Wie ein Trachtenverein eine Brücke zur Moderne baut

 

Foto: Thomas Rimili

Was ist Heimat? Was bedeutet sie noch in einer globalisierten Welt? Wie können Heimat- oder Trachtenvereine für junge wie ältere Menschen wieder attraktiv werden? Diese Fragen stellen sich viele Traditionsbünde. Fast 40 solcher Vereine sind im letzten Jahr wegen Mitgliederschwund eingegangen, weil es keinen Nachwuchs gibt. Und das in Bayern, dort also, wo Tradition sozusagen zuhause ist. Auch beim Gebirgstrachten- und Heimatverein D’Neuschwanstoaner Stamm Füssen e.V. „wurde vieles nur noch gemacht, weil man es halt so macht“, meint Richard Hartmann, seit 2014 Schriftführer und Erster Sprecher des Hauptvorstandes. Als er einige Jahre zuvor die Anfrage bekam, die Chronik weiterzuführen, war für ihn klar, dass er nur zusagen würde, wenn er sich darüber hinaus engagieren kann. „Die Motivation und auch eine Vision haben gefehlt. Ich wusste, wenn jetzt nicht eine Lokomotive kommt, dann wird es den ältesten Trachtenverein des Oberen Lechgau-Verbandes und einen der fünfzig ältesten in Bayern bald nicht mehr geben.“


Fotos: Thomas Rimili

Zur Lokomotive oder zum Zugpferd wurde der Füssener selbst. Mit einigen engagierten Mitgliedern überlegte er, von welchen Aktivitäten sich der Verein trennen kann und was sinnvoll ist, in die Zukunft mitzunehmen. Zwar waren die Trachtler bei den kirchlichen Hochfesten gern gesehen – mehr oder weniger aber als schmuckes Beiwerk. Als bedeutsam für das Gemeinschaftsleben in Füssen, wie etwa die verschiedenen Sportvereine, wurden sie nicht mehr wahrgenommen. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Die Kehrtwende kam. Wie? Dazu später. Die Trachtler*innen vom Neuschwanstoaner Stamm Füssen feiern in diesem Jahr ihr 120-jähriges Bestehen – und das Nachwuchsproblem scheint immer kleiner zu werden. Derzeit sind 200 Erwachsene und 20 Kinder Vereinsmitglieder.

Hinter diesen Fabrikfassaden lag die Keimzelle für die Gründung des Vereins: die Füssener Hanfwerke am Lechufer. Wie das denn? Hanf aus Oberitalien wurde hier zu Seilen und Garnen gesponnen. Das Geschäft florierte. Nach der Fusion mit der Bindewarenfabrik Immenstadt war die Hälfte der gesamten Produktion der deutschen Hanfspinnereien und Bindfadenfabriken hier vereinigt und auch später – als Füssener Textil AG – blieb der Betrieb einer der größten Arbeitgeber in der Region. So kamen seit Ende des 19. Jahrhunderts auch viele junge Burschen aus dem bayerischen Oberland nach Füssen, um hier zu arbeiten. Aber nicht nur: Am Abend wollten sie singen, lachen, einfach Spaß haben und ein bisschen balzen, um das Herz der Füssener Mädchen zu gewinnen. Jeder hatte seine „Traditionen“ im Rucksack: Jodeln, Zither spielen, Schuhplatteln und Lederhosen tragen.

