Wie mit dem Bayerischen Königsservice ein spannendes Stück Geschichte sichtbar wird

 


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Ludwig und Marie Therese. Mit ihrer Liebe beginnt die Geschichte des besonderen Prunkservices. Damals ahnten die beiden noch nicht, dass sie einmal das letzte bayerische Königspaar sein würden. Schon ihre Zusammenkunft war ungewöhnlich für die Zeit: Der Prinz und Vetter von Märchenkönig Ludwig II. und die Erzherzogin verliebten sich auf einer Trauerfeier ineinander – und sie heiraten tatsächlich aus Liebe. Der Vormund von Marie Therese hatte die 19-Jährige eigentlich schon jemand anderem versprochen. Schließlich wurden royale Eheschließungen damals meist aus politischem Kalkül arrangiert. Doch eins nach dem anderen.

Wittelsbacher Ausgleichfonds, MdbK

Nahezu alle 326 Teile des Tafelschmucks sind im Museum der bayerischen Könige  in Hohenschwangau ausgestellt. Einige wenige Stücke lagern in Depots, um sie zu konservieren und für auswärtige Ausstellungen verleihen zu können. Auf den ersten Blick ist es einfach eine Sammlung von großen und kleinen Tellern, Terrinen, Fischplatten, Konfektschalen und noch einigem mehr. Schön, sicher, aber andere Museumsstücke wie etwa der Königsmantel von Ludwig II., dem Erbauer von Schloss Neuschwanstein, stehlen dem Prunkservice ein bisschen die Show. Schade, dass es nicht selbst sprechen kann, denn es könnte ziemlich viel erzählen: von den Lieblingsorten des letzten bayerischen Königs Ludwig III. und seiner Frau, von deren goldenen Hochzeit kurz vor Ende des 1. Weltkrieges, von der Novemberrevolution, dem Niedergang der bayerischen Monarchie, von Flucht und Wiederkehr. Und das steckt alles hinter einem Service?

„Zusammenhänge öffnen sich erst, wenn man sich mit den Stücken intensiv beschäftigt“, sagt Claudia Knörle, die als Kulturvermittlerin im Museum der bayerischen Könige in Hohenschwangau tätig ist. Wie eine Detektivin sucht sie unter anderem in Aufsätzen, Presseartikeln und Handbüchern nach wertvollen Hinweisen, um den geschichtlichen, kulturellen und geographischen Hintergrund solch wertvoller Stücke zu erschließen. Puzzlearbeit.

rechtes Bild: Jean Louis Schlim

„Dass man ein Objekt von Stunde Null an verfolgen kann, ist sehr selten“, meint die Historikerin und Archäologin. Beim dem Prunkservice ist das der Fall: So sind zum Beispiel die Aufträge und Rechnungen erhalten, womit die Werksgeschichte gut recherchiert werden konnte. Die erwachsenen Kinder von König Ludwig III. und dessen Frau Königin Marie Therese, ließen das Service zur goldenen Hochzeit ihrer Eltern bei der Porzellan-Manufaktur Nymphenburg anfertigen.

 

Danach beginnt die Arbeit am Stück selbst. Da ist der Blick für Details gefragt. Claudia Knörle fotografiert Motive, Künstlersignaturen und Beschriftungen und untersucht sie dann stark vergrößert am Computer. „Besonders schön aber ist die Idee, die hinter dem Bayerischen Königsservice steht“, erzählt die Wissenschaftlerin. Es zeigt nicht nur die Porzellankunst und die Tafelkunst der damaligen Zeit, sondern gewährt vor allem sehr persönliche Einblicke in das Familienleben. „Betrachtet man die kunstvollen Vignetten auf den Serviceteilen, dann blättert man sozusagen wie in einem Fotoalbum.“ Postkarten, Fotografien und Gemälde, die die Töchter und Hofdamen der Familie zusammengetragen haben, dienten als Vorlagen.

