Eine Wanderung durch den leeren Forggensee

 

 

Bizarr sieht er aus. Von winzigen Kratern und Furchen durchzogen, wirkt der leere Forggensee bei Füssen wie die Oberfläche des Mondes. Mich erfasst ein bisschen Ehrfurcht, mitten durch den See gehen. Das Wasser könnte ja jederzeit zurückkommen oder etwa nicht?

Das geht tatsächlich nicht. Auch wenn man dem Forggensee das im Sommer nicht ansieht: Er ist ein vom Lech durchflossener Stausee und mit über 15 km² Fläche der größte in Deutschland. Jeden Winter wird er nach und nach abgelassen, um die Versorgung der Wasserwerke zu sichern, die lechabwärts liegen. Der Stausee dient der Stromerzeugung und zudem als Hochwasserregulierung bei der Schneeschmelze im Frühjahr.

Nördlich des Lechfalls gab es aber nach der letzten Eiszeit vor rund 14.000 Jahren einen Vorläufer für den Forggensee. Als die Lechgletscher weiter abschmolzen, bildete sich in dessen heutigem Becken ein viel größeres Gewässer: der Füssener See. Obwohl dieser verlandete, blieben einige seiner Vertiefungen erhalten und sind heute als Bannwald-, Hopfen-, Schwan- und Weißensee bekannt.

Die Baumstümpfe berichten von einer Zeit als der grüne Wilde, der Lech, noch durch das Tal floss. Der Wildfluss hatte hier eine artenreiche Landschaft, die Lechauen, geschaffen.

Magnus Peresson ist am Ufer des Forggensees groß geworden und hat sich tief in die Geschichte der Region eingegraben. Wenn der Wasserpegel seinen niedrigsten Punkt erreicht hat – meist im April – führt der Heimatforscher bei einer Wanderung durch den Seegrund. Eine wahre Zeitreise in zwei Stunden. Begeistert erzählt von all dem, was sich im See abgespielt hat.

Seinen Namen hat der See vom ehemaligen Weiler Forggen, der zusammen mit zwei weiteren Ortschaften in den 1950er Jahren geflutet wurde. Jedes Jahr, wenn der See leer ist, gibt der Boden wieder Fundstücke wie dieses Schloss frei.

Auch die Grundrisse der Bauernhöfe erzählen von den Menschen, die hier schon gegangen sind und gelebt haben – und zwar nicht nur im 20. Jahrhundert. Magnus Peresson hat schon viele Schätze hier entdeckt, wie z.B. römische Münzen, die vermutlich aus der Zeit zwischen 15 v. Chr. und 46 n. Chr. stammen, als hier eine Zollstation war.

Mittlerweile gilt es als wissenschaftlich gesichert, dass schon die Römer das Tal passierten. 1974 entdeckte man freigespülte Grundmauern und Ziegelreste einer römischen Villa rustica, einem Gutshof, in dem Reisende versorgt wurden, ebenso eines römischen Badehauses. Auch Spuren einer alten Römerstraße sind zu sehen, die vermutlich eine Verbindung zur Römersiedlung am Tegelberg und der Römerstraße Via Claudia Augusta hatten, die mitten durch den See verlief.

Mir gelingt es fast nicht mehr, meinen Blick vom Boden zu lösen. Hier ein Stück von einer bunten Kachel, hier ein verrosteter Hufnagel. Das ist ähnlich wie beim Pilze suchen: Man hofft immer auf das größte Fundstück. Magnus Peresson findet einen rötlich schimmernden Stein, den der Lech angespült hat. Es ist Rohglas!

Obwohl der Seegrund so spannend ist, sollte man nicht verpassen, seinen Blick zu heben. Im Süden breitet sich die majestätische Kulisse der Tannheimer und Ammergauer Berge mit dem markanten Säuling und dem Tegelberg aus, an dessen Fuße das wohl bekannteste Märchenschloss der Welt steht: Schloss Neuschwanstein.

Dessen Erbauer, König Ludwig II., liebte diese traumhafte Landschaft mit den vielen Seen. Ihm hätte der Forggensee bestimmt gefallen, der heute seinem Schloss zu Füßen liegt.