Jean-Louis Schlim und seine Leidenschaft für den Märchenkönig

 

Jean Louis Schlim

Mit diesem schwarz-weiß Foto fing alles an. Auf dem Pariser Flohmarkt hatte der Luxemburger Jean-Louis Schlim das Bild von Neuschwanstein entdeckt und war begeistert. Er meinte, es sei ein Schloss irgendwo in Frankreich. Ein Freund aus Bayern klärte ihn auf, dass das Bauwerk ganz in der Nähe von Füssen steht. Er schenkte ihm zum 18. Geburtstag ein Band über den Märchenkönig Ludwig II. und lud ihn auf eine Reise in den Freistaat ein – natürlich mit Schlossbesuch. Es sollte der Beginn einer ganz besonderen Verbindung werden. Wahrscheinlich hat sich kein anderer Sammler auf der Welt so sehr in die Geschichte des Königs und des Haus Wittelsbacher vertieft und so viele Stücke zusammengetragen wie Jean-Louis Schlim. Auch Bücher über die Technikleidenschaft des Königs und über dessen Bruder Otto hat er schon veröffentlicht.

Bereits sein erster Besuch im Schloss war außergewöhnlich: In der „Bunten Illustrierten“ hatte er einen Bericht über den Kastellan von Neuschwanstein gelesen mit dem Titel: Wo verbringen Schlossherren ihre Ferien? Jean-Louis Schlim schrieb ihm kurzerhand. Und was heute unmöglich wäre: Dieser gab ihm einen Schlüssel und ließ ihn durch die historischen Räume streifen. „Alles kam mir ganz vertraut vor. Irgendwie, als ob ich nach Hause kommen würde. Das Erlebnis war kurios und gleichzeitig so überwältigend. Es hat mich für die Zukunft geprägt. Eine Initialzündung und der Beginn einer sehr, sehr langen Freundschaft mit dem verstorbenen König.“

Vor allem das neugotische Schlafzimmer des Königs hat ihn beeindruckt. Da kam ihm die Idee, wie er einmal eingerichtet sein möchte. Später kaufte sich der Sammler und Autor das Inventar einer Kirche und stattete seine Wohnung im gleichen Stil aus. Und er begann Postkarten, Münzen, Medaillen und Stiche zusammen zu tragen. Mittlerweile hat er Tausende davon. Als der Kunsthistoriker und Wittelsbacher Prinz Joseph Clemens die Sammlung von seinem Vater zu Gunsten einer Stiftung auflöste, erwarb Schlim immer wieder ein Stück, damit alles zusammen blieb. Sogar die letzten Zigaretten des Königs. Dann war sein Budget erschöpft. Das neogotische Bett, das bereits für die Hochzeit von Ludwig II. und Sophie geschnitzt worden war – und in dem die beiden nie nächtigten, weil der König die Verlobung mit seiner Cousine löste – konnte er sich damals nicht leisten. Aber geschlafen hat er schon darin. Dieses Jahr an seinem Geburtstag. Es steht nämlich in der Ludwigssuite im Hotel „Zum Wilden Mann“ in Passau.

„Der Mensch ist Jäger oder Sammler – ich bin beides. Trotzdem muss ich nicht alles haben. Ich bekomme oft etwas angeboten, aber ich lehne durchaus auch Sachen ab. Bei Fotos und Postkarten allerdings versuche ich so vollständig wie möglich zu sein. Der Jäger in mir ist stärker ausgeprägt. Ein Freund von mir sagt, ich sei ein Sammler des Jagens wegen. Ich gehe leidenschaftlich gerne auf Auktionen, die sind wie Spiele für mich. Trotzdem bin ich vernünftig genug zu sehen, wann ich aufhören muss. Wenn ich das Stück habe, mache ich keinen Triumph daraus. Das Jagen war spannender.“

Deshalb fällt es ihm leicht, sich wieder von etwas zu trennen. Auch hat er sich schon Gedanken gemacht, wem seine Sammlung einmal nutzen könnte. Schließlich will Jean-Louis Schlim, dass diese für die Nachwelt erhalten bleibt und nicht in Archivschubladen verstaubt, sondern dass sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Deshalb verleiht er wertvolle Stücke auch immer wieder großzügig für Ausstellungen und an Museen.

Jede Ecke in seiner Wohnung wird genutzt, auch auf und unter den Schränken liegen oder stehen gesammelte Gegenstände. Als einmal hoher Besuch aus dem Hause Wittelsbach bei ihm war, meinte dieser erstaunt: „Sie haben ja mehr von meiner Verwandtschaft hier hängen als ich zu Hause!“ Und selbst die Besenkammer hat eine viel schönere Funktion bekommen: Sie ist Jean-Louis Schlims Hauskapelle. Seine Mutter hatte ihm prophezeit, dass einmal der Tag kommen wird, an dem er sich von allem befreien muss. „Damit hat sie Recht, das könnte ich schon bringen. Manchmal wächst mir das schon alles über den Kopf.“ Trotzdem gibt es natürlich Stücke, die er nie hergeben würde. Doch es sind wenige, nur fünf, unter anderem das schöne Schutzengelmedaillon von Ludwig II., dessen Büste aus Nymphenburger Porzellan und zwei Schwäne aus Neuschwanstein und Linderhof aus dem ehemaligen Besitz des Wittelsbacher Prinzen Joseph Clemens.

Der König, die Wittelsbacher, der Komponist Richard Wagner, dessen Mäzen Ludwig war, und das Haus Luxemburg haben Schlims Sammelleidenschaft entfacht. Momentan ist diese auf schönes, seltenes Porzellan fixiert. So hat er unter anderem das feine Verlobungsgeschirr mit den Porträts von Ludwig II. und seiner Cousine Sophie in einer Vitrine stehen.

Gerne wäre Jean-Louis Schlim dem König einmal begegnet und hätte mit ihm über sein Verständnis von Königtum und Religion philosophiert. Und das am liebsten in den Bergen rund um die Königsschlösser bei Füssen. Für ihn eine traumhafte Gegend und ein geschichtsträchtiger Ort, wo er gerne seine Zeit verbringt und sich wie ein Schlossherr fühlt. Auch in Neuschwanstein würde er sofort mal für einige Zeit wohnen. Da wäre sicher viel Platz zum Träumen.