Auf dem Tegelberg über den Wolken schweben

 

Der Tegelberg – er wäre heute ein Hotspot für Märchenkönig Ludwig II. Von der Kabinenbahn hat man einen fantastischen Blick auf die Landschaft und die berühmten Königsschlösser. Wahrscheinlich würde der Monarch an Tagen wie diesem immer wieder rauf und runter fahren und dann fliegen, schweben, schwelgen …

Gerd Hirzinger, DLR

So vieles von dem, wovon der König zeitlebens träumte, ist heute Wirklichkeit – und für uns Heutige selbstverständlich. Wie die Bergbahn, die auf das 1720 Meter hohe Massiv der Ammergauer Alpen führt. Ludwigs Idee eines Luftwagens – sozusagen die Grundidee einer Bergbahn – hat ihn aber jäh zu Fall gebracht. Denn der Pfauenwagen, mit dem er von Schloss Hohenschwangau zum Alpsee schweben wollte, wurde als endgültiger Beleg dafür gesehen, dass er geisteskrank sei.

Wegen der großartigen Aussicht, ist der Tegelberg ist nicht nur bei Wanderern beliebt. Er ist auch ein Eldorado für Gleitschirm- und Drachenflieger. Manuel Hammes aus Peiting ist heute der erste Geduldige auf dem hochgelegenen Kunstrasenplatz. Fliegen, das hat ganz viel mit Warten zu tun – nämlich auf den richtigen Wind für den Start. Dieser sollte drehen, sonst wird es heute nichts. Der Schirm muss gerade über dem Flieger stehen. Doch Manuel ist zuversichtlich, dass er nachher über die Seen, Wiesen und Hügel im Schlosspark schweben wird. Er mag die grenzenlose Freiheit von oben, deshalb zieht es ihn oft hier hoch. „Es ist toll, ganz für mich zu sein. In der Luft wirken die Berge so nah, der Boden dafür ist weit weg.“ Sogar eine Alpenüberquerung hat er schon gemacht – nur mit Gleitschirm und Rucksack.

Wer keinen Gleitschirm dabei hat, bekommt auf dem Tegelberg trotzdem Flügel, z.B. beim Wandern auf der Königsrunde. Auf dem einen Kilometer kurzen Panoramaweg mit sieben Stationen kommen auch wenig Geübte in den Genuss eines echten Bergerlebnisses – allerdings nur mit festem Schuhwerk. Von der Tegelbergbahn geht es Richtung Osten den Berg hinauf. Immer wieder öffnen sich Blicke in die Voralpenlandschaft , sowie die Allgäuer, Ammergauer und Tannheimer Berggipfel.

Das Felsengesicht scheint die Aussicht zu genießen. Wer sich wohl hier in der Bergkette verewigt hat? Das Mount Rushmore National Memorial mit den US-Präsidenten lässt grüßen, nur dass dieses „Gesicht“ hier ganz natürlich entstanden ist.

Gipfel mit Geschichte – Der Tegelberg bei Füssen war ein Königsrevier

Es liegt nahe, dass die Königsrunde ihren Namen in Erinnerung an die durch die Wander- und Jagdleidenschaft der bayerischen Königsfamilie bekommen hat – und natürlich auch, weil man sich hier oben wie ein König der Lüfte fühlt. Hier gibt es kaum einen Weg, auf dem die Familie nicht schon gegangen wäre. Vor allem Königin Marie, die Mutter von Märchenkönig Ludwig II., war eine begeisterte Alpinistin. Sie zählt zu den ersten Frauen, die sich überhaupt die Freiheit herausnahmen, Gipfel zu erklimmen. Damit setzte sie sich über alle Konventionen und Spötteleien der feinen Gesellschaft hinweg. Es ziemte sich nicht für eine Dame ihres Ranges, schweißtreibende Touren zu unternehmen, doch Marie war das herzlich egal. Für ihre Ausflüge ließ sie sich sogar ein spezielles Gewand mit Rock und Hose aus Loden fertigen, um leichter wandern zu können. Die Aufenthalte in der Allgäuer Natur rund um Füssen prägte, auch den späteren Bayernkönig Ludwig II. tief.

