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Neuschwanstein Restaurierung

Neuer Frühling

Wie Schloss Neuschwanstein herausgeputzt wird


In dieser königlichen Landschaft ist es einfach ein Hingucker! Neuschwanstein ist für viele das Schloss aller Schlösser. Wie es da so auf einem Felsen umgeben von Berggipfeln thront, versetzt es einen in fast kindliches Staunen. Das Bauwerk von Bayernkönig Ludwig II. lässt längst vergessene Träume wieder auferstehen. Mit Neuschwanstein hat er diesen ein Bild gegeben. Vielleicht ist das der Grund, warum es jedes Jahr Besucher aus aller Herren Länder anlockt.

Im Sinne des Märchenkönigs wäre das allerdings nicht. Für ihn war Neuschwanstein, neben seinem gegenüber liegenden Kindheitsschloss Hohenschwangau, ein einsamer Rückzugsort. Die Regierungsstadt München war ihm zu hektisch und laut, deshalb verweilte er lieber in seinen abgelegenen Residenzen. Die beiden Königsschlösser und die umgebende Natur waren für Ludwig II. das „Paradies auf Erden, das ich mir mit meinen Idealen bevölkere und dadurch glückselig bin“, wie er es selbst einmal formulierte. Aus der Kombination von Natur und Architektur erschuf er sich eine eigene Welt und setzte in dieser Kulisse sein Bauwerk in Gestalt einer mittelalterlichen Gralsburg perfekt in Szene.

 

copyright: Jean Louis Schlim

Damit das Schloss auch der Nachwelt erhalten bleibt, werden nach der Sanierung der Außenfassaden seit 2017 auch die Prunkräume vollumfänglich restauriert. Einst war Neuschwanstein die spektakulärste Baustelle des Landes, heute ist das Kulturdenkmal eine der aufwändigsten und kostenintensivsten Restaurierungsmaßnahmen, die die Bayerische Schlösserverwaltung  in ihren historischen Gebäuden umsetzt.

Am 5. September 1869, also vor über 150 Jahren, wurde der Grundstein für das heute weltbekannte Bauwerk gelegt, doch zuvor musste erst einmal das Gelände erschlossen werden. König Ludwig II. hatte den zerklüfteten Felsen mit den beiden Burgruinen Vorder- und Hinterhohenschwangau vor dem Tegelberg als Bauplatz auserkoren. Um dort überhaupt bauen zu können, mussten für das Fundament die Ruinen abgebrochen und der obere Teil des Felsens mit Dynamit weggesprengt werden. Auch brauchte es eine Straße, um Baumaterial nach oben transportieren zu können, und später Wasserleitungen für den Betrieb des Schlosses. Über zwei Jahrzehnte hinweg waren wohl mehrere hunderte Arbeiter auf der Großbaustelle beschäftigt. So lange wird die Restaurierung nicht dauern. Doch wenn die Maßnahmen wie derzeit geplant 2024 abgeschlossen sein werden, haben diese samt vorangegangener Planung immerhin mehr als die Hälfte der damaligen Bauzeit beansprucht.

Bild links: Vorraum zum Thronsaal und der Königswohnung / Bild Mitte: Feuchtigkeitsschäden an historischen Fenstern / Bild rechts: Klebeschäden auf historischen Parkett

Ludwig hatte eine sehr genaue Vorstellung, wie seine Vision einer mittelalterlichen Gralsburg aussehen soll und erschuf ein Gesamtkunstwerk, dessen Qualität und Wert allerdings lange Zeit unter Kunsthistorikern verkannt worden ist. Schloss Neuschwanstein ist ein sehr komplexes Bauwerk. Schon die Wände sind ausgesprochen aufwändig bemalt. Überall sind Figuren und Szenen mittelalterlicher Sagen dargestellt. Wer während eines Neuschwansteinbesuches in manchen Räumen die Gerüste und die Restauratoren beim Ausbessern der Wandmalereien sieht, kann sich nicht vorstellen, was für eine Mammutaufgabe diese Sanierung insgesamt darstellt. So braucht es viele Spezialisten aus den unterschiedlichsten Handwerks- und Restaurierungsberufen.

