Romantische Abenteuer und künstliche Intelligenz

Die Welt von Künstler Robert Wilhelm

 

„Ich und die Dose – wir gehören einfach zusammen“. Als Robert Wilhelm das bewusst wurde, ging der Künstler, der heute in Füssen lebt und arbeitet, noch zur Schule. Kurz zuvor hatten seine Eltern eine Geldstrafe bezahlt und er selbst 70 Sozialstunden abgeleistet, weil er in einer Provinzstadt in der Nähe seines damaligen Wohnortes im Odenwald Schulfassaden, Stromhäuschen und -kästen mit seinen Graffitis verschönert hatte – illegal. Denn zum Sprayen freigegebene Flächen wie in Heidelberg, wo er oft unterwegs war, gab es dort nicht. Die Polizei kam ins Klassenzimmer und führte ihn ab. Seiner Liebe zum Medium Graffiti und zur Kunst tat das aber keinen Abbruch – ganz im Gegenteil. „Ab dem Zeitpunkt habe ich erst richtig angefangen und kapiert: Ich darf es halt keinem erzählen und sollte vielleicht erst mal an Stellen anfangen, wo ich mir Zeit lassen kann zum Sprayen wie die Rückseite eines Stromhäuschens oder ein Brückenpfeiler in der Nacht.“ Provozieren wollte er damit nie, sondern etwas Schönes machen, das die Leute abholt. „Mittlerweile ist mir bewusst, dass das oft nicht funktioniert, wenn ich irgendwo im öffentlichen Raum sprühe. Deshalb versuche ich mich jetzt in meinem Atelier weiterzuentwickeln.“

Mit 17 Jahren ging Robert Wilhelm von der Schule ab und lebte für seine Liebe zur Dose. Eine wilde Zeit mit vielen Partys und allem, was in der Szene dazugehörte. Punk, Techno, Hip-Hop – Einflüsse, die ihn und seine Kunst bis heute prägen. „Eigentlich würde ich mich selbst als Punk bezeichnen, aber da denken viele Leute an einen Zahnlosen mit Irokesen-Schnitt.“ Bald stellte er fest, dass ihn Partys und Drogen nicht wirklich interessierten, sondern dass er einfach Graffiti „geil“ fand – und bis heute findet. Deshalb, weil er es liebt, großflächig Bilder – heute eben auf freigegebenen Flächen – zu sprayen und weil er währenddessen eine unglaubliche Intensität erlebt: „Graffiti ist für mich nicht wirklich Kunst. Es war für mich mehr ein romantisches Abenteuer: sich nachts aus dem Haus zu stehlen, um einen Zug oder eine Fläche anzusprühen. Diese Stimmung z.B. in einer Herbstnacht, wenn es neblig war, diffuses Licht von der Laterne abstrahlte, ganz andere Geräusche als tagsüber zu hören waren – und ich stand an einer jungfräulichen Brücke und habe meine Sachen an die Wand gesprüht. Das war in diesem Moment einfach total intensiv. Und gleichzeitig wusste ich, dass das Bild vergänglich ist.“ Graffitis wirken seiner Meinung nach vor allem dann, wenn man mit dem Zug oder dem Auto daran vorbeifährt und so Schwung in die Bilder kommt. Auch der „Graffiti-Sport“, wie Robert Wilhelm es nennt, hat für ihn wenig mit dem Erschaffen eines Kunstwerks zu tun: „Farbeimer und Dosen mit zu der Stelle schleppen, Wand säubern und grundieren, hochklettern, usw. – das ist etwas ganz Anderes, als in einem Atelier ein Bild zu malen.“

Szenenwechsel: Robert Wilhelms Atelier im Füssener Magnuspark, wo in den ehemaligen Hanfwerken einst Textilwaren und Seile produziert wurden. Schon im Flur riecht es nach Lack und Farbe. Hunderte von Spraydosen, Pappschablonen auf dem Fußboden, großflächige Bilder, Fotos, ein Ledersofa und eine Bar – der Anblick allein ist schon ein eigenes Kunstwerk. Sein romantisches Abenteuer namens Graffiti hat er von Mannheim und Heidelberg hierher mitgebracht. Und es nach seinem Studium der angewandten Grafik und Malerei mit ganz anderen Techniken kombiniert. Heute versteht er sich selbst mehr als Künstler und als solcher möchte er die Augen für ein bestimmtes Thema öffnen, sich mitteilen und den Finger in gesellschaftliche Wunden legen. Das ist für ihn ein entscheidender Unterschied zwischen Graffiti und Malerei. Beides verknüpft er heute miteinander und würde seine Atelierwerke auch gerne im öffentlichen Raum zeigen, also auf eine Mauer bringen. Eine Lösung wie das aussehen könnte, hat er dafür aber noch nicht.

