Inspirationsreise zum Säuling

 

Eigentlich wäre er schon längst in einen Kokon gehüllt. Wenn man die vielen Sagen, Mythen und Erzählungen, die um diesen Berg schon gesponnen wurden, als Fäden sichtbar machen würde. Immer wieder wird an der ein oder anderen Stelle auch etwas hinzugedichtet – bis heute. So wie es eben ist, wenn Geschichten mündlich überliefert und weitergegeben werden und einen die Magie des Berges in ihren Bann gezogen hat.

Der Säuling – er ist eine Landmarke. Ein Wegweiser. Markant geformt vom schmelzenden Eis eines Alpengletschers. An diesem freistehenden Massiv der Ammergauer Alpen und Hausberg von Füssen kann man sich fast überall in der Allgäuer Schlossparkregion orientieren. Das war vor allem in früheren Zeiten nicht nur für die Einheimischen extrem wichtig, sondern auch für Reisende, denen er von Norden, Nordosten und Westen den Weg gewiesen hat. Man kommt ihm nicht aus. Auch ich nicht.

Dieser Gipfel begleitet mich, egal wo ich mich im Schlosspark bewege. Selbst von meinem Büro, Balkon und Küchenfenster aus sehe ich ihn. Oder blickt er mich etwa an? Jeden Tag erscheint mir der Berg in einer anderen Stimmung: im Sonnenlicht stattlich, bei Gewitter bedrohlich und manchmal versteckt er sich gänzlich hinter Wolken. Und hier, von diesem Platz aus, möchte ich Sie mitnehmen auf eine Inspirationsreise. Eintauchen in eine Anderszeit. Berge sind Meister, wenn es darum geht, uns aus dem Alltag zu holen. Umso mehr, wenn es spannende Geschichten über sie zu berichten gibt. Deshalb: Hier keine Wanderinfos. Keine Tourentipps. Dafür ein großes Stück Zauber und Magie.

Des Öfteren wird der 2047 Meter hohe Säuling als Götterberg oder als heiliger Berg bezeichnet. Definitiv sprechen einige Merkmale dafür: seine exponierte Lage, seine markante pyramidenähnliche Form, seine Bodenschätze. Es würde aber auch bedeuten, dass die Menschen den Steinriesen als eigene Gottheit gesehen hätten oder als Wohnsitz von Gottheiten, von Geistern und Dämonen, die es zu besänftigen galt. Ein heiliger Berg ist eine Brücke zwischen Himmel und Erde und eine Quelle von Fruchtbarkeit und Leben – fernab von menschlichen Einflüssen. Oft ranken um besonders auffällige Berge Schöpfungsmythen, die vom Weltbild der Menschen erzählen und davon, wie sie ihren Platz darin finden können. In naturnahen Kulturen und Religionen wie z.B. in Asien oder Südamerika werden Götterberge noch heute wie Persönlichkeiten zutiefst verehrt. Sie geben den Menschen Orientierung im zeitlichen wie geografischen Sinne, aber auch im Leben, und schicken ihnen wichtige Zeichen. So gelingt es vielleicht besser, mit Naturgewalten umzugehen.