Ob es Risse in Wänden sind, Staub- und Schmutzschichten auf Bildern und Mobiliar, Schäden durch zu viel Lichteinfall, der die hochwertigen Vorhänge und Sitzpolster verbleichen bzw. aufreißen lassen hat, die unsachgemäße Oberflächenbehandlung von Türen, hölzernen Wandflächen oder Leuchtern – mit dem Erhalt der Innenausstattung sind seit Restaurierungsbeginn an die zweihundert Architekten, Ingenieure, Handwerker, Fotografen, Kunsthistoriker, Denkmalpfleger, Restauratoren und Sicherheitskoordinatoren beschäftigt. Um alle Arbeiten inhaltlich und zeitlich miteinander zu vernetzen, braucht es eine umfassende und sehr detaillierte Vorbereitung und Planung.

Kaum jemand anderer kennt die vielen baulichen Facetten und Herausforderungen des Kulturdenkmals Neuschwanstein wahrscheinlich so umfassend wie Heiko Oehme (rechts) von der Bauabteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung und Christoph Weber vom Staatlichen Bauamt in Kempten. Sie sind sozusagen der gemeinsame Kopf der Restaurierung und arbeiten eng zusammen, damit ein Zahnrad ins nächste greift. Während Christoph Weber als Projekt- und Bauleiter ein Team aus verschiedensten Fachbereichen planerisch koordiniert, zeitlich eintaktet und leitet, vertritt Heiko Oehme die Bayerische Schlösserverwaltung als Bauherr und gibt in steter Absprache mit dem Bauamt, mit den Fachleuten des hauseigenen Restaurierungszentrums und der Schlossverwaltung die Marschrichtung vor. Letztere muss dafür sorgen, dass das Schloss trotz der Sanierungsarbeiten wie gewohnt besichtigt werden kann.

copyright: Jean Louis Schlim

Heiko Oehme wie Christoph Weber haben über die Jahre sicherlich deutlich mehr Tage im Gebäude verbracht als der König selbst. Ludwig II. war immer wieder vor Ort und beobachtete mit Argusaugen den Fortschritt der Baumaßnahmen von seiner Wohnung im Torhaus des Schlosses oder vom Schwesterschloss Hohenschwangau aus. So konnte er jederzeit eingreifen, wenn er etwas geändert haben wollte und das kam wohl häufig vor. Nur 172 Tage konnte der König seine Schöpfung jedoch am Ende bewohnen, bevor er auf bis heute ungeklärte Weise 1886 im Starnberger See zu Tode kam. Das Schloss glich zu dieser Zeit in manchen Bereichen noch einer Baustelle und wurde erst in den Jahren nach seinem Tod in deutlich reduzierter Form fertig gestellt – aber schon sechs Wochen, nachdem der König gestorben war, zur Besichtigung freigegeben.

Die Menschen sollten sehen, wofür der Monarch umgerechnet einhundert Millionen Euro „verprasst“ hatte. Anders als oft angenommen, finanzierte er die Baukosten aber nicht aus dem Staatshaushalt, sondern aus seinem Privatvermögen. Auf diese Weise geriet er in eine jahrelange Finanzkrise. Die Schlossbesucher allerdings rümpften damals nicht wie erwartet die Nase über Ludwigs Märchenschloss. Ganz im Gegenteil: Sie sollen schlichtweg begeistert von Neuschwanstein gewesen sein und es entwickelte sich schnell zum Besuchermagneten. Selbst die Münchner Bevölkerung, die seine Idee von einer nachgeschöpften mittelalterlichen Gralsburg „g’spinnert“ fand, verehrte den König nach dessen Tod weiter. Bei den Einheimischen in Schwangau und Füssen hatte der König ohnehin einen guten Stand, denn er hatte vielen Handwerkern und Kunstschaffenden aus der Region Arbeit verschafft und schätzte diese Arbeit hoch.

