Der junge Geigenbauer Eric Chaubert

 

Tiermedizin oder doch lieber Forstwirtschaft? Eric Chaubert aus Füssen hatte nach dem Abitur erst einmal Pläne für ein Studium. Ein halbes Jahr nahm er sich Zeit, um darüber nachzudenken. Er liebt die Natur, das Draußensein und vor allem den Wald. Deshalb tendierte er schließlich mehr dazu, etwas mit Holz zu machen. Während dieser „Findungsphase“ absolvierte er auch ein Praktikum in der Geigenbauerwerkstatt seines Vaters – und das sollte alles verändern.

Obwohl er die väterliche Werkstatt über den Dächern der Stadt als Ort schon immer mochte und als besonders wahrnahm, war der junge Geigenbauer früher selten dort. Eher sei es sein jüngerer Bruder gewesen, der dort Holzschiffchen baute. „In der Zeit des Praktikums habe ich einen Schnitzergriff mit Einlegearbeiten gemacht. Das hat mir gezeigt, dass mir genau das liegt, was mein Vater seit 40 Jahren macht.“ Vor kurzem hat er die Gesellenprüfung in Mittenwald bei Garmisch-Partenkirchen abgelegt und nun einen festen Platz in der Werkstatt. Oft merkt er gar nicht, wie schnell die Zeit beim Arbeiten vergeht. „Die Abwechslung in dem Beruf ist einfach gigantisch.“

Sein aus der Schweiz stammender Vater Pierre Chaubert hat die Berufswahl seines Sohnes übrigens nicht forciert, deshalb war er überrascht und zugleich stolz auf die Entscheidung von Eric. Auch er selbst absolvierte seine Ausbildung an der renommierten Geigenbauschule in Mittenwald. Nach der Gesellenzeit und Meisterprüfung ließ er sich in Füssen nieder – als erster Geigenbauer seit 147 Jahren. Damit belebte er die lange Tradition der Stadt im Lauten- und Geigenbau wieder. Füssen gilt sogar als dessen Wiege im europäischen Raum. Mit der Lage direkt am Lech und der römischen Handelsstraße Via Claudia Augusta war sie optimal angebunden, außerdem wuchs in den Bergwäldern Eiben-, Ahorn- und Fichtenholz – ideal für den Bau von Lauten und Geigen. Im ehemaligen Benediktinerkloster Sankt Mang wurde musiziert und komponiert. Heute ist dort eine Ausstellung zum Thema zu sehen. Zusammen mit dem Gitarren- und Lautenbauer Urs Langenbacher renovierte Pierre Chaubert einige Jahre später eigenhändig den Dachboden des alten Feuerwehrhauses mitten in der Altstadt und schuf so ein kleines „Werkstatt-Universum“.

Eric Chaubert empfindet es als Glück, dass er bereits während seiner Ausbildung vier neue Instrumente bauen konnte. Das ist wohl nicht so selbstverständlich. Denn oft bleibt nicht die Zeit dafür, Lehrlinge einen Neubau machen zu lassen. Doch sein Vater wollte wissen, worauf  sich sein Sohn gerne später spezialisieren würde. 500 bis 600 Stunden hat Eric für seine erste Geige gebraucht, bei seinem Vater sind es um die 180 Stunden. „Ich erwecke etwas zum Leben, was es so noch nie gegeben hat und das Freude macht. Und vielleicht wird es dann sogar über Generationen hinweg weiter vererbt“, meint Eric. Ganz besonders war für ihn der Moment, als seine erste Geige vollendet war. Sie wurde gleich am nächsten Tag von einem Geigenlehrer eingestimmt und war eine Woche später schon verkauft. „Ich mache andere glücklich und mich selbst mit meiner Arbeit auch.“

