Goldglanz

Herbstliche Logenplätze im Schlosspark

 

Während ich gerade die Fotoauswahl für diesen Beitrag vollende, muss ich das Anfangsbild noch einmal ändern, denn gerade passiert das direkt vor meinem Fenster: ein gigantischer Sonnenaufgang, wie ihn meist nur diese Jahreszeit zaubern kann. Ich liebe meinen persönlichen Logenplatz hier.
Der Herbst kam heuer in leisen Schritten. Viele Bäume waren noch saftig sommergrün, andere hatten ihr goldrotes Gewand angezogen, manche ihre Blätter bereits abgeschüttelt. Doch nach ein paar Bodenfrösten ist es soweit: Als ob über Nacht viele Helfer mit Farbeimern in der Landschaft unterwegs gewesen wären, leuchten die Täler und Berghänge prächtig im milden Sonnenschein. Das Licht ist dabei der große Künstler, der jeden Moment einen neuen Einfall hat, wie er die Schlosspark-Kulisse magisch in Szene setzen kann. Also nix wie raus, denn der nächste Herbststurm kommt bestimmt.
Hier folgt jetzt eine Hitliste mit traumhaften Herbst-Logenplätzen im Schlosspark rund um Füssen und zu jedem Logenplatz gibt es eine Strophe aus Otto Baischs Gedicht, das er schlicht „Herbst“ genannt hat und das mal ohne große Wehmut über die vergangenen Sommertage auskommt.

1. Der Höhenrundweg Senkele

Da hört man singen spät und frühe
Von Herbstesleid,
Als ob nicht Glücks genug erblühe
zu jeder Zeit.

Auf diesem Weg gelangt man schnell zum Glück. Ohne groß Höhenmeter zu machen, wird einem die imposante Allgäuer Alpenkulisse auf dem Goldtablett serviert. Ein Logenplatz mit Sahnehäubchen. All das, was den Schlosspark so besonders macht, liegt einem zu Füßen: weite Wiesentäler, Wälder, Seen, Burgruinen und Schlösser und im Hintergrund mehr als 80 Berggipfel. Der Säuling, der Hausberg von Füssen, wacht über die traumhafte Kulisse und die Stadt. An vielen Stellen laden Bänke dazu ein, die tolle Aussicht zu genießen. Auf dem Senkele-Bergrücken stehen mächtige Buchen, die schön gefärbt sind. Zum Gipfel führen mehrere Wanderwege, unter anderem die Logenplatz-Route, einer von drei neuen Fernwanderwegen im Erlebnisraum Schlosspark. Bei dieser Route ist der Name Programm, denn auf den 133 Kilometern spielt das Bergpanorama die Hauptrolle. Wanderer können aber auch nur eine Tagesetappe der Route oder den acht Kilometer langen Rundwanderweg vom Parkplatz Brandstatt zum Senkele hinauf gehen.

2. Der Weißensee

Wenn ausgeträumt des Frühlings Träume,
Der Sommer tot,
Wie kleiden lustig sich die Bäume
In Gelb und Rot!

Wenn morgens Nebelschleier über das Wasser ziehen, sieht der Weißensee mit der Bergkulisse dahinter wirklich mystisch aus. Sogar ein paar Schwimmer trauen sich bei diesen Temperaturen noch ins Wasser. Ein Eisbad! Später leuchten je nach Tageszeit entweder die gelbbelaubten Bäume am Hang des Zirmgrats zwischen den dunklen Fichten hervor oder die Blätter der Birken, Buchen und Ahorne auf der gegenüberliegenden Uferseite. Nicht nur sie sehen aus wie fließendes Gold, auch das Schilf färbt sich gelb. Das Wasser, das mal grün, mal fast karibisch türkis erscheint, bildet einen herrlichen Kontrast dazu. Verantwortlich dafür ist mikroskopisch feiner Kalk, der das einfallende Licht weiter streut und reflektiert. Der Name des Sees leitet sich vermutlich vom Weiß des Kalks ab. Um den Weißensee führt ein Rundwanderweg direkt am Ufer entlang, durch ein Felsentor und bunt gefärbte Wälder.

3. Der Galgenbichl

Erstarb der süße Duft der Rose
Der Lilie Pracht,
Wie sprosst die kecke Herbstzeitlose
Dann über Nacht!