Bild links: Schmutzfilm auf den Holzvertäfelungen / Bild Mitte: „angeknabberte“ Turmwächter-Drachenstatue  / Bild rechts: beschädigte Wandmalereien

Der seit der Schlossöffnung andauernde Führungsbetrieb ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Innenräume von Neuschwanstein nun so umfangreich restauriert werden müssen. Heute wandelt im Fünf-Minuten-Takt Besuchergruppe um Besuchergruppe durch die Prunkräume. Bis zu 1,5 Millionen Gäste wollen das Märchenschloss in jedem Jahr bewundern und sie bringen Staub und Schmutz ins Innere. Dadurch entstand über die Jahre ein Schmutzfilm an Wänden, Decken, Böden und der hochwertigen Innenausstattung. Vor allem aber führte die Atemluft der Besucher und ihre bei Regenwetter oft klamme Kleidung zu einer teilweise extrem hohen Luftfeuchtigkeit in den Innenräumen und verstärkten die Schäden an der Ausstattung. Problematisch ist auch, dass sich manche Besucher nicht daran halten, im Schloss nichts zu berühren. Sie streicheln und kratzen an Wänden und Verzierungen.

Bild links:  fertig restaurierter Sängersaal / Bild Mitte + rechts: restauriertes Gemälde mit historischem Heizungsschacht unten, über den der Sängersaal nun entlüftet wird

Einer der wichtigsten Restaurierungsmaßnahmen war also, eine Lüftungsanlage zu installieren, um die Feuchtigkeit im Schloss zu reduzieren und damit die Hauptursache vieler Schäden für die Zukunft zu beseitigen. Doch wie baut man diese Anlage möglichst unsichtbar in ein historisches Gebäude ein, ohne die Bausubstanz zu schädigen? Ein Glück, dass König Ludwig II. – wiewohl ein später Romantiker – trotzdem ein Technikfreak war und sich für Neuerungen brennend interessierte. Das Schloss war zu seiner Zeit auf dem modernsten Stand. So ließ er auch eine Art Zentralheizung einbauen, deren Kanäle und Rohre in den Wänden verlaufen. In der kalten Jahreszeit konnte so warme Luft in die Räume eingeblasen werden. Im umgekehrten Prinzip können die historischen Heizungsschächte heute zur Entfeuchtung genutzt werden. Für die Besucher bleibt diese „Umnutzung“ so gut wie unsichtbar.

Bild links: Hans-Joachim Bleier beim Abholen der Kandelaber / Bild Mitte + rechts: aufwändig verpackte Leuchter und Kandelaber sind zur Abholung in die Werkstatt bereit

Im Zuge der Restaurierung wird an die historischen Fenster auch ein Licht- und UV-Schutz angebracht, um vor allem die überaus sensiblen Textilien, Textilmalereien (sog. Tüchleinmalereien) und Wandfassungen vor der starken Sonneneinstrahlung zu schützen. Dieser Lichtschutz wird mit Magneten auf den metallenen Fenstern fixiert. Schrauben, bohren, kleben – das alles verursacht Schäden, die später nicht mehr rückgängig gemacht werden könnten und somit vermieden werden müssen. Auch die prächtigen Kandelaber im Sängersaal werden nach und nach von Metallrestaurator Hans-Joachim Bleier aufwändig verpackt und abgeholt, um sie in seiner Werkstatt in Rottenburg aufzuarbeiten. Vom nicht ausreichend informierten Führungspersonal gut gemeint, wurden sie über Jahrzehnte immer wieder auf Hochglanz poliert, bis die Fassung teilweise bis auf den Messinggrund abgetragen war. Der Staub hatte zusammen mit der Reibung einen ähnlichen Effekt wie feines Schmirgelpapier.

