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Auf Wittelsbacher Wanderwegen

Das Wandern ist des Königs Lust

 

Ist man heutzutage auf den Bergwegen um Füssen unterwegs, kann man mit Fug und Recht behaupten, auf Wittelsbacher-Spuren zu wandeln. Geht doch der Großteil aller heutigen Bergwanderwege in der Region auf die bayerische Königsfamilie um König Max II., seine Ehefrau Königin Marie und deren ältesten Sohn, den späteren König Ludwig II., zurück.

von li. nach re.: Kronprinz Ludwig, Prinz Otto, Königin Marie von Bayern, König Max II. von Bayern
© Sammlung Jean Louis, München

 

König Max II. von Bayern

Als Maximilian, noch als Kronprinz, im Jahr 1829 die alte Burg Schwanstein und seine Umgebung für sich entdeckte, war die Bergwelt noch weitestgehend unerschlossen.  Er erwarb die Burg und ließ sie nach seinen Vorstellungen umbauen und renovieren. Kurz nach der Fertigstellung der Arbeiten an dem heute als Schloss Hohenschwangau bekannten Bau erhielt, er vom königlichen Vater Ludwig I. das weitläufige, umgreifende Jagdrevier.

Ansicht der Burg Schwanstein, bevor sie zum Schloss Hohenschwangau umgebaut wurde  © Sammlung Jean Louis, München

Durch Maximilians Liebe zu Waidwerk und Natur nahm die Erschließung der dortigen Bergwelt ihren Lauf. Ein Zeitzeuge berichtete: Auch wurde eine neue, sehr gute Straße auf die Jugend durch das Jugendtal in die Bleckenau und zur Jägerhütte in der hinteren Alpe, einige Reitwege, wie auf das Älpele, (…), und auf den Tögelberg [heute: Tegelberg] und viele Fußsteige nach allen Richtungen in der Gebirgswaldung und endlich noch eine Fahrstraße durch das Tal am Schwansee vorüber, hinter dem Kalvarienberg zum Weißen Haus auf die Landstraße nach Reiten [heute: Reutte] oder Vils angelegt.“

Blick auf den Ort Hohenschwangau vom Aussichtspunkt Jugend  © Sammlung Jean Louis, München

Dieses neu geschaffene Wegenetz ermöglichte es Max, die umliegende Bergwelt zu erkunden. „Kein Weg war ihm zu steil, kein Wetter zu schlecht “, erinnerte sich ein Zeitzeuge. Max II. liebte die Freiheit, die auch er als König in der Natur spürten durfte und versuchte daher so viel Zeit wie möglich fernab der Städte zu verbringen. Die Stille, aber auch die körperliche Betätigung, die eine Gebirgsjagd mit sich brachte, genoss er in vollen Zügen. Ging der Weg hoch hinaus, schreckte er auch nicht vor steileren Bergpartien zurück. Ein Begleiter notierte in seinen Erinnerungen: „Bei solchen Gelegenheiten führte der König den Spruch im Munde (…) „Man muß auf die Berge steigen, als ob man niemals hinaufkommen wollte“ – und richtete sich nach dieser Regel. Er stieg äußerst langsam, aber sicher und ausdauernd und kam zuletzt doch immer ans Ziel, obgleich es den Begleitern manchmal schien als sei der Gipfel gar nicht zu erleben.“

 

Hielt der König eine mehrtägige Jagdgesellschaft ab, übernachteten die Herren oft in einer der neunzehn Berghütten und -häuser, die auf Wunsch des Monarchen überall im gesamten Königreich entstanden. Das Tegelberghaus oder das Schweizerhaus in der Bleckenau beispielsweise waren gern genutzte Unterkünfte.

Da eine solche Jagd kein privates Unterfangen war, begleiteten den König stets mehrere Gäste aus Politik, Kunst, Kultur und Wissenschaft. Zudem wurde penibel darauf geachtet, dass sich unter den geladenen Herren immer ein Dichter oder Gelehrter befand, da sie der Gesellschaft nach Maximilians Meinung eine besondere Note verliehen und das Naturerlebnis auch von der poetischen Seite aufzeigten.