An der Infostation blickt man auf den Säuling, einer der markantesten Berge in der Region „Schlosspark im Allgäu“. Der Berg war immer wieder Wanderziel der königlichen Familie und Ludwig liebte diese Ausflüge schon als Kind – trotz der genagelten Bergschuhe, die ihm wahrscheinlich schon beim Aufstieg Bleifüße bescherten. Sein Vater König Max II. schätzte den Tegelberg als vorzügliches Jagdrevier. Deshalb ließ er sich ein Jagdhaus errichten, das heutige Tegelberghaus unterhalb der Bergstation. Auch viele Wegen durch das Ammergebirge, wie z.B. der Ahorn-Reitweg von der Bleckenau zum Tegelberg – gehen auf die Hofjagd zurück.

Bis 1918 waren weite Teile der Ammergauer Alpen königliches Jagdrevier der Wittelsbacher und die brauchten Wege, um durch das Gelände reiten zu können. Ludwig II. interessierte das Jagen nicht, doch er ritt später oft mit seinem Pferd hoch, um die Einsamkeit und den Blick in die Weite zu genießen.

In Richtung Osten geht es abseits der Königsrunde zu einem Abstecher auf den 1881 Meter hohen Branderschrofen, dem eigentlichen Gipfel des Tegelbergs. Auch diesen bestieg König Marie ohne Furcht. Doch aufgepasst: Hier sollte man wirklich trittsicher sein!

Mal sehen, wie es mit dem Wind jetzt steht. Manuel hatte Recht, er hebt gerade ab. Derweil sind schon einige weitere „Flieger“ am Startplatz angekommen, wie Andreas, Michael und Tim aus dem Stuttgarter Raum. Bis zu 10 Mal im Jahr gehen sie gemeinsam auf Tour: mit ihren Drachen! Der Tegelberg ist eines ihrer Hauptziele. Ein- bis zweimal im Jahr machen sie sogar eine ganze Woche „Drachenurlaub“. Zur Gewohnheit wird es trotzdem nicht, denn „der Respekt davor ist unsere Lebensversicherung“, meint Andreas, der schon vor fast 30 Jahren damit angefangen hat. Ein aufwendiges Hobby. Das Gestänge hat eine Spannweite von 5,5 Metern, die Ausrüstung insgesamt wiegt über 30 Kilo.

Andreas schätzt den Wind für den Start seines Fliegerfreundes ein. Oft sind es Mini-Nuancen auf die er dabei achten muss. Schließlich gibt er das „Go“ und Tim rennt die steile Rampe runter. Da gibt es kein Zurück mehr. „Ein tolles Gefühl, wenn man dann die Luft unter den Flügeln spürt und der Drache einen nach oben wegzieht“, meint Andreas begeistert. „Es ist, als seien die Flügel aus dem Rücken gewachsen. So ein Naturerlebnis, man ist inmitten der Elemente. Ich kann den König absolut verstehen. Der wusste schon, wo’s schön ist!“ Und ziemlich sicher würde Ludwig II. heute hier stehen und auf solche Momente ebenfalls stundenlang warten.

Jean Louis Schlim

Nur fünf Jahre nach LudwigsTod gelang Otto Lilienthal 1891 mit seinem vogelähnlichen Gespann sein erster Gleitflug. Und dann dauerte es nicht mehr lang, bis die ersten Flugzeugpiloten Neuschwanstein aus der Luft bewundern konnten. Aus heutiger Sicht war der König also keineswegs geisteskrank, sondern ziemlich visionär. Schade, dass er es nicht mehr erleben konnte. Aber eine Ermutigung für uns, an unsere Träume zu glauben.

 

Königsrunde am Tegelberg