Was Filmdarsteller Jakob Graf mit dem Märchenkönig verbindet

 

„Ich glaube, Ludwig II. war ein bisschen verrückt, im Sinne von ver-rückt – die Eigenschaft, eine andere Perspektive aufs Leben einzunehmen“, meint Jakob Graf und sieht dabei durchaus Parallelen zu sich selbst. Der Schauspieler ist extrem vielseitig und will sich als Persönlichkeit beständig weiterentwickeln. Die verschiedenen Rollen geben ihm die Freiheit, sich auszuprobieren und dadurch auch immer etwas Neues für sich selbst zu erschließen.

Schauspielen, schreiben, Kampfkunst ausüben, Skateboard fahren, surfen, snowboarden, Yoga praktizieren, Modern Dance tanzen, Figuren zeichnen – nur ein Ausschnitt dessen, was Jakob Graf so alles macht. Ach ja, Reiten steht seit dem Dreh auf seiner Wunschliste. Das hat er vor den Dreharbeiten extra mit Nadin, dem Filmpferd aus dem Allgäu, probiert.

Hier gibt’s einen Clip vom Reittraining mit Nina Beuckenberg vom Gestüt Kunterbunt in Markt Rettenbach und ihrem Pferd Nadin, der ziemlich tiefenentspannt ist. Trotzdem: Für einen Laien gar nicht so einfach, ihn zu lenken.

Neben all dem interessiert sich Jakob Graf für Essen, schwarze Löcher und wie Barfüßer die Erde bevölkern, also das große Gebiet der Astronomie, Quantenphysik und Biologie. Geboren in Würzburg wuchs er in Tansania, Frankreich und Genf auf, entdeckte im Jugendalter das Schauspiel und führte seine selbst geschriebenen Geschichten auf kleinen Bühnen auf. Später studierte er Kulturanthropologie und Sinologie, bevor er eine Schauspielausbildung an der MünchenFilmAkademie absolvierte – und damit seinem Herzenswunsch folgte. Neben seiner Arbeit als Darsteller, Model und Sprecher arbeitet er aktuell an einem Romanprojekt.

rechtes Foto: Nils Schwarz

Seine ruhige Ausstrahlung und die Gabe, sich zu fokussieren, kommt aus dem Kung-Fu, wo er den Meistergrad hat. Damit brachte er auch das Drehteam öfter zum Staunen. Mühelos balanciert er auf Geländern oder Felsen und kann auch eine Wand oder einen Baumstamm – ohne sich fest zu halten – hoch gehen. Seine akrobatischen Fähigkeiten und seine Mandarin-Kenntnisse brachten ihm bereits eine Rolle in einem asiatischen Actionstreifen ein.

Was für ein Kontrast zum neuen Imagefilm von Füssen. Bei der Vorbereitung für die Dreharbeiten und die neuen Imagemotive ist er tief in die Gedanken- und Gefühlswelt des Märchenkönigs eingetaucht, um den Menschen dahinter zu erspüren. Im Film spielt er eine moderne Interpretation des Königs. Einen Menschen, der sich in seiner tristen Alltagswelt nach einem Ort sehnt, an dem er seine Lebensvisionen wieder wahrnehmen kann. Ähnlich wie der Märchenkönig, für den die Gegend rund um Füssen ein Zufluchtsort war. Hier konnte er seine tiefe Sehnsucht nach einer heilen Welt stillen und seinen Träumen Flügel geben, wie Schloss Neuschwanstein eindrucksvoll zeigt.

„Auf dem Schlossbalkon konnte ich Ludwig total spüren. Wie inspirierend muss für ihn die Aussicht auf die Landschaft mit ihren Bergen, Seen und Wiesen gewesen sein“, erzählt Jakob Graf. Auch beim Pindarplatz am Alpsee, einer der Lieblingsplätze des Königs, wäre er am liebsten von dem 15 Meter hohen Felsen ins Wasser gesprungen, um ganz in Ludwigs Welt einzutauchen und den Moment des Nicht-Abgelenktseins zu spüren.