1. Die Bergwelt um Hohenschwangau, 2. König Max II. im Jägerkostüm, 3. Das Tegelberghaus © Sammlung Jean Louis, München

Maximilian war es wichtig, die Natur mit allen Sinnen und aus allen möglichen Perspektiven wahrnehmen zu können. So hörte er mit großer Aufmerksamkeit zu, wenn seine Begleiter ihm Geschichten oder Legenden aus der Gegend erzählten, die sie im Augenblick durchwanderten. Für den wissenshungrigen Monarchen durfte auch in der freien Natur die Geisteswissenschaft nicht fehlen. „Wie häufig sahen wir ihn mit dem Buch in der Hand unter einem Baum rasten, indes er wechselnd in der Landschaft schwelgte und stimmungsvolle Verse las“, notierte ein Zeitzeuge. Denn Maximilian sorgte auch vor Jagdpartien stets dafür, dass ausreichend Lektüre mitgeführt wurde.

Ansicht des gesamten Ensemles des Schlosses Hohenschwangau © Sammlung Jean Louis, München

Aber nicht nur die Jagd, auch das Wandern an sich war ein Herzenswunsch des Königs. Seiner Ansicht nach konnte er sein Volk, sein wahres, echtes Königreich nur zu Fuß erleben. „Wie ein Wanderer durch sein Land zu ziehen, die entlegensten Täler aufzusuchen, zwanglos mit den Leuten zu verkehren und dem Lande und Volke recht gradaus ins Gesicht zu schauen, wie das nur ein Fußgänger vermag, dem selbständiges Entdecken und Beobachten die höchsten geistigen Reize und Genüsse des Reiselebens sind“, war ihm stets ein Bedürfnis.

 

Königin Marie von Bayern

Maximilians Ehefrau Marie, eine geborene Prinzessin von Preußen, teilte die Naturverbundenheit ihres Mannes. Ihre Faszination für die Alpen gipfelte in dem Wunsch die Berge selbst besteigen zu können: „Von den Bergen bin ich ganz weg!“ soll sie bei ihrem ersten Aufenthalt in Hohenschwangau ausgerufen haben. Ein Wunsch, der allerdings nicht mühelos erfüllt werden konnte.

Das Kronprinzenpaar Max und Marie, das spätere Königspaar © Sammlung Jean Louis, München

Das größte Hindernis: die zeitgenössische Mode! Mit ihren weit ausgestellten Reifröcken, unzähligen Unterröcken, schweren bodenlangen Oberkleidern, Schößchen, Absatzschuhen und Schnürmiedern schien eine Bergtour in zweckdienlicher, aber gleichzeitig höfisch geziemter Kleidung schier unmöglich.

Ein für die Königin speziell angefertigtes Wanderkostüm brachte die Lösung. Auf die sonst unumgänglichen Unter- und Reifröcke wurde verzichtet und die Rocklänge um mehrere Zentimeter gekürzt. Damit die königlichen Beine trotzdem bedeckt blieben, erhielt das Wanderkostüm den eigentlichen Clou: eine Hose. Dass eine Frau und dazu noch eine Königin in diesen Tagen eine Hose trug, war gewissermaßen ein No-Go. Deswegen stellte der lange Überrock aus Loden das elementare, unverzichtbare Stück des Kostüms dar. So sah man die Hose zumindest nicht auf den ersten Blick.

Kronprinzessin Marie von Bayern im Wanderkostüm  © Sammlung Jean Louis, München

Mit der passenden modischen Ausrüstung versehen, hielt Marie nun nichts mehr davon ab, die umliegenden Gipfel zu besteigen. Eine zeitgenössische Biographin berichtete: „Nach und nach durfte die Kronprinzessin unter tüchtiger Führung alle Berggipfel rings um Hohenschwangau besteigen, was ihr keine Anstrengung, sondern größtes Vergnügen war. Wenn es Hindernisse gab, so erhöhten diese nur ihre Freude. So wurde vor allem der Sailing [heute: Säuling] bestiegen (…); die unten Bleibenden verfolgten durch ein Fernrohr den Aufstieg; man sah deutlich wie sich die kleine Gesellschaft auf dem Gipfel erst ängstlich ans Kreuz klammerte, da oben heftiger Wind wehte. Dann aber schwenkten sie lustig mit den Tüchern, und von unten grüßten die gleichen wehenden Zeichen der Erwiderung.