Zugegeben, der Name Galgenbichl klingt erst einmal nicht so einladend, aber dieser Ort direkt oberhalb der Stadt ist eine Einladung – zum Durchatmen. Nur ein paar Meter geht es hinauf, dann schwebt man bei diesem erhabenen Blick auf Füssen und die Berge über den Dingen! Ich bin dort gerne früh am Morgen, denn es ist wunderbar zu beobachten, wie die Stadt erwacht, die Lichter angehen, die Kamine an einem kalten Herbsttag zu rauchen beginnen und immer mehr Geräusche zu hören sind. Doch auch zu anderen Tageszeiten ist das einfach ein perfekter Platz, um mal den Kopf frei zu bekommen und sich eine Anderszeit zu gönnen. Da der Galgenbichl den ganzen Tag über von der Sonne beschienen wird, entdeckt man um dieses Jahreszeit oft noch Sommerblumen, die anderswo schon längst verblüht sind.

4. Die König-Ludwig-Promenade

Und wie die zarten Sommerroben
Verblichen sind,
Wie geht sich’s hübsch, den Kopf erhoben,
Im Frühherbstwind

Die König-Ludwig-Promenade habe ich erst im letzten Jahr für mich entdeckt. Sie ist eher ein Logenspaziergang als ein Logenplatz und wirklich besonders, auf jeden Fall kann man sich hier den Wind um die Nase wehen lassen. Immer wieder öffnen sich auf dem Weg, der genau am Rand des alten Lech-Hochufers in Richtung Forggensee führt, neue Durch- und Ausblicke, denn zwischen den Häusern und Gärten schaut man über die Dächer in der Talebene zu den Allgäuer und Ammergauer Alpen hinüber. Der Name der Promenade ist Programm: Auf einem Felsen thront auf der gegenüber liegenden Lechseite Neuschwanstein, das Märchenschloss von König Ludwig II. Das wirkt fast schon unwirklich! Ob die Anwohner der König-Ludwig-Promenade immer noch täglich neu über diese fantastische Aussicht staunen?

5. Die Altstadt

Wie tändelt er (der Wind) durch Haar und Schleier
So neckisch hin;
Wie fühlt man da sich frischer, freier
In Herz und Sinn!

An einem Herbsttag bei lauem Föhnwind durch die Altstadtgassen zu schlendern, lässt einen leicht vergessen, dass bald Winter ist. Die Cafés haben noch ihre Tische draußen stehen, die Blumenkästen und kleinen Gärten in den Hinterhöfen blühen erstaunlich üppig. Logenplätze gibt es in der Altstadt einige wie den Uhr- und den Fallturm des Hohen Schlosses, die tolle Blicke auf die Stadt bis zum Forggensee und den Kalvarienberg bieten. Eine Loge kann aber auch ein kleiner Rückzugsort sein. Eine solche versteckte Nische ist der Trilogieplatz der Wandertrilogie Allgäu in der Nähe des Bleichertors, das von den Flößern und Bleichern als Zugang zum Lechufer genutzt wurde. Beschirmt von Bäumen und Büschen steht eine Chaiselongue, die Schlossparkbank. Hier sitzt man ganz geschützt mit Aussicht auf den meist türkisgrünen Lech und das ehemalige Benediktinerkloster Sankt Mang, in dem heute das Museum der Stadt untergebracht ist.

6. Das Faulenbacher Tal

So klar die Welt, wohin ich sehe,
Die Brust so weit!
O, singt mir nicht mit Ach und Wehe
Von Herbstesleid!

Von der Altstadt führt das Faulenbachgässchen entlang des Lechs in das Faulenbacher Tal oder man nimmt den Weg durch das Tor unterhalb vom Hohen Schloss, über den jetzt prächtig farbigen Baumgarten, über die Brücke über die Morisseschlucht und weiter durch den Laubwald und genießt das Blätterrascheln unter den Sohlen. Das Faulenbacher Tal ist eine Welt für sich und strahlt unglaublich viel Ruhe und Frieden aus. Steile Felsen ragen auf der südlichen Uferseite des Ober- und Mittersees in den Wäldern auf, während der Kobel-Höhenzug das Tal nach Norden abschirmt. Ich mag vor allem den kleinen Gipslochweiher gegenüber der Minigolfanlage, der noch aus den Zeiten stammt, als hier Gips abgebaut wurde und an dem viele eilig in Richtung der größeren Seen vorüber gehen. Aber es lohnt sich, einfach mal auf der Bank Platz zu nehmen und die Spiegelungen der Bäume zu betrachten. Auf der Seeoberfläche zaubern die bunten Blätter eine malerische Szenerie. Beides zusammen wirkt wie ein Bild des Impressionisten Claude Monet, dem es Wasserspiegelungen so angetan hatten.