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So ist zum Beispiel Schloss Seelowitz in Mähren zu sehen, in dem sich Ludwig und Marie-Therese 1867 verlobten. Auch der Palais Modena, in dem der Prinz nach der Verlobung einige Wochen wohnte und so seiner Braut ganz nahe war, ist auf einem Teller zu sehen. Auf den größeren Platten sind die politisch wichtigen Orte abgebildet, wie zum Beispiel die Stadtansicht von München, wo das Paar nach seiner Hochzeit in Wien ankam. Ludwig II. erschien übrigens nicht zum Empfang der beiden in der Regierungsstadt – er ließ sich wegen Krankheit entschuldigen. Die Verbindung des Wittelsbachers mit einer Habsburgerin gefiel ihm nicht und ohnehin war er der luitpoldinischen Verwandtschaft alles andere als zugeneigt.

linkes Bild: Jean Louis Schlim

Jean Louis Schlim

Zweite Heimat des Paares wurde später das Gut und Schloss Leutstetten bei Starnberg. Marie-Therese gebar 13 Kinder, 10 erreichten das Erwachsenenalter. Sie soll eine herzliche Frau gewesen sein, die sich intensiv um ihre Familie kümmerte.

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Die Prinzessin und spätere Königin interessierte sich sehr für Pflanzen, wovon auch das dortige Alpinum erzählt. Ludwigs Leidenschaft galt der Landwirtschaft. Sein Wissen dazu war sehr fortschrittlich und er machte aus Leutstetten ein Mustergut. Obwohl die Pferde aus seiner Zucht sehr gefragt waren, verspotteten die Münchner ihn als „Millibauer“, den man eher im Stall findet als seine Frau bekam den unschönen Spitznamen „Topfenreserl“.

Jean Louis Schlim

Wie auch immer – dem Volk konnte man es wohl nicht recht machen. Ludwig II. wurde wegen seiner Verschwendungssucht kritisiert,  Ludwig III. war den Menschen zu volksnah und bäuerlich. Dabei war er nicht dazu erzogen worden, ein Thronfolger zu werden. Als der Märchenkönig starb, trat zunächst Ludwigs Vater Luitpold die Nachfolge an. Ludwig „erbte“ dessen Amt als Prinzregent erst 1912 – zwei Jahre vor Ausbruch des I. Weltkrieges. Da war er bereits 67 Jahre alt. Er ließ die Verfassung ändern, so dass er König und Marie Therese Königin werden konnte.

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Als König war er oberster Feldherr im Krieg, auch seine Söhne Franz und Rupprecht waren mit an der Front. Ungewisse Zeiten, die Rohstoffe wurden knapp, die anfängliche Kriegseuphorie wandelte sich in Kriegsmüdigkeit. Marie Therese erkrankte schwer. Der Briefwechsel zwischen den Brüdern, sowie Vater und Sohn Rupprecht verhelfen heute zu einer Innenschau. In die Monate vor Kriegsende fällt die goldene Hochzeit. Ist das der richtige Zeitpunkt ein Fest zu feiern?


Jean Louis Schlim

Doch es war das erste Mal, dass ein bayerisches Königspaar überhaupt ein solches Ereignis feiern konnte – und es sollte das letzte in der Geschichte der Wittelsbacher werden. Vier Tage lang wurde es zelebriert, auch Kaiser Wilhelm II. kam zum Empfang in der Münchner Residenz. So wollte man die Moral in Kriegszeiten ankurbeln und die Beständigkeit der Dynastie untermauern.

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Das Prunkservice stand aber nicht auf dem Gabentisch für das Königspaar: Es war nicht fertig –  und wurde erst fünf Monate später geliefert. Für königliche Ereignisse konnte es nicht mehr genutzt werden, denn die Goldene Hochzeit sollte das letzte große Fest der Familiendynastie bleiben. Mit der Novemberrevolution ging die Monarchie und damit die 738 Jahre währende Herrschaft der Wittelsbacher in Bayern zu Ende. Nicht aber die Geschichte des Bayerischen Königsservices.

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Nach dem Tod Ludwig III. kam es auf das Gut Sárvár in Ungarn, das Sohn Franz als Erbe übernahm. Als 1944/45 sowjetische Truppen in das Land einrückten, organisierte Franz‘ Sohn Ludwig die Flucht seiner Eltern. Mit Diplomatenpässen ausgestattet , ließ er sie bei Nacht und Nebel mit Pferdegespannen über Österreich nach Leutstetten bringen. Mit im Gepäck: das kostbare Königsservice. Die Anlässe, zu denen das für 36 Personen gedachte Geschirr dann noch verwendet wurde, lassen sich an einer Hand ablesen. 1980 wohl zum letzten Mal: Am 90. Geburtstag von Prinzessin Franz, der Schwiegertocher des letzten bayerischen Königs.