Man kann sich gut vorstellen, dass auch die Menschen im Füssener Land den mächtigen und unverkennbaren Säuling am Rand der Nordalpen einst ehrfürchtig betrachtet haben. Sein Name ist der älteste überlieferte Bergname in der Region. Das zeigt schon an, wie wichtig der Säuling für die Menschen gewesen sein muss. Zur Bedeutung des Namens haben die Heimat- und Namensforscher ganz unterschiedliche Interpretationen. Erstmals wurde der Name „Siulinch“ im Jahr 895 in der Vita des Heiligen Magnus, dem Stadtpatron von Füssen, niedergeschrieben. Die Bezeichnung könnte aus dem Althochdeutschen stammen und bedeuten, dass der Säuling wie eine Säule wirkt. Nun hat der Berg zwar viele Gesichter – jedoch wirkt er von keiner Seite wie eine Säule. Deshalb ist es wichtig, nicht von heute auf den Bergnamen zu schauen, sondern aus der Sicht unserer Vorfahren. Was war für einen Alemannen oder Germanen eine Säule? Ein Wegweiser und vielleicht auch eine Art Verbindung zu einer größeren Himmelsmacht? Eine Säule also, die durch die Wolken bricht und damit die Verbindung von Himmel und Erde darstellt. Auch die Ableitung von „Sieling“, das im Keltischen Himmel bedeutet, ist eine mögliche Erklärung für den Säuling als ein Berg, der dem Himmel ganz nah ist. Andere meinen, an der Ostflanke, die zum Sonnenaufgang ausgerichtet ist, ein Gesicht zu erkennen und dass die Alemannen darin ihren Sonnengott gesehen haben könnten. „Siu-ling“ als der Berg des „Siu“, des Sonnengottes. Wie dem auch sei – geblieben ist zumindest sein Status als Wetterprophet. Sprüche wie „Hat der Säuling einen Hut, wird’s Wetter gut“ sind bei vielen Einheimischen noch gebräuchlich. Und bei dem Panoramabild oben traf das tatsächlich zu: Der nächste Tag war perfekt für ein Wander-Fotoshooting.

Wahrscheinlich hätte der Säuling seinen Status als ein Götterberg bis heute behalten, wäre der Heilige Magnus im Jahr 750 nicht hinaufgestiegen, um Gott auf dem Gipfel zu suchen. Der Wandermönch Magnus wurde vom Kloster Sankt Gallen ins Allgäu entsandt, um die Bevölkerung zu christianisieren und ließ sich im 8. Jahrhundert am Lechufer nieder. „Mang“ wie ihn die Allgäuer gern nennen, ist nicht nur Stadtpatron von Füssen, sondern auch Patron der gesamten Region. Der Bischof von Augsburg gründete im 9. Jahrhundert am Ort seiner Mönchszelle das Benediktinerkloster St. Mang, das über 1000 Jahre das religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Region war.

Ein Berg als eigene Gottheit – im Christentum gibt es den Glauben an die Beseeltheit der Natur so nicht, denn diese gilt als Schöpfung Gottes. Deshalb bekommt der für die Bevölkerung enorm wichtige Berg in der Magnuslegende einen zentralen Platz und seine Geschichte wird fortan mit christlichem Hintergrund erzählt. Schön zu sehen ist sie in der barocken Klosterkirche St. Mang. Auf den Fresken im Kirchenraum ist die Magnuslegende dargestellt. Ein Fresko zeigt, wie der Mönch am Säuling Bären begegnet, die ihn zu einer Eisenader führen. Diese legendenhafte Darstellung hat eine tiefere Bedeutungsebene. Zum einen wurden Bären im hohen Mittelalter als Symbol für die „wilden“, noch nicht christianisierten Alemannen und die Gefahren des Heidentums verstanden. Magnus hatte den Auftrag, die naturgläubige, heidnische Bevölkerung zum Christentum zu führen. Zum anderen ist in seiner Vita zu lesen, dass er als Mann Gottes die Not der Bevölkerung lindern wollte. Mit dem Eisenerzfund verwirklichte sich sein Wunsch, denn die bettelarme Bevölkerung begann mit der Erzgewinnung am Säuling und hatte damit eine neue Lebensgrundlage. Ob wirklich Magnus die ehemaligen Schürfstätten der Römer wiederentdeckte, lässt sich historisch nicht mehr klären. Wahrscheinlich schrieben die Menschen aus Dankbarkeit die Geburtsstunde für den Füssener Bergbau dem Heiligen zu. Auf jeden Fall wurde bis Mitte des 19. Jahrhunderts in den Bergwerken am Säuling Eisenerz abgebaut. Zuletzt wurde der Bergbau vom Münchner Unternehmer Josef Anton Maffei betrieben, der – vielleicht mit Eisen vom Säuling – 1843 die erste Lokomotive baute. An der sogenannten Bärenfalle ist, heute kaum mehr sichtbar, der Eingang in das alte Stollensystem zu entdecken.
Damit erfüllte der Säuling ein weiteres Kriterium eines heiligen Berges und die Erwartungen der Menschen: Er birgt wichtige Bodenschätze und Wasserreserven und ist somit ein Spender von Fruchtbarkeit, der über das Wohlergeben von Mensch und Tier bestimmt.