Sobald er malt, denkt er an nichts Anderes mehr. Sein Atelier ist für Robert Wilhelm ein Rückzugsort, an dem es ihm immer gut geht. Hier kann er bei coolem Sound runterfahren und sich mit der Malerei weiterentwickeln. Wie bei jedem Kreativen gibt es Tage, die wie von selbst fließen, andere sind zäh und mühsam. Doch wenn es beim Malen läuft, ist für den Künstler der Tag gerettet. „Mit einer guten Session kann ich sogar für Wochen auftanken. Dafür liebe ich die Kunst. Es geht aber auch in die andere Richtung. Ich will mich nicht vom Kunstmarkt beeinflussen lassen, sondern ich möchte etwas erschaffen und mir damit selbst etwas Gutes tun. Erfolgreich zu sein bedeutet für mich persönlich, dass ich ein eigenes Atelier habe, in dem ich malen und dass ich von meinen künstlerischen und handwerklichen Fähigkeiten leben kann. Es war richtig, mich für die Kunst zu entscheiden. Ich könnte mir nichts anderes vorstellen.“

Ein Teil seines Schaffens widmet er Auftragsarbeiten. So realisierte er u.a. zusammen mit dem Füssener Fotografen Simon Toplak und im Auftrag von Füssen Tourismus und Marketing ein EU-gefördertes (LEADER) Projekt in der Ankunftshalle des Bahnhofs. Aufgabe war es, dort ein Kunstwerk zu schaffen, das die Besucher schon bei der Ankunft in die Geschichte der romantischen Stadt hinein holt. Dafür einfach nur in Graffiti-Style den Märchenkönig Ludwig II., den Geigenbau und die Natur zu zeigen, fand er viel zu langweilig. So stellte er sich die Frage, wie er es schaffen könnte, dass sich die Menschen in der Hektik und Eile nur eine Minute Zeit nehmen, um ein Bild in einem Bahnhof zu betrachten. „Darüber habe ich ziemlich lange nachgedacht – unten am Lech. So kam mir die Idee mit der Lentikulartechnik, also eine Art Wackelbild zu machen. Im Augenwinkel sehen die Leute, dass sich im Bild etwas bewegt, wenn sie vorüber gehen. Diesen Effekt wollte ich haben, damit sie stehen bleiben und sich spielerisch mit dem Bild und Füssen auseinandersetzen.“ Immer mal wieder stellt er sich in die Ankunftshalle und beobachtet die Reisenden, wie sie überrascht vor dem Bild Halt machen und sich davor hin- und herbewegen, um alle Details zu sehen. Während dieser Zeit ist Robert auch zu einem Ludwig-Fan geworden. Ihn begeistern die Vielfältigkeit und Visionskraft des Königs, „außerdem war er ein Romantiker, so wie ich einer bin.“

Neben den Auftragsarbeiten ist es Robert wichtig, sich frei ohne Ziel und Vorgaben als Künstler auszuprobieren. Dabei geht er ganz unterschiedlich vor. Mal macht er ganz klassisch eine Zeichnung, überträgt sie auf Leinwand und malt sie mit Acryl- oder Ölfarben aus. Ein anderes Mal taucht er eine Holzlatte in den Farbeimer und legt einfach los. Gerade arbeitet er an einer Serie, für die er zuerst mit einem sogenannten Squeezer die weiße Fläche schwarz markiert. Diese Technik kommt aus dem Graffiti. „Sie hat einen tollen Flow und was dabei entsteht, ist eher zufällig. Dem Zufall gebe ich sowieso immer eine Chance, der macht oft ganz geile Sachen.“ Besser funktioniere bei ihm aber, ein Konzept zu einem Thema zu entwickeln und zu überlegen, wie er es auf die Leinwand bringen kann.

Manche seiner Bilder erinnern an Joan Miró, andere an Francis Bacon – beide Vorbilder für Robert. Sein großer Wunsch ist es, eine ganz eigene Bildsprache und eine eigene Technik zu entwickeln. Sein Schaffen ist extrem vielfältig, darin sieht er einen großen Vorteil, der ihm dabei helfen könnte. „Ich habe in der 5. Liga Fußball gespielt und damit mein Studium finanziert, in dieser Zeit zusätzlich nachts Graffiti gesprüht und in einer Punkband gesungen. Irgendwann ist mir die Kraft ausgegangen, weil ich nichts richtig intensiv machen konnte und tagsüber müde war. Aber: Leute, die Fußball spielen und Graffitis machen, sind nun einmal ganz anders. Dadurch habe ich viel gelernt. Diese Spannungsfelder und Extreme fließen auch in meine Kunst ein.“

Meist arbeitet er in Serien. So hängen immer mindestens zwei Leinwände mit demselben Format nebeneinander, an denen er gleichzeitig arbeitet. Es können aber auch bis zu zehn Leinwände gleichzeitig sein, wenn sie kleiner sind. „Sobald ich nur eine Fläche vor mir habe, bin ich gehemmt. Bei zwei oder mehreren kann ich einfach mit einem anderen Bild weitermachen, wenn mir an einem etwas nicht gefällt. Auf diese Weise kann ich viel leichter arbeiten, weil ich mich dann sehr intuitiv einem Thema nähern kann. Außerdem habe ich das Gefühl, so die Stimmung besser einzufangen, die ich wiedergeben will, und der Betrachter kann sie besser aufnehmen und spüren. So kann ich ihm auch zeigen, dass das Thema nicht nur einmal funktioniert.“ Und wenn es nicht so ist, dreht er die Leinwand auf die Rückseite und beginnt neu. Nachhaltiges Malen.

