Eine Wanderung zu den Lieblingsplätzen des Märchenkönigs

 

Ein bisschen zu träumen wie König Ludwig II.  kann in dieser herausfordernden Zeit wirklich eine willkommende Abwechslung sein. Wir wollen Euch auf andere Gedanken bringen und nehmen Euch jetzt einfach zu einer kleinen Anderszeit mit. Im letzten Sommer haben wir eine traumhafte Wanderung durch das Naturschutzgebiet um die Kenzenhütte gemacht, das nur ein paar Kilometer von Füssen entfernt ist. Natürlich hoffen wir, dass die Wege und Hütten bald wieder geöffnet sind, damit Ihr die Tour selbst unternehmen könnt.

Vom Start- und Willkommensplatz der Wandertrilogie Allgäu am Wanderparkplatz in Halblech geht es in vier Stunden und 540 Höhenmetern hinauf zur Kenzenhütte. Die Etappe verläuft auf der Himmelsstürmer-Wasserläufer Route des 876 Kilometer langen Weitwanderwegenetzes und bietet großartige Aus- und Einblicke in eine Landschaft, die schon König Ludwig II. faszinierte. Seit Ende des 18. Jahrhunderts war das Kenzengebiet königliches Jagdrevier der Wittelsbacher. Doch der Märchenkönig interessierte sich – anders als sein Vater Max II. – so gar nicht für die Jagd. Lieber verweilte er an ganz besonderen Plätzen und genoss die Ruhe und die wunderschöne Natur. Doch dazu später …

Schon nach den ersten zehn Minuten genießen wir eine traumhafte Aussicht in den Schlosspark mit seinen vielen Seen, den weiten Wiesen und natürlich den Bergen. Kurz darauf geht es in wieder in den Wald und mitten ins größte bayerische Naturschutzgebiet hinein: den Naturpark Ammergauer Alpen. Dessen Herz ist das Kenzengebiet. Der Weg ist zwischen den Bergen eingebettet, man läuft wie in einer breiten Wanne nach oben – aber in einer besonders schönen, gesäumt von viel Wasser und Bäumen. Deshalb gibt es immer wieder längere schattige Abschnitte und die Möglichkeit, heiß gelaufene Wanderfüße ins bergfrische Nass zu tauchen. Eine ideale Sommerrunde also.

Gerade in den Morgenstunden fällt das Licht besonders schön in die Landschaft und die Natur zeigt sich in vielen verschiedenen Grün- und Blautönen. Schritt für Schritt tritt das Alltagsrauschen in den Hintergrund. Es ist, als ob wir sanft in eine andere Welt hineingezogen werden, die unberührt und frei ist und uns zugleich wohlig umhüllt.

Es geht am Lobentalbach entlang zum Stausee hinauf und weiter durch die Bockstallschlucht zum gleichnamigen See, der wie ein Smaragd zwischen den leuchtend grünen Laubbäumen eingebettet ist. Wir waren Ende Juni hier unterwegs und das war auch die Zeit, zu der König Ludwig alljährlich den hiesigen Förster besucht haben soll. Nach einem genau festgelegten Plan ritt er in jedem Sommer zu seinen verschiedenen Bergresidenzen. So u.a. von Schloss Berg zu seinem „Königshäusl“ im Kenzengebiet und dann weiter über das Forsthaus Bleckenau und die Pöllatschlucht zu seinem Kindheitsschloss Hohenschwangau, in dem er während des Sommers verweilte. Viele der  mitten in den Bergen angelegten Wege gehen auf die Hofjagd zurück. Aber Ludwig II. nutzte sie ausschließlich dafür, um mit einem seiner Pferde durch das Ammergebirge zu reiten. Gerne kam er z.B. für Tagesausflüge von Schloss Linderhof hierher.

Bald schon erreichen wir den ersten Lieblingsplatz von Ludwig II.: den Wankerfleck. Spätestens hier wähnen wir uns in einer völlig anderen Welt. Das abgeschiedene Hochtal ist ein Naturjuwel. Und man kann wunderbar nachvollziehen, wie sich der verträumte Märchenkönig an den Eindrücken und Klängen erlabt hat. Ein Bächlein plätschert vor sich hin, der Vogelgesang verschmilzt mit dem Läuten der Kuhschellen und der Wind bewegt die mächtigen Kronen der uralten Bergahorne. Faszinierend ist, dass viele von ihnen innen ganz hohl sind. Ein Wunder, dass sie offensichtlich auch in vielen stürmischen Zeiten immer Stand gehalten haben. Vielleicht ein gutes Symbol für die derzeitige Lage.