Jetzt geht es darum, die 184 Wand- und Deckenfassungen, 65 Gemälde, 355 Möbel, 228 Textilien und Lederobjekte, 322 kunsthandwerkliche Objekte, 315 Holzbauteile, 196 Natur- und Kunststeinobjekte, über 650 Fenster und Außentüren fachgerecht zu restaurieren. Jeder Bereich wird dabei nach Vorgaben des Restaurierungszentrums der Bayerischen Schlösserverwaltung von einer eigenen Fachbauleitung betreut, so ist für Holz eine andere zuständig als für Stein, Metall, Textil oder Keramik. Mitunter ist es gar nicht so einfach, für die anstehenden Arbeiten die passenden Restauratoren mit der entsprechenden Spezialisierung und Erfahrung zu finden und manche Aufträge müssen sogar mehrmals ausgeschrieben werden. An den Lichtschutz der Fenster im Sängersaal hat sich zum Beispiel kein Raumausstatter herangetraut. Jetzt wird dieser von einem Glaser aus Pfronten gefertigt, der eine eigene Restaurierungsabteilung hat. „Restaurator ist eben nicht gleich Restaurator. Wir brauchen absolute Spezialisten“, erklärt Heiko Oehme. „Nicht nur fachlich, sondern auch menschlich. Es bringt nicht viel, wenn jemand nicht teamfähig ist und sich nicht in das Gesamtgefüge einordnen kann.“ Letztendlich geht es darum, dass alles Hand in Hand geht, damit es später keine Brüche im Erscheinungsbild gibt und alles wie aus einem Guss wirkt. So braucht es ein eingespieltes Team wie zum Beispiel die beiden Restauratorinnen Meike Fuhrmann und Viktoria Jung, die sich seit dem Studium kennen und derzeit die Wunden im Treppenhaus des Hauptturms heilen.

Restaurierungsteams sorgen für ein gleichmäßiges Erscheinungsbild

Bei grellem Licht sehen sie jede Verschmutzung und kleinste Schäden an den Ölmalereien, die durch Feuchtigkeit entstanden sind. „Kleine Unebenheiten am Putz verleiten manche Besucher, mit den Fingern daran zu knibbeln. Wenn das wieder eine ebene Fläche ist, sind die Leute auch vorsichtiger“, erklären die beiden. Für die richtige Farbmischung braucht es viel Erfahrung und Feingefühl und die Restauratorinnen können hierbei nicht auf feste Vorgaben zurückgreifen. „Das ist schon eine Tüftelei. Wir können nicht einfach standardmäßig Farbtöne mischen, sondern müssen die Alterungsspuren berücksichtigen.“ Heizstrahler sorgen dafür, dass ihre Finger im kalten Schloss beweglich bleiben, um die filigrane Arbeit ausführen zu können und die Farbe achtsam aufzutragen. Für Viktoria Jung ist ihre Arbeit immer auch eine kleine Zeitreise. „Historisch gesehen ist Neuschwanstein ja noch ein Baby. Aber in dieser Zeit hat sich maltechnisch sehr viele entwickelt. Und diese Malphänomene zu entdecken, ist unglaublich spannend.“

Restaurierungsarbeiten in den Dienerschaftszimmern und in der Königswohnung

Ein paar Gänge weiter arbeiten die nächsten Spezialisten. Es ist bereits Abend und die Besucher haben das Schloss verlassen. In den  Dienerschaftsräumen ist Holzrestaurator Harald Kühner gerade dabei, die Pflegemittelschichten einer Eichentür aus der Königswohnung abzunehmen. Über die Jahre wurden sie immer wieder mit Öl eingelassen. „Man dachte, dass man sie damit auffrischen kann. Aber die Öle trocknen in so einer dicken Schicht gar nicht mehr richtig durch und werden klebrig. Staub und Dreck liegen dann wie ein Pelzbesatz auf dem Holz.“ Auch bei den Holzvertäfelungen ist das Vorher-Nachher-Ergebnis seiner Arbeit sehr gut zu sehen. Die Holzböden im Sängersaal und zum Teil bereits in der Königswohnung haben er und seine Kollegen ebenfalls schon bearbeitet. Um diese zu schützen, wurden vor vielen Jahren Laufrouten mit Teppichen ausgelegt – und auf das Parkett geklebt. Eine ziemliche Friemelei, die Spuren wieder zu beseitigen.

Restaurator Andreas Steinpilz beim Zusägen kleinster Holzteile für die historischen Fenster

Manche Arbeiten sind so kleinteilig, dass Laien in Bezug auf Restaurierung zunächst gar nicht daran denken würden. Doch sie spielen für den Erhalt der Bausubstanz eine wichtige Rolle. Restaurator Andreas Steinpilz sägt und leimt kleinste Holzteile, mit dem Beschlagteile oder Schließkolben von Fenstern höher gesetzt werden und so wieder dicht verschlossen werden können. So bleibt die Feuchtigkeit draußen und zieht nicht ins Mauerwerk ein. Gerne würde er sich das Schloss mal ganz in Ruhe anschauen, aber dafür bleibt ihm im Moment keine Zeit. Viele Fenster warten darauf, von ihm liebevoll instandgesetzt zu werden.