 

Schauplatz vieler Mythen und Sagen sind die Berggipfel. Dort, wo sich abseits jeglicher Zivilisation, Wildes und Unberechenbares abspielen kann und sich Fabelwesen oder verwunschene Gestalten tummeln. So ist es auch beim Säuling. Noch heute wird die Gamswiese unterhalb des Gipfels, ein grün bewachsenes Plateau, als Hexenbödele bezeichnet. Wenn sich durch Wolken, Wind und Sonne eindrucksvolle Schattenspiele an den Felswänden abzeichnen, erinnern sich Einheimische an die Erzählungen ihrer Vorfahren: dass sich hier oben die Hexen aus Füssen und Tirol in bestimmten Nächten zum ausgelassenen Gelage und Tanzen treffen und dass deren Silhouetten und flatternden Gewänder bei Dämmerung die unruhigen Schatten auf das Massiv werfen. Begegnen die Hexen auf ihrem Ritt zum wilden Spektakel Menschen, die nicht gut gesegnet sind, so schleppen sie diese bis hinauf zum Gipfel und lassen sie erst in der Morgendämmerung wieder frei, wenn der erste Glockenschlag aus dem Tal hinauf schallt.

Einer anderen Sage nach wütete oben auch der Teufel höchstpersönlich. Über den Bau einer neuen Kirche in Roßhaupten erbost, riss er einen großen Felsblock aus dem Säuling und schleuderte ihn in Richtung der Kirche. Doch in diesem Moment läutete bereits die neue Glocke, der Teufel verlor seine Macht, der Steinklotz stürzte auf den Boden und blieb vor dem Ort liegen. Zur Erinnerung an das Ereignis stellten die Bewohner hier 1630 ein Kreuz auf – und nutzten den Stein als Sockel. Es ist heute ein Flurdenkmal. Zwar weiß man heute, dass Berg und Stein unterschiedliche Gesteinsarten – Wettersteinkalk und Nagelfluh – haben und dass der Sockelstein nicht vom Säuling stammen kann. Trotzdem ist die Sage ein schönes Bespiel dafür, wie kunstvoll christliche Ereignisse wie der Bau einer Kirche mit alpenländischen Sagen und Legenden vermischt wurden.


Fotos links und rechts: Bayerische Schlösserverwaltung (www.schloesser.bayern.de), Foto Mitte: Jean Louis Schlim

1000 Jahre nach Magnus war ein anderer vom Säuling fasziniert. Ein elfjähriger Junge. Er bestieg mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder Otto den Gipfel. Mit genagelten Bergstiefeln. Eine Frau mit ihren Söhnen im 19. Jahrhundert in der wilden Bergwelt unterwegs? Höchst ungewöhnlich für die Zeit. Noch ungewöhnlicher, dass die Frau die Königin von Bayern war, die Mutter des später als Märchenkönig berühmt gewordenen Ludwig II., Erbauer des noch bekannteren Schloss Neuschwanstein.
Marie war eine begeisterte Alpinistin und zählte zu den ersten Frauen, die sich überhaupt die Freiheit herausnahmen, Berge zu erklimmen. Am Hof in München schüttelte die Verwandtschaft nur den Kopf über die eigenwillige Preußin. Juwelen und das höfische Tamtam bedeuteten ihr schlicht nichts. Viel lieber ging sie in die Berge, als sich mit einem Buch hinzusetzen oder sich im Theater zu langweilen. Königin Marie wanderte viel mit ihren Söhnen und ließ sich für ihre Ausflüge sogar ein spezielles Gewand mit Rock und Hose aus Loden fertigen, um leichter auf die Gipfel zu kommen. Davon sieht man auf den Fotos natürlich nichts. Wenigstens da musste die Etikette bewahrt werden. Aber ab diesem Zeitpunkt war Lodenstoff en vogue, längst aber noch nicht die Hosen für Frauen.