Die steinernen Felsen ringsherum halten die Töne wie in einer Freiluftarena. Überragt wird die Szenerie vom markanten, hell leuchtenden Geiselstein mit 1882 Metern. Seinen Namen hat er angeblich bekommen, weil er je nach Sonnenstand immer im Juni einen Schatten in Form einer Geis (Ziege) auf die markante Hochplatte wirft. Wenn man von Alpenromantik spricht, dann ist sie definitiv hier zuhause.

An der Wankerfleckkapelle steht eine hölzerne Chaiselongue, die Schlossparkbank der Wandertrilogie Allgäu. Wir sind davon überzeugt, dass sich der König gerne darin ausgeruht hätte. Wir tun es auch – bevor es den letzten steilen Anstieg hinauf zur Kenzenhütte geht. Übrigens gibt es hier auch eine Bushaltestelle. Denn abhängig von der Witterung fährt von Ende Mai bis Ende Oktober mehrmals am Tag der Kenzenbus vom Wanderparkplatz in Halblech zur Kenzenhütte. Er hält auch am Wankerfleck. Man kann also hier zu- oder aussteigen.

Und so idyllisch ist die Kenzenhütte in blühende Wiesen und den Kenzen-, Hasental- und Grubenkopf eingebettet. Sie liegt auf knapp 1300 Metern. Um einen der 65 Schlafplätze zu ergattern, muss man schon recht früh buchen (vor allem für die Wochenenden), denn die Hütte ist sehr gepflegt, liebevoll hergerichtet und das Essen schmeckt wirklich lecker.

Zusammen mit ihrer Schwester Corinna bewirtet Pamela Linder seit einigen Jahren die Hütte. Nur ganz in der Früh oder am Abend kann sie sich eine Verschnaufpause gönnen. Diese Zeit nimmt sie sich aber auch gerne. Sie findet es spannend, an einem Ort zu sein, an dem Ludwig II. besonders gern verweilte und kann sich gut vorstellen, wie sehr er wohl die imposante Bergkulisse ringsherum und vor allem die Ruhe und Abgeschiedenheit genossen haben mag. Auch viele Gäste fragen nach dem zurückgezogenen König. Nur ein paar Meter von der Hütte entfernt hatte sein Vater einst ein  einfaches Jagdhaus errichtet und die Schnapsbrennerei der Ettaler Klosterbrüder weiter oben dazu gekauft, an dessen Stelle die heutige Kenzenhütte steht. Das Jagdhaus ließ Ludwig durch das „Königshäusl“ ersetzen, eine weitere Bergresidenz. Bedienstete wurden in einer kleinen Hütte nebenan untergebracht. Leider wurden die Gebäude 1939 abgerissen – bis auf den Pferdestall, den heute die Bergwacht nutzt.

Ein kleiner Pfad führt in ein paar Minuten zu einem besonders mystischen Platz: dem Kenzenwasserfall. Wer bislang nicht wie die Isländer an Feen, Elfen, Baumgeister und Zwerge geglaubt hat, der braucht an diesem Platz wenig Fantasie dafür. Riesige Pestwurzblätter und knorrige Bäume säumen den Weg zum wildromantischen Wasserfall.

Und auch zum Wasserfall gibt es eine königliche Geschichte: Bedienstete des Hoftheaters München zauberten zusammen mit dem Förster, den Ludwig im Sommer immer besuchte, hier eine besondere Überraschung. Für den Märchenkönig beleuchteten sie das herabstürzende, schäumende Wasser in allen Farben des Regenbogens und ließen ihm direkt davor ein Dinner an einer gedeckten Tafel servieren, erzählt der Mundkoch Ludwigs in seinen Memoiren. Angeblich soll der König bis zum anbrechenden Morgen das einzigartige Schauspiel bewundert haben. Doch auch ohne Beleuchtung fällt es uns schwer, den Blick vom Wasserfall zu lösen.

Von der Kenzenhütte starten übrigens weitere Wanderungen und hochalpine Touren, z.B. die beliebte Kesselrunde mit der Alpenrosenblüte, die ein Teil des Europäischen Fernwanderwegs Via Alpina (E4) ist. Auch die Himmelsstürmer Route der Wandertrilogie Allgäu verläuft hier, ebenso der Maximiliansweg. Die Ausblicke in die felsige Bergkulisse ist beeindruckend. Welche Urkraft muss an diesem Ort gewirkt haben, um solche Steinriesen empor zu falten? Aber das ist eine andere Geschichte. Gerne aber verlängern wir Eure Auszeit um ein paar weitere Impressionen aus der königlichen Landschaft.