Für die Renovierungsarbeiten eigens geschaffene Räume

Geschickt vor Besuchern versteckt liegen diejenigen Räume, die zur Zeit als Werkstätten genutzt bzw. in denen Ausstattungsgegenstände zur Abholung für ihre Restaurierung außerhalb des Schlosses gelagert werden. Sie wurden zum Teil eigens für die Restaurierung eingerichtet. In dieser kleinen Geheimkammer direkt neben dem Sängersaal warten zum Beispiel die verpackten Kandelaber auf den Transport in die Werkstatt und die bereits fertigen Fensterrahmen darauf, wieder eingesetzt zu werden. Die meisten Arbeiten werden jedoch direkt im Schloss ausgeführt und die Besucher zwischenzeitlich über andere Räume durch das Schloss geleitet, die normalerweise nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind. So sehen die Besucher aktuell auch Besonderheiten wie das Adjutantenzimmer mit dem königlichen Telefon aus einem anderem Blickwinkel.

Bild links: Adjutantenzimmer / Bild Mitte: historisches Telefon aus der Zeit König Ludwigs II. / Bild rechts: hoher Bedarf an Material für die Restaurationsarbeiten

Eine der großen Herausforderungen bei der Restaurierungsmaßnahme ist es, diese mit dem laufenden Führungsbetrieb zu vereinbaren. Mit der Schließung des Schlosses für die Besucher während der Coronazeit sind den Restauratoren viele Nachtschichten erspart geblieben. Jetzt, wo wieder Gruppen durch das Schloss geführt werden, müssen die Restauratoren darauf wieder Rücksicht nehmen. „Dafür braucht es eine stabile Umleitung, die läuft. Dahinter steckt eine unglaubliche Baustellenlogistik. Es braucht Staubschutzwände, Schutzböden , Werkzeugkisten, Heizstrahler und Kabeltrassen, so dass die Restauratoren eine fertige Baustelle vorfinden, wo sie sofort anfangen können zu arbeiten. Das muss laufen wie bei den Heinzelmännchen“, erklärt Christoph Weber, für den dieses Management eine seiner Hauptaufgaben ist. Statt geschätzten sieben Jahren würde die gesamte Restaurierung nur um die zwei Jahre dauern, wenn man das Schloss für Besucher während dieser Zeit ganz schließen würde. Für den Tourismus aber wäre das ein großer Einbruch, außerdem gibt es keine Handwerker, die über so lange Zeit durchgängig an einer einzigen Baustelle arbeiten könnten. „Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass die Besucher den Restauratoren gerne über die Schulter schauen und die Arbeiten mindestens genauso spannend für sie sind wie die Führungen selbst“, erzählt Heiko Oehme.

Ziel der Restaurierung ist es übrigens nicht, dass später alles in „neuem Glanz“ erstrahlt, wie Berichte über die Maßnahmen manchmal in Zeitungsartikeln übertitelt werden. Was bis vor 30 Jahren noch gängig war, ist heute nicht mehr im Sinne der modernen Denkmalpflege. „Es ist durchaus gewollt, dass man an allen Bauteilen die Alterungsspuren erkennen und so die Geschichte des Schlosses ablesen kann“, erklärt Christoph Weber vom Staatlichen Bauamt Kempten. „Die Restauratoren der Schlösser- und Seenverwaltung, die konzeptionell federführend sind, denken sehr stark konservatorisch. Alles, was bröckelt, muss gefestigt werden, damit kein weiterer Schaden entsteht. Gleichzeitig darf die natürliche Patina und damit das Alter der Innenausstattung aber sichtbar bleiben.“ Neuschwanstein soll nach der Restaurierung also nicht aussehen wie vor 140 Jahren, als es fertiggestellt wurde, sondern einfach wieder frisch und gepflegt wirken, nachdem die dicken Staubschichten abgetragen und die Oberflächen gereinigt und punktuell retuschiert wurden.