Königin Marie von Bayern © Sammlung Jean Louis, München

Tegelberg, Straußberg, Säuling, Hochplatte, Breitenberg, Aggenstein, Schlicke und auch die Köllespitze wurden von der Kronprinzessin und späteren Königin von Bayern und ihren Begleitern im beinahe jährlichen Rhythmus bewandert. Man munkelt, dass sogar Berge aufgrund der königlichen Wanderbesuche neue Namen erhielten. War doch beispielsweise die Köllespitze vor Maries Bergwanderungen noch als Metzenarsch bekannt. Ein zweifelhafter Name, der wohl so manchem Hofchargen die Röte ins Gesicht trieb.

Auch Königin Marie war nie allein in der Bergwelt unterwegs. Mindestens eine Hofdame oder ihre Oberhofmeisterin waren stets an ihrer Seite. Ging die Wanderung höher hinaus wie beispielsweise auf den Säuling oder die Hochplatte, durfte selbstverständlich auch ein Bergführer nicht fehlen.

Gräfin Julie von der Mühle, Oberhofmeisterin der Königin Marie von Bayern © Sammlung Jean Louis, München

Doch nicht nur die bayerischen Berge hatten es ihr angetan. Bei jedem ihrer Aufenthalte in Hohenschwangau stand auch wenigstens ein Besuch im benachbarten Tirol auf dem Programm. Hier stiftete sie „zum Andenken der dreimaligen, so glücklich abgegangenen Axelbesteigung“ am 18. Juni 1844 den Alpenrosenorden, der in Form einer in Silber gearbeitete Alpenrosenblüte an einem lachsrosa Seidenband verliehen wurde. Ein Freundschaftssymbol ohne politische Bedeutung, das Marie denjenigen überreichte, die mit ihr die „Axel“ [heute: Achsel] bei Musau bestiegen.

Königin Marie von Bayern  © Sammlung Jean Louis, München

Die gemeinsame Liebe des Königspaars zur Natur spiegelte sich auch in verschiedenen Geschenken Maximilians an seine Frau wider. Noch während der „Flitterwochen“, ihrem ersten gemeinsamen Aufenthalt in Hohenschwangau, wurde der neu erbaute, rund 90 Meter hohe Holzsteg über dem rauschenden Pöllatwasserfall auf den Namen „Marienbrücke“ getauft. In Anwesenheit von Max und Marie und weiterer hoher Herrschaften fand am 17. Dezember 1842 die feierliche Einweihung statt, bei der mit Champagner auf das Wohl der Namenspatronin angestoßen wurde.

Marienbrücke über dem Pöllatwasserfall  © Sammlung Jean Louis, München

Auch das Schweizerhaus in der Bleckenau ließ König Max II. als Geschenk für seine Frau Marie errichten. Dieses Berghaus entwickelte sich über die Zeit zu einem überaus beliebten Wander- und Jagdstützpunkt der königlichen Familie und ihrer Gäste. So trafen sich die Jagdgesellschaften Maximilians und die Wandergesellschaften der Königin in der Bleckenau, um eine Rast einzulegen und sich gemeinsam zu stärken. Hier in der Bergeinsamkeit durfte auch Königin Marie einmal einfach nur Marie sein. In der Bleckenau, fernab der höfischen Zwänge und Etikette, konnte es einem Gast durchaus passieren, den Kaffee von der Königin persönlich serviert zu bekommen.

Schweizerhaus in der Bleckenau  © Sammlung Jean Louis, München

Den höchsten Gipfel ihrer Bergwanderlaufbahn konnte Marie allerdings in Berchtesgaden verzeichnen. 1854 bestieg sie gemeinsam mit einer kleinen Wandergesellschaft den Watzmann. Ihr Wunsch, auch den Zugspitzgipfel zu erreichen, blieb ihr leider zeitlebens verwehrt.

 

König Ludwig II. von Bayern

Die Leidenschaft zur unberührten Natur des Voralpenlandes erbte auch der älteste Sohn des Königspaares, der spätere König Ludwig II. von Bayern. Schon als Zehnjähriger durfte er die Mutter zum Älpele oberhalb von Schwangau begleiten. Auch auf den Touren zum Tegelberg, Niederstraußberg, Aggenstein, Gabelschrofen und Krähe waren Ludwig und sein jüngerer Bruder Otto dabei. Der junge Kronprinz genoss die unbeschwerte Zeit in der Natur. „Wir verleben hier recht angenehme Tage, machten schon viele schöne Partien und fischten häufig. (…) Neulich bestiegen wir den Aggenstein in Tyrol, wo wir sehr viel Edelweiß pflücken (…)“, schreibt Ludwig in einem Brief.