7. Der Alatsee

Oh, jetzt sind die Strophen des Herbstgedichtes zu Ende, aber unsere Hitliste der Logenplätze noch nicht, denn drei weitere gehören unbedingt noch mit dazu. Der Alatsee am oberen Schluss des Faulenbacher Tals ist einer davon. Das sagenumwobene Gewässer ist umgeben von artenreichen Buchenwäldern. Sie gehören zum europaweiten Schutzgebietsnetz „Natura 2000“ für besonders wertvolle Lebensräume. Die sonst so geraden Säulen der Buchen haben hier bizarre Formen, weil sie Wind und anderen klimatischen Bedingungen ausgesetzt sind. Nicht nur im Frühjahr stechen sie mit ihrem frischen Grün zwischen den Tannen, Fichten und Kiefern heraus, sondern auch jetzt im Herbst.

Besonders schön lässt das auf dem Gebirgsrücken beobachten. Der Logenplatz „Zwei-Seen-Blick“ liegt über und zwischen Alatsee und Weißensee. Ein tolles Farbenspiel, denn die Seen leuchten mit ihren Blau- und Grüntönen zwischen dem Gelb und Dunkelgrün der Bäume hervor. Ein wirklich magischer Platz!

8. Die Burgruine Hopfen

Idyllisch geht es vom Füssener Ortsteil Hopfen am See auf zwei Wegen durch den Hopfener Wald auf den Hügel hinauf. Eingebettet zwischen große Fichten ist die Aussicht, die sich von der Burgruine plötzlich bietet, eine Überraschung: Vor der Bergkette mit den Allgäuer und Ammergauer Alpen liegt der tiefblaue Hopfensee, dessen Schilfgürtel jetzt im Herbst so goldgelb wie Laub gefärbt sind. Am Fuße des Tegelbergs leuchtet Schloss Neuschwanstein. Auf der Schlossparkbank und dem kleinen Picknickplatz kann man hier oben die Ruhe und oft traumhafte Sonnenuntergänge genießen. Was für ein aussichtsreicher und gleichzeitig geschichtsträchtiger Logenplatz! Die Anlage gilt als die früheste Steinburg des Allgäus, obwohl ihr Alter und die Erbauer nicht klar belegt sind. Mit dem Niedergang der Welfen ging sie an das Hochstift Augsburg und diente bis zum Neubau des Hohen Schlosses in Füssen bis 1322 als Dienstsitz des bischöflichen Propstes. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde sie fast vollständig abgebaut, weil die Steine für den Umbau des Füssener Klosters St. Mang gebraucht wurden. Anfang des 21. Jahrhunderts wurde die hier noch bestehende Restanlage ausgegraben und aufwändig saniert.

9. Die Königsschlösser

… Neuschwanstein und Hohenschwangau liegen selbst auf einem Logenplatz, deshalb sind sie auch von vielen Plätzen in der Umgebung zu bewundern. Bei einer Fahrt mit der Tegelbergbahn wird sogar die Kabine zu einem Logenplatz, von dem aus ein märchenhaftes Schauspiel mit Bergen, Schlössern, weiten Tälern und besonderen Wetterstimmungen zu sehen ist. Sehr gerne wandere ich vom Lechfall in Füssen zum Schwanseepark. Am Ende des Königssträßchens, wenn man aus dem Wald kommt, schaue ich immer gerne in die Gesichter meiner Gäste. Sie sind meist nämlich ganz überrascht, wenn die Schlösser so plötzlich am Fuße des Berge auftauchen.

Von den Spazierwegen und Bänken im Schwanseepark bieten sich immer wieder neue Sichtachsen auf die berühmten Bauwerke. Märchenkönig Ludwig II. spazierte hier schon als Kind mit seinen Eltern und seinem Bruder Otto umher oder er trainierte auf der Reitbahn – lange bevor er Schloss Neuschwanstein erbaute. Das Herbstgold, das die beiden Schlösser jetzt so schön in Szene setzt, fand er bestimmt auch zauberhaft. Im Theater ließ er sich oft alleine Vorstellungen geben, um von der Loge aus ganz in das Spiel eintauchen zu können – genauso erging es ihm in der Natur. Oft saß er stundenlang an einsamen Logenplätzen, um die Stimmungen ganz in sich aufzunehmen.

Auch wenn wir vielleicht nicht stundenlang an einer Stelle bleiben können: Selbst einige Minuten an einem dieser traumhaften Logenplätze helfen dabei, auf neue Gedanken zu kommen und eine kleine Aus- oder Anderszeit zu erleben. Jeder dieser Plätze hat seinen eigenen Charakter, schenkt Weite, Freiheit, Geborgenheit, Inspiration und damit vielleicht genau das, was wir zwischen Terminen und Verpflichtungen gerade jetzt dringend brauchen. Und weil’s doch so schön ist, gibt es hier noch Eduard Mörike mit seinem Septembermorgen:

Im Nebel ruhet noch die Welt
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.