In der sogenannten „Gifthütte“, dem Wirtshaus „Zum Mineralbad“ auf dem Gelände der Hanfwerke, tanzten und musizierten sie miteinander und gründeten zusammen mit Einheimischen am 17.11.1900 den Ur-Verein „Alpenclub Edelweiss und Almenrausch“, um „Sitten und Trachten unserer Alpen für unsere jugendlichen Touristen zu verbreiten“. Mit dem Ausdruck „Touristen“ waren in diesem Fall die Fabrikarbeiter gemeint, diese waren die Impulsgeber für die Region. Nach Füssen wurden auch in Trauchgau und Buching Trachtenvereine gegründet. Bereits fünf Jahre später wurde der Füssener Verein in „Gebirgstrachten-Vereinigung D’Neuschwanstoaner Füssen“ umbenannt, denn man wollte eine örtliche Zuordnung im Namen tragen. Das schon damals bekannte Märchenschloss Neuschwanstein, das Bayernkönig Ludwig II. vor den Toren Füssens in traumhafter Naturkulisse errichtete, war als „Alleinstellungsmerkmal“ dafür bestens geeignet. Den Namenszusatz „Stamm“ trägt der Verein seit 1912, was bedeutet, dass dieser Verein der Stammbaum ist, von dem sinnbildlich an den Ästen weitere Trachtenvereine abstammen.


Fotos links und mittig: Fotostudio Arnold

Als Vereinskleidung wurde zuerst die oberbayerische Gebirgstracht festgelegt – ein Import also. War diese zunächst bunt zusammen gewürfelt, veränderte sich ihr Aussehen ab den 1920er Jahren stetig zur Allgäuer Gebirgstracht weiter. Die Kleidung für Frauen wie Männer wurde einheitlicher. Diese königsblau leuchtende Tracht ist bis heute das Markenzeichen der Trachtler*innen der Neuschwanstoaner. Doch Richard Hartmann interessierte, ob es nicht ein typisches historisches Gewand der Region gegeben haben könnte und was davon überhaupt noch auf Dachböden und in Kellern zu finden wäre. So fing er an zu recherchieren.

Durch Zufall entdeckte er im Füssener Stadt-Café drei Holztafeln mit Motiven in historischer Tracht um 1850 und bekam bald darauf aus einer Haushaltsauflösung 12 Hauben, Tücher und Mieder – sein Grundstock für weitere Recherchen. Damit holte er auch Mitglieder in den Verein, die mit Gewand und Tanz eigentlich nicht so viel anfangen können, sich aber für die geschichtlichen Hintergründe interessieren. Langsam machte es die Runde, was der Füssener suchte: neben typisch schwäbisch-allgäuerischer Trachtenkleidung auch Gemälde, Fotos und Aufzeichnungen zum Thema Tracht. Nach Zeitdokumenten aus der Biedermeierzeit forscht er bis heute ganz besonders. „Manche werfen solche Sachen ja einfach weg, weil sie nicht wissen, dass es ein historisches Vermächtnis sein könnte. Ich will ein Bewusstsein für solche Werte wecken.“ So rufen mittlerweile immer mehr Menschen an und bringen ihm Sachen vorbei. Auf Flohmärkten sucht er außerdem nach besonderen Knöpfen und Hutbroschen.

Fotos: Stadtarchiv Füssen/Atelier Ludwig Schradler

Bei seinen Recherchen muss Richard Hartmann schon genau hinschauen. Dieses Bild des Füssener Stadtarchivs entstand zum Beispiel Ende des 19. Jahrhunderts und stammt aus der Sammlung des ortsansässigen Ateliers Ludwig Schradler. Man könnte vermuten, dass dies Aufnahmen von Füssener Bürgern in ihrer traditionellen Tracht sind. „Vermutlich ließen sich hier aber Touristen ablichten, die vom Fotografen mit diesen Kleidungsstücken kostümiert wurden, um typisch „füssnerisch“ zu erscheinen“, erklärt Richard Hartmann.

