spontan los. Dann wieder „dauert es doch ewig, bis ich weiß, was daraus werden soll.“ Beim Betrachter seiner Werken springt auf jeden Fall das Kopfkino an. Diese sind überraschend anders und wirken gleichzeitig ganz natürlich. Unter der Rinde legt er den Kern des Holzes frei. Dann entdeckt Steffen Kalmus erst, was alles darin steckt. „Wie beim Marmor hat so ein Holz ähnliche Strukturen und man kann darin Gesichter und Tiere erkennen. Manchmal haben die Wurzeln menschliche Züge und Falten, das ist wirklich unglaublich und macht meine Arbeit total spannend.“

Der Kunsthandwerker lässt sich von der wilden Form und den Bildern, die er im Holz entdeckt, inspirieren. „Aus einer Wurzel kann man wirklich alles machen, auch ganz verrückte Sachen, wie beispielsweise eine E-Gitarre oder einen Tretroller. Deshalb bleibe ich ganz offen und schaue, wo mich das Holz hinführt.“ Er findet, dass all seine Fundstücke sehr eigen sind. Auf Kundenwünsche kann er so auch nur bedingt eingehen. Eine grobe Grundidee ist in Ordnung, aber dann darf man sich überraschen lassen, was Steffen Kalmus daraus macht. Er kann ja keine Bestellliste für bestimmte Wurzeln beim Lech aufgeben.

Sein Bad wirkt wie ein Flussverlauf. Aus Lechkieseln und -steinen hat er einen Boden gelegt, auch Wanne und Nischen sind damit gestaltet. Dort steht auch ein kleines Kunstwerk seiner Tochter. Seine Leidenschaft hinterlässt offensichtlich Spuren. Umgekehrt aber haben auch seine Kinder ihn zu Neuem inspiriert.

Seine Spielhäuser sind kleine Welten, in denen diese ganz leicht mit ihrer Fantasie eintauchen können. Da sitzen dann Elfen unter einem Pilz oder Zwerge in der Höhle. Am liebsten aber würde man sich selbst hineinlegen. „Das ist ja auch generell etwas ganz Erdiges, in der Wohnung so eine Wurzel zu haben. Die runden Formen geben einen schönen Kontrast zu einer modernen Einrichtung. Und warum sollte so ein Stück nicht ganz wild sein? Frei Geschaffenes ist was ganz Schönes für’s Auge.“

Auch ihn selbst erden die Wurzeln. Mit ihnen kommt er vom normalen Alltag leicht in etwas Verträumtes rein. „Ich frage mich immer auch, wie ich die Welt schöner machen kann. Es ist eine Wohltat, mit den Wurzeln zu arbeiten. Wenn ich das nicht machen kann, fühle ich mich leer. Ich brauche das einfach, so wie musizieren oder malen. Da entsteht ein Raum, wo alles passieren darf.“

Deshalb plant er für dieses Jahr einen Ausstellungsraum in der Tenne, wo er seine Werke zeigen und anbieten kann. Er mag den Kontakt zu den Leuten und freut sich, wenn sie ein Auge für seine Lechschätze haben.