Renovierungsbedürfte Treppen, Fenster und Kachelöfen

Bevor überhaupt mit der Restaurierung begonnen werden konnte, musste eine umfassende Bestandsaufnahme gemacht werden. Das geschah bereits 2013. Um zu ermitteln, wie aufwändig und intensiv die Sanierung ausfallen würde, wurden manche von Spezialisten mit einer Infrarotkamera untersucht und dokumentiert. So konnten Schäden aufgedeckt und beurteilt sowie geeignete Restaurierungsmethoden diskutiert werden. Nach der Bewilligung von über zwanzig Millionen Euro aus dem Staatshaushalt wurde 2017 mit den eigentlichen Restaurierungsarbeiten begonnen.

Mögen die Besucher vor der Restaurierung auch den Eindruck gehabt haben, dass Neuschwanstein im selben guten Zustand wie zur Zeit Ludwigs II. wäre, so ändert sich die Meinung unter fachkundigem Blick schnell. „Wir waren selbst davon überrascht, wie viel in den Innenräumen gemacht werden muss. Je tiefer wir in die Materie eingestiegen sind, umso mehr haben sich wirklich die Schäden gezeigt. Und trotz der aufwändigen Voruntersuchungen hat sich während der Restaurierung herausstellt, dass wir an der ein oder anderen Stelle anders als geplant vorgehen müssen“, erklärt Heiko Oehme. So kann zum Beispiel ein Kachelofen, von dem man dachte, ihn mit wenig Aufwand restaurieren zu können, plötzlich zu einer größeren „Baustelle“ werden, weil bei seiner Bearbeitung statische Schäden entdeckt worden sind und der Ofen deshalb vollständig ab- und später wieder aufgebaut werden muss. „Trotzdem ist das Schloss bei dieser ungeheuren Besuchermenge über die vielen Jahre und der alpinen Lage insgesamt in einem erstaunlich guten Zustand“, meint Heiko Oehme. „König Ludwig hat einfach sehr wertig bauen lassen, das merkt man jetzt ganz deutlich.“

Hinter den Kulissen: Kuppelkonstruktion über dem Thronsaal

Spannend sind die aufwändigen Konstruktionen hinter den Prunkräumen. Man hat schnell das Gefühl, in ein Theater gekommen zu sein und hinter die Kulissen zu schauen. Eine der großen Überraschungen ist hier sicher die filigrane stählerne Konstruktion der Kuppel über dem Thronsaal. Ursprünglich waren in der Erbauungsphase zwei kleinere Räume mit je einer Kuppel vorgesehen. Diese müssen Ludwig II. plötzlich zu klein dimensioniert vorgekommen sein und er ordnete während der bereits laufenden Bauarbeiten an, in Anlehnung an die Münchner Allerheiligenhofkirche einen einzigen großen Raum daraus zu machen. Man mag sich die Gesichter seiner Architekten vorstellen, die er mit seinen ständigen Änderungswünschen vermutlich wahnsinnig gemacht hat. Sie führten die königliche Anweisung aus, doch hat diese Änderung dazu geführt, dass der große, schwere, hölzerne Dachstuhl im Laufe der Zeit nachgegeben und sich gesetzt hat. So lag er irgendwann direkt auf der Thronsaalkuppel auf. Bei starkem Wind und erst recht bei Sturm bewegt sich der Dachstuhl und das hätte mit der Zeit zu erheblichen Schäden führen können. Jetzt wurde die Konstruktion entlastet.

Ludwig II. hätte an der Restaurierung sicherlich seine Freude gehabt. Mit Begeisterung wäre er durch sein Schloss geschritten und hätte den Restauratoren und Handwerkern über die Schulter geschaut. Der König war ein Träumer, aber auch ein großer Visionär. Gemeinsam mit seinen Planern und Handwerkern ließ er nicht locker, bis eine Lösung gefunden war, die seinen Vorstellungen entsprach. Und so seltsam und verrückt das Schloss damals manchen Zeitgenossen erschien: Das Bauwerk ist heute der Inbegriff eines Schlosses, ein Sehnsuchtsort. Und das soll es auch in Zukunft bleiben.

 

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