Königin Marie von Bayern mit ihren Söhnen Kronprinz Ludwig (li.) und Prinz Otto (re.) © Sammlung Jean Louis, München

Besonders beeindruckte ihn jedoch sein erster Aufstieg auf den Säuling, drei Tage vor seinem 12. Geburtstag. Während die Marienbrücke noch mit dem Wagen erreicht wurde, begab man sich von dort aus zu Fuß auf den wohlangelegten Reitwege zur Sailingalpe, die nach zwei Stunden erreicht wurde.“ Eigentlich war vorgesehen, an der Alpe eine Rast einzulegen, doch der ehrgeizige Prinz Otto stürmte mit dem Bergführer Lob voraus. Er wollte unbedingt als erster noch vor seinem großen Bruder den Gipfel erreichen.

Es sollten noch viele gemeinsame Wanderpartien in die bayerische Bergwelt folgen.

Auch mit zunehmendem Alter blieb für Ludwig der Reiz der Bergwelt rund um Schloss Hohenschwangau bestehen. „Nun sind wir endlich in Hohenschwangau! Du kannst Dir denken wie glücklich wir hier sind. (…) Das Wetter ist herrlich, angenehm zu Partien, zum Reiten, Fischen und Baden. (…)“, berichtet der bereits erwachsene Ludwig seinem früheren Kindermädchen.

Schloss Hohenschwangau  © Sammlung Jean Louis, München

Er liebte diese Gegend so sehr, dass er nur kurze Zeit nach seiner Thronbesteigung den Entschluss fasste, ein eigenes Schloss errichten zu lassen. An der Stelle der Burgruinen Vorder- und Hinterhohenschwangau, die er so oft mit seiner Mutter besuchte, entstand sein Schloss Neuschwanstein. Hielt sich Ludwig II. zu Beginn seiner Regentschaft noch für längere Zeit in der Hauptstadt München auf, verkürzte er mit den Jahren seine Besuche in der ungeliebten Stadt mehr und mehr. Musste er doch für längere Zeit in München sein, weil seine Regierungsgeschäfte es nicht anders zuließen, plante er bereits seine nächsten Aufenthalte auf dem Land: „(…) ich werde am Sonntage auf einige Tage mich wieder hinauf flüchten in die heilige Ruhe der Natur, in die reine Luft der Berge; dort werde ich endlich wieder aufathmen können (…); dort oben in wonniger Einsamkeit, auf Bergeshöhen, werde ich die mir so nötige Ruhe finden (…).“

König Ludwig II. von Bayern © Sammlung Jean Louis, München

1. und 2. Die Ruinen der Burgen Vorder- und Hinterhohenschwangau, 3. Die Baustelle Schloss Neuschwanstein © Sammlung Jean Louis, München

Die Einsamkeit der Bergwelt wurde sein bevorzugter Zufluchtsort. Die Berghütten, die er nach dem Tod des Vaters übernommen hatte, besuchte und bewohnte er im regelmäßig Jahresrhythmus. Hatte er als junger Monarch noch das Reiten einer Wanderung vorgezogen und das Tegelberghaus oder die Kenzenhütte in waghalsigen Touren auf dem Rücken eines seiner edlen Leibreitpferde erreicht, so war er später meistens zu Fuß dorthin unterwegs. Aus der friedlichen Stille der Natur schöpfte der König neue Kraft und Energie:Nichts ist stärker für Geist und Körper als viel in Gottes freier Natur sich zu bewegen; dort oben auf freier Bergeshöhe ist die Seele dem Schöpfer näher, schöner und erhabener ist es da als im Qualm der Städte (…).“

Ludwig II. von Bayern © Sammlung Jean Louis, München

Noch heute kann man durch die von den königlichen Majestäten geliebte Bergwelt wandern. Die unter ihnen entstandenen Schlösser, Berghütten, Wege und Brücken zeugen von der Bergbegeisterung der einstigen Königsfamilie.

Unser herzlicher Dank geht an Jean Louis Schlim für die Bilder zu diesem Beitrag.

 

https://www.fuessen.de/wandern/koeniglich-wandern-schlosspark.html