 

König und Schauspieler:
Eine kleine Analogie


Foto: Jean Louis Schlim

 

Der Mutige

„Mut ist einer der Eigenschaften, die ich dem König am meisten zuschreiben würde. Dieser ließ sich nicht in ein System pressen, sondern lebte für seine Träume und Visionen. Anstatt Krieg zu führen, förderte er Musik, Malerei und Schauspiel. Eine irre Errungenschaft, so ein Querdenker zu sein und sich über all die negativen Stimmen hinweg zu setzen. Ich lebe auch etwas außerhalb des normalen Systems, weil ich komplett freiberuflich arbeite. So komme ich einfach besser mit mir selbst aus und bin genießbarer für meine Mitmenschen, weil ich das tue, was ich will und mich immer neu ausprobieren kann. Für König Ludwig war das bestimmt viel schwerer.“


Foto: Jean Louis Schlim

 

Der Feingeist

„Bei der Rollenvorbereitung hat sich bei mir das Bild eines sehr emotionalen und sentimentalen Mannes geformt. Ich glaube, dass er so menschenscheu war, weil er wusste, dass er in seiner Entwicklung die meisten Fortschritte machen kann, wenn er alleine ist. Ludwig hat das Leben anders interpretiert. Er hat immer gespürt, dass hinter Politik und Macht etwas viel Tieferes steckt und dass er draußen in der Natur kreativ schöpfen kann. Auch hat er sich gefragt: Was sind meine Träume und Sehnsüchte? Mir ist es auch sehr wichtig, meinem Herzen zu folgen. Das Schönste am Leben finde ich wahrscheinlich die Tatsache, dass man gar nicht so genau weiß, was auf einem zukommt. All die vielen Wunder und Geheimnisse, die auf einen warten und die entschlüsselt werden wollen. Dahinter wollte Ludwig auch blicken. Deshalb war er so wissbegierig und vielseitig interessiert.“


Foto: Jean Louis Schlim

 

Der Andersdenkende

„Das Leben kann man nur mit einer Prise Humor sehen. Ich glaube schon, dass Ludwig auch einen verschmitzten Blick aufs Leben hatte, wie auf dem Foto. Ich arbeite immer daran, eine bessere Version von mir selbst zu werden und die Anhaftung an den Alltag los zu lassen. Ich sehe mich als spiritueller Krieger. Nicht im Sinne eines Adrenalin behafteten Kampfes, sondern als eine Auseinandersetzung zwischen harten und weichen Aspekten des Lebens. Ich glaube, dass es kein Leben ohne Herausforderungen gibt. Durch einen Perspektivenwechsel kann man nach innen schauen und Zugang zu dem großen Potential bekommen, dass in uns steckt. So öffnen sich neue Türen, auch wenn man denkt, dass gerade alle zugehen. Deshalb sollte man sich wie Ludwig immer wieder Zeit nehmen, von der anderen Seite auf sein Leben zu schauen. Das bedeutet für mich auch der Begriff Anderszeit.“

Das bin ich

 

„Als ich mir die Schwarzweißbilder von Ludwig und mir angeschaut habe, habe ich erkannt, was ich mir für die Figur alles aufgebaut habe. Das war ein tiefer Blick in diesen Menschen und ich hab mich fast nicht mehr selbst in den Bildern erkannt, was ja ein gutes Zeichen für einen Schauspieler ist. Deshalb wollte ich mich auf dem letzten Foto ganz natürlich zeigen, so wie ich eben bin. Definitiv wäre es für mich spannend, dem echten König als Mensch zu begegnen. Ich würde mit ihm über Natur, Kunst, Meditation und seine Perspektiven auf’s Leben reden. Auch darüber, wie er zum Leben insgesamt steht. Und wahrscheinlich würden wir um den Alpsee laufen und gemeinsam hinein springen.“