Was ihn besonders umtreibt, ist das Thema künstliche Intelligenz: An welchem Punkt sind wir als Menschen angekommen, indem wir diese erschaffen haben? Worauf läuft es hinaus, wenn die künstliche Intelligenz immer mehr Lebensbereiche durchdringt? Was passiert, wenn wir uns Entscheidungen von ihr abnehmen lassen oder sie gar als Waffe instrumentalisiert wird? Auch das Thema Gier spielt immer wieder eine Rolle in seinen Bildern. Wenn er so ein Werk beginnt und überlegt, mit welchen Farben und welchem Schwung er das Thema vermitteln kann, ist er tatsächlich voller Vorfreude – und aufgeregt. „Sonst würde ja nur langweiliges Zeugs rauskommen. Ich hoffe immer, dass im Anfangsdrive etwas Gutes entsteht und ich dann die Muße finde, es auszuarbeiten.“

Aus seinen abstrakten Graffiti-Charakteren sind seine schwarz-weißen „One Liner“ entstanden. Ein Ohr, ein Auge, ein Mund, aus dem der Atem bläst, eine Zündbombe – wie von selbst erzählt sich dem Betrachter eine Geschichte wie diese, die er entlang einer Joggingstrecke in Innsbruck gemalt hat. Die „Black Series“ sind für ein Buch entstanden, das er zusammen mit einem Philosophiestudenten realisiert hat. Für die Bilder hat er erstmals Sprühdosen aufgestochen und über Alltagsgegenstände gespritzt. Diese Technik wendet er weiterhin gerne an, auch wenn das Projekt bereits abgeschlossen ist. Denn innerhalb von wenigen Sekunden kann er damit auf mehreren Quadratmetern unkontrolliert Farbe verteilen und dann weiter experimentieren. Dafür braucht er große Flächen und die gibt es im Allgäu leider selten legal und kostenlos.

Immer wieder sind Berge in seinen Bildern zu sehen. Für Robert Wilhelm definitiv ein Sehnsuchtsort. Sehnsucht nach Heimat, danach, aufgehoben und gleichzeitig frei zu sein. Ein Stilelement, wie beim Graffiti Pfeile oder Sterne, mit dem er einen Gegensatz zu den Hauptthemen auslösen möchte. Außerdem bringt er damit Tiefe ins Bild. Auch ganz privat sind die Alpen ein Sehnsuchtsort für ihn und der Grund gewesen, nach Füssen zu kommen. Robert Wilhelm fährt leidenschaftlich gerne Snowboard und hatte sich deshalb vor 20 Jahren für eine Zivildienststelle im Allgäu beworben. Der Beginn eines ganz anderen Lebens.

Heute wohnt er mit seiner Frau und seinen Kindern mitten in der Altstadt von Füssen. In fünf Minuten ist er gleich unterhalb der Stadt am klaren Lech. Für ihn ein idealer Ort zum Tagträumen: „Wenn ich einfach nur daliege – ohne Schnee – und in den Himmel schaue, kommen mir die besten Ideen. Ich kann von der Malerei träumen – oder vom Fußballspielen, damit habe ich nämlich wieder angefangen.“ Manchmal träumt er auch davon, dass seine Werke irgendwann einmal in einem Museum hängen. Da sehe er sich auf einem guten Weg, meint Robert Wilhelm schmunzelnd.

Nicht nur die Stadt, sondern auch die Menschen, die er hier kennengelernt hat, sind für ihn Heimat geworden. „Allgäuer sind ehrliche, bodenständige und vor allem treue Menschen. Wenn sie dich in ihr Herz gelassen haben, dann halten sie zu dir, auch wenn du mal einen Fehler gemacht hast.“

4000 Werke in 20 Jahren – über sein vielfältiges Schaffen hat Robert Wilhelm vor kurzem ein Buch veröffentlicht, in dem er viele seiner Werke und Stationen zeigt. Sein Kunstwerk für den Füssener Bahnhof gibt es in limitierter Auflage als handsignierte Postkarte, als DIN A3-Druck im Querformat und als Hochformatausschnitt nur mit dem Porträt von Ludwig II. im Laden Tracht und Souvenir am Füssener Brotmarkt oder direkt über www.robert-wilhelm.com. So ist das Bild mit seiner Botschaft von einer „Anderszeit“, die man in Füssen erleben kann, schon in alle Welt hinausgegangen. Robert Wilhelm lebt seine Anderszeit auf jeden Fall. Ein Grund, warum Füssen für ihn der schönste Ort auf diesem Planeten ist.