Trotzdem formte sich in den letzten Jahren aus den vielen unterschiedlichen Quellen ein Bild. Fakt ist, dass es nie das eine Füssener Gewand gegeben hat. „Tracht war in ihren Anfängen immer unterschiedlich und sagte viel über den Status der Träger aus“, erklärt Richard Hartmann. „Nach 1918 und in der Weimarer Republik wurde sie auch durch politische Einflüsse zunehmend uniformer. Im Dritten Reich wurden viele Vereine gleichgeschaltet und das NS-Regime versuchte, deren Heimatliebe für nationalsozialistische Zwecke zu instrumentalisieren. Mit dem Wiederaufleben der Trachtenvereine in den 1950er Jahren legten die Mitglieder umso größeren Wert darauf, für die einzelnen Orte Trachten mit bestimmten Farben festzulegen, um so eine eigene, typische Tracht zu definieren.“ Hartmann findet es einerseits wichtig, daran festzuhalten, weil so Traditionen bewahrt und Werte weitergegeben werden. „Andererseits lassen sich Menschen heute viel weniger in Regeln und Kleiderordnungen zwängen. Sie wollen sich stattdessen in etwas kleiden, was ihnen gefällt, ihnen schmeichelt und worin sie sich wohl fühlen.“ Deshalb engagiert sich der Neuschwanstoaner dafür, dass man seine Tracht wie früher wieder viel freier gestalten darf, ohne dabei deren Herkunft zu verleugnen.


Fotos: Thomas Rimili

Es sind die vielen handgearbeiteten Details, die ein Trachtengewand besonders machen. Sie zeigen anderen, wo der Träger seine Wurzeln hat. Inspiriert von den historischen Quellen entstand so ein „Historisches Fiassar Bürgergwand“ – für Vereinsmitglieder der D’Neuschwanstoaner, aber auch Einheimischen, die sich gerne ortstypisch kleiden möchten. Im Verein werden mittlerweile beiden Trachten – die königsblaue wie die historische Tracht nebeneinander getragen. Das schien auch Prinz Charles und dessen Frau Camilla im letzten Jahr bei ihrem Staatsbesuch in München zu begeistern.


Fotos links und rechts: Thomas Rimili

Richard Hartmann, der in Füssen im Gasthof Krone geboren wurde – und hier unter seinem Großvater steht – ist in der dritten Generation Trachtler und wer ihm begegnet spürt, wie sehr er für die Sache brennt. „Heimat ist ein wertvolles Gefühl, das leider zunehmend aus unserer Wahrnehmung verschwindet. Umso wichtiger ist es, uns zu fragen, wo ich mich geborgen und dazugehörig fühle. Also wo ich daheim bin. Für mich sind das Füssen, der Verein, die Menschen hier. Wenn ich durch die Stadt laufe oder meine Tracht trage, dann habe ich dieses Empfinden von Heimat. Es ist wie eine warme Wolldecke, wie in den Arm genommen zu werden.“ Hartmann ist fest davon überzeugt, dass Traditionsvereine neue Wege gehen müssen, um für junge wie ältere Menschen attraktiv zu werden und zu bleiben. Allein mit dem Gedankengut der 50er Jahre könne doch heutzutage kein Jugendlicher mehr etwas anfangen. Als Eventmanager hat der Vereinsvorstand ein gutes Gespür dafür, was es braucht, um Menschen für etwas zu begeistern. Statt noch länger ausschließlich die Vergangenheit zu bewahren, war und ist sein Ziel und das der Neuschwanstoaner, Tradition und Brauchtum für die heutigen Zeitgenossen wieder begreifbar und sinnstiftend zu machen. Neben dem Tragen des Gewands und der Gestaltung von kirchlichen und weltlichen Festtagen, u.a. mit Tanz und Schuhplatteln, geht es dem Verein um viel mehr: Strukturen aufleben zu lassen, die soziales Miteinander ermöglichen. Regionales Brauchtum, Wissen und Werte sollen so gepflegt und weiter gegeben werden.