Fotos links und rechts: Jean Louis Schlim

Wahrscheinlich wurde die Vision eines Schlosses in mächtiger Bergkulisse schon in Ludwigs Kindestagen angelegt. Die Aufenthalte in der Allgäuer Natur prägten den späteren Bayernkönig tief. Auch der anspruchsvolle Säuling war immer wieder Wanderziel der königlichen Familie und sie stieg über die rauschende Pöllatschlucht und die Bleckenau hinauf. Ludwig liebte solche Herausforderungen und sicher auch die vielen Sagen und Mythen, die sich um diesen außergewöhnlichen Berg ranken. Immer mit dabei: Einige Diener und der Hofkoch, die auf der Säulingwiese ein Bergpicknick servierten. Seinem Großvater schrieb Ludwig nach seiner ersten Säulingbesteigung begeistert:

„Nachdem es gestern aber schön geworden war, durften wir zu unserer großen Freude den Säuling besteigen. Wir verließen mit der Mutter Hohenschwangau um 1/2 9Uhr und gelangten um 1 Uhr auf die Spitze desselben, die eine sehr schöne Aussicht bietet.“

 

Stimmt, denn das 360-Grad-Panorama vom Gipfel ist majestätisch und in alle Richtungen erhaben. So liegen einem die Königsschlösser und das Alpenvorland des Schlossparks mit den weiten Wiesen, Wäldern und funkelnden Seen zu Füßen, die Bergmassive der Ammergauer und Allgäuer Alpen sowie die Tannheimer und Lechtaler Gipfel. Sogar das Wettersteingebirge mit der Zugspitze ist zu sehen. Angeblich hatten die königlichen Wanderungen auch Einfluss auf die Namensgebung einiger Berge: So wurden u.a. der Hochscheißer zum Gimpel und der Metzenarsch zur Kellenspitze. Die Bergwanderungen der Königsfamilie müssen im Zusammenhang mit dem Beginn des Alpinismus in dieser Region im 19. Jahrhundert gesehen werden. Damals gab es zunächst weder Wege noch Klettersteige. Der erste Säulingweg wurde erst 1887 angelegt.
Für Himmelsstürmer war und bleibt der Säuling ein anspruchsvolles wie begehrtes Ziel. Bis heute ist der Berg ohne Seilbahn und nur mit alpiner Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit zu erklimmen. Auch Kletterer lieben das Revier: Sie nehmen gern den Weg über den Pilgerschrofen, den äußersten Eckzahn des Säulingmassivs und über die weiteren elf Zacken des Zwölf-Apostel-Grats, an dessen Fuß Schloss Neuschwanstein auf einem Felsen thront.
Übrigens wurde nach dem Tod von Ludwig II. 1886 eine schwarze Fahne auf der Gipfelstange des Säulings gehisst. Kurz darauf soll sie so verknotet gewesen sein, dass niemand in der Lage war, sie wieder zu entwirren. Klar, dass man dieses Ereignis im Tal nicht dem himmlischen Kind, dem Wind, sondern den Hexen zuschrieb. So leben Sagen und Mythen weiter – wahrscheinlich für immer.

Dieser Gipfel – gefürchtet, verehrt und bewundert. Früher schenkte er den Menschen Orientierung und half ihnen dabei, ihren Platz im Leben zu finden. Ein stiller Meister, beständig und unverrückbar. Wer ihm heute gegenüber sitzt, wird sicher ein Stück dieser magischen Anziehungskraft spüren, die der Säuling auf die Menschen seit jeher ausgeübt hat. Eine Inspiration, aufmerksam zu schauen und wahrzunehmen, was der Berg mit einem macht. Eines auf jeden Fall: Er holt einen ganz schnell aus dem Alltag. Egal ob im Sommer oder Winter.

Der Säuling ist auch auf einigen Motiven der neuen Sehnsuchtskarte des Allgäuer Schlossparks zu sehen. Sie ist ein Wegweiser ohne Routenbeschreibungen und will inspirieren, diesen großen weiten Naturraum ganz für sich selbst zu entdecken. Zum Beispiel in einer Vollmondnacht am Weißensee, wenn der Säuling besonders geheimnisvoll leuchtet. Da erzählen sich die vielen Geschichten ganz von allein.

 

Die Sehnsuchtskarte des Allgäuer Schlossparks ist in den Tourist Informationen in Füssen kostenfrei erhältlich.