Regale voller Holz – eine der wichtigsten Zutaten für einen schönen Klang. Es muss viele Jahre oder noch besser Jahrzehnte gelagert werden, bis es überhaupt für eine Geige in Frage kommt. Für Eric Chaubert hat jedes seiner Instrumente eine eigene Persönlichkeit. Mit der Auswahl des passenden Holzes beginnt diese zu wachsen. Dabei achtet er auf viele Parameter. Jedes Material ist komplett unterschiedlich. Für eine Geige werden viele verschiedene Hölzer gebraucht: Die Decke ist aus Fichte, weil diese leichter schwingt. Der Boden, die Schnecke und der Zargenkranz sind meist aus Ahorn, das Griffbrett aus Ebenholz, für den Kinn- und Seitenhalter, sowie für die Wirbel wird Palisanderholz verwendet.

Zunächst muss ihm das Holz optisch gefallen, damit ein schönes Ergebnis entsteht. Wenn mehrere Hölzer vor ihm liegen, geht es um Feinheiten wie z.B. den Abstand zwischen den Jahresringen. Je langsamer der Baum gewachsen ist, desto besser. Das ist für den Klang entscheidend. So klopft er immer wieder das Holz ab, auch später, wenn er die Decke ausarbeitet – mit diesem Mini-Hobel. Perfektion im zwanzigstel Millimeter Bereich. „An ihrem Schwingen kann ich hören, wie nah ich am Ergebnis bin, das ich mir vorgestellt habe.“ Ein exzellentes Gehör ist also nicht nur für Musiker unbedingte Voraussetzung für den Beruf. Als Vorlage für den Bau einer Geige dient ihm ein Modell seines Vaters, das dieser von Grund auf erarbeitet und über die Jahrzehnte verfeinert und optimiert hat. Modell bedeutet in diesem Fall u.a. die Stilistik der Bauweise, der Umriss des Instruments und die Form der Schnecke.

Trotzdem bekommt jede Geige ihre ganz individuelle Persönlichkeit, weil jedes noch so winzige Detail den Klang verändern kann. Dazu gehört eben die Dicke der Decke, wie der Stimmstock im Korpus positioniert wird, wie die Teile miteinander verbunden werden oder mit welchem Material der Bogen bespannt wird. In der „Geheimkammer“ der Werkstatt wird der Lack aufgetragen. Jeder Geigenbauer hat da seine eigene Rezeptur, die er niemals preisgeben würde, denn der Lack beeinflusst den Klang mehr als man vielleicht vermuten würde. Letztendlich aber machen das Gespür für das Material, die eigenen Fertigkeiten und bei einer Auftragsarbeit auch die Vorstellung des Musikers wie sein Instrument klingen soll, den Unterschied.

Spannend ist es für Eric auch, ein Instrument zu restaurieren. So hängt in der Werkstatt der Himmel wirklich voller Geigen. Sie warten darauf, neues Leben eingehaucht zu bekommen. „Wenn ich ein Instrument öffnen darf, das 200 Jahre oder älter ist, kann ich darin seine Geschichte lesen. Oft kann man sehen, welcher Geigenbauer es gebaut und welche Reise es danach unternommen hat. Durch die Art und Weise, wie das Instrument gemacht und repariert wurde, kann ich also erkennen, ob es z.B. in Italien, Frankreich oder Deutschland entstanden ist und vielleicht später in New York oder Wien aufgearbeitet wurde.“

Eric hat Gitarre gelernt und neben der Schule einige Jahre als DJ Leute mit der Auswahl seiner Musik unterhalten. Heute begeistert ihn neben dem Geigenbau das Kajakfahren. Am liebsten schläft er draußen in einer Hängematte. „Da kann ich in den Sternenhimmel gucken und früh morgens die Nebelstimmungen über dem See beobachten. Ich bin dann der Natur so nah und ganz für mich. Man hört nichts und doch so viel, z.B. wie sich die Bäume im Wind bewegen.“ Am liebsten möchte der Geigenbauer für immer in Füssen bleiben, weil er mit den Seen, Bergen und Wäldern alles hat, was er für ein glückliches Leben braucht – und natürlich mit der schönen Werkstatt seines Vaters.