So initiierte Richard Hartmann u.a. ein Grundschulprojekt, auf das die Stiftung „Wertebündnis Bayern“ des Freistaats Bayern aufmerksam wurde. Gemeinsam mit 80 ehrenamtlichen Mitgliedern der Trachtenvereine aus Hopfen, Weissensee, Schwangau und Füssen wurde das Projekt „MundART WERTvoll“ umgesetzt, das mittlerweile bayernweit in die Lehrpläne aufgenommen wurde. 2020 schließlich gründete er das Allgäuer HEIMATwerk, das er als seine Lebensaufgabe sieht. Dieses vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Leuchtturmprojekt soll Kultur, Tradition und Brauchtum in Füssen und im südlichen Ostallgäu bewahren, weitergeben und langfristig verankern. Als eine Art Kultur-Kreativ-Denkwerkstatt hat das Allgäuer HEIMATwerk in der Drehergasse in Füssens Altstadt einen festen Platz bekommen. Von hier werden künftig Vorträge und Kurse über Sprache, Tanz und Musik organisiert – aber auch wie man z.B. eine traditionelle, schwäbische Rad-Haube passend zum Gewand selbst macht, wird hier als Kurs angeboten. Die gibt es nämlich nirgends zu kaufen.
Petra Bayer weiß warum: Es ist eine unglaublich aufwändige Arbeit. Die Kosmetikerin aus Trauchgau ist begeisterte Trachtlerin und fertigt seit über 30 Jahren Klosterarbeiten, ein filigranes Kunsthandwerk. Vor zwei Jahren besuchte sie einen Haubenkurs bei der Trachtenkultur-Beratung des Bezirks Schwaben, weil sie gerne etwas „Alt-Handwerkliches“ machen wollte. Seitdem experimentiert sie mit Formen und Farben und lässt sich dabei u.a. von Reliquienbildern, Blüten in der Natur oder sogar Formen von alten Fassaden mit Stuckornamenten inspirieren. Dann zeichnet sie ihre Ideen auf und macht daraus eine Vorlage aus Karton, anhand der sie Silber- oder Goldfolie ausschneidet. Diese wird dann zunächst mit feinstem Draht umwickelt.

Für ein einziges Blumenblatt braucht sie ca. 10 Minuten, insgesamt also über drei Stunden für eine Silberdistel. So nutzt Petra Bayer jede freie Minute und wickelt eigentlich überall, auch im Wartezimmer beim Arzt. „Meine Mama hat mich mal gefragt, warum ich das eigentlich mache. Ich bekomme damit den Kopf frei, das hat etwas Meditatives. Wenn ich mich damit am Abend hinsetze, kann ich wirklich abschalten und den Alltag hinter mir lassen.“ Ihre Mutter wickelte bald darauf mit gleicher Begeisterung „Seelchen“ für Klosterarbeiten. Für ihre feinen Kunstwerke verwenden die beiden echt vergoldete oder versilberte Materialien, Perlen, Kristalle und Halbedelsteine. Es braucht handwerkliches Geschick und Kreativität, um später die vielen Einzelstücke für eine Haube zu einem prachtvollen Gesamtbild zu kombinieren. „Oft weiß man erst hinterher, wie sie komplett aussieht und jedes Modell wird perfekter und schöner.“

Im Frühjahr wird sie im Allgäuer HEIMATwerk einen Kurs dazu anbieten, in dem jede Teilnehmerin „ihre ganz persönliche Haube“ passend zum Mieder kreieren darf. „Es fühlt sich ganz anders an und macht stolz, eine selbstgemachte Tracht oder Haube zu tragen und man kann sie später einmal weitervererben. Deshalb möchte ich, dass im Innenteil eingestickt wird, wer sie gemacht und getragen hat. So können spätere Generationen noch sehen, was für ein wertvolles handgemachtes Stück sie in ihren Händen halten.“

Richard Hartmann fertigt derweil eine Schachtel, so wie sie vor 100 Jahren aus Karton und Faden von Hand gemacht wurden. In größeren Exemplaren können Hauben oder Trachtenhüte perfekt aufbewahrt werden. Einen Grundtechnikkurs dazu wird es im nächsten Jahr im Allgäuer HEIMATwerk ebenfalls geben – für Einheimische und Gäste. So lebt der Grundgedanke der Gründung wieder auf: die Zeit gemeinsam zu genießen und Traditionen zu teilen – egal aus welcher Ecke in Deutschland oder von ganz woanders man kommt.

Fotos: Thomas Rimili

 

Informationen zu Veranstaltungen und Kursen des Allgäuer HEIMATwerks gibt es unter:

www.oberer-lechgau.de/fuessen/dneuschwanstoaner-stamm/termine