DAV Wegepflege

Die Wegbereiter

Mit dem DAV unterwegs auf alpinen Pfaden

 

Es gibt Wege, die durch traumhafte Landschaften und auf aussichtsreiche Gipfel führen. Füssen ist damit reich gesegnet. Umgeben von den Allgäuer Alpen und dem Ammergebirge ist die kleine, romantische Stadt an der Grenze zu Österreich ein idealer Startpunkt für solche Touren. Von hier führen zahlreiche Wege in die umliegende Bergwelt. Schon mal drüber nachgedacht, wer diese pflegt und wartet, damit sie gut begehbar sind?

Samstag, 7.30 Uhr. Peter Zieglers Auto groovt auf der Schotterstraße im Takt der CubaBoarischen, deren Musik aus den Lautsprechern tönt. „Das macht doch gleich gute Laune“, meint der Wegewart der Sektion Füssen des Deutschen Alpenvereins (DAV) und pfeift ein bisschen mit. Zwölf Wanderwege mit einer Gesamtlänge von vierzig Kilometern sind in seiner Obhut. Das Einsatzgebiet der DAV-Sektion Füssen beginnt gleich hinter dem Aussichtspunkt „Jugend“ am berühmten Märchenschloss Neuschwanstein und zieht sich hinauf zum Säuling, dem Hausberg von Füssen, weiter in Richtung Ammerwald mit dem Schützensteig, der Hochblasse, dem Gabelschrofen, dem Prinzregentensteig, dem Hohen Straußberg, dem Wankerfleck, dann hinab bis zur  Bleckenau und zurück zur Jugend. Kurzum: Ein wildromantisches und geschichtsträchtiges Wandergebiet, in dem sich mehrere Hochtäler verzweigen. Es war einst königliches Jagdrevier der Wittelsbacher, heute gehört es den Bayerischen Staatsforsten.

Von Füssen aus geht es hinauf zur Fritz-Putz-Hütte, die nur wenige Meter vom Berggasthof Bleckenau entfernt liegt. Das ehemalige Jagd- und Wochenendhaus ließ König Maximilian II. für seine Frau, Königin Marie, im Stil eines Schweizer Hauses errichten. Auch ihr als bayerischer „Märchenkönig“ bekannter Sohn Ludwig II. hielt sich gerne in dem tiefen Pöllattal zwischen Säuling und Straußberg im Naturschutzgebiet Ammergebirge auf.

Oben auf der Hütte holt Wegewart Peter Ziegler zusammen mit seinem Begleiter Tim Knott aus dem dortigen Lager Schaufel, Besen, Bohrer, Säge, Schrauben und einige andere Materialien für den heutigen Einsatz.

Die DAV-Hütte ist auch Treffpunkt für die Kontrollbegehung aller Wege, die meist Ende Juni stattfindet, wenn alles schneefrei ist. Die Helfer ziehen dann in Zweier- oder Dreiergruppen auf die umliegenden Gipfel und dokumentieren mit dem Handy, wo ein Sturm Bäume entwurzelt hat, etwas zugewachsen ist oder Lawinen und Muren abgegangen sind. „Zu schaffen machen uns die zunehmenden Extremwetterlagen mit Windwürfen oder Starkregen, die tiefe Furchen in Wege fräsen oder die Erde bis zum Felsgrund auswaschen“, meint Peter Ziegler. Kleinere Schäden an den Wegen reparieren die Teams sofort, für größere Arbeiten erstellt der Wegewart einen Einsatzplan. Ziel ist es, möglichst am Beginn der alpinen Wandersaison mit den wichtigsten Arbeiten fertig zu sein.

Bis zu acht Mal ziehen die zwanzig ehrenamtlichen Helfer des Wegeteams abwechselnd im Jahr los, um die Wanderwege, Wald- und Bergpfade, Stege und hochalpinen Steige wieder instand zu setzen und begehbar zu machen. Auch knifflige und gefährliche Arbeiten wie zum Beispiel das Erneuern von Seilsicherungen und das Beseitigen von Windwürfen am Nordanstieg des Säulings gehören zu ihren Aufgaben. Viele der Strecken können nicht mit dem Auto angefahren werden. So sind die Helfer manchmal bis zu drei Stunden unterwegs, bis sie zu Fuß vor Ort sind, um einen umgefallenen Baum zu zersägen, der einen Weg versperrt. Je nachdem wie schwer oder umfangreich ein Schaden ist, wird das Material auch mit dem Hubschrauber zur entsprechenden Stelle transportiert.

Außerdem kümmert sich das Team der Sektion Füssen um die 17 Gipfel samt Gipfelkreuz und -buch in ihrem Gebiet. Demnächst werden die Kreuze auf der Hochblasse und dem Hohen Straußberg erneuert.

Das heutige Einsatzgebiet ist das Rotmoos unterhalb des Zunderkopfes. Nach ein paar Serpentinen stoppt Peter Ziegler. Der Forstweg ist voller Steine und Geröll. Da muss erst einmal kräftig gekehrt werden, damit Wanderer und Mountainbiker nicht stürzen. Früher war die Sektion Füssen auch für das Tannheimer und das Lechtal zuständig, doch heute sorgen dort andere deutsche und österreichische Sektionen für die alpinen Wanderwege. Basis für eine durchgängige Qualität im allgäuweiten Wegenetz bildet übrigens die Rad- und Wanderfibel Allgäu. Der Landkreis Ostallgäu plant und prüft das Gesamtwegenetz der Strecken und Routen im Tal. Die Gemeinden beseitigen dort die Mängel. Im alpinen Gelände spielen die vielen ehrenamtlichen Helfer des DAV eine wichtige Rolle, denn sie halten in ihrem Arbeitsgebiet die Wege instand, überprüfen die Beschilderung und erneuern oder reparieren Gipfelkreuze und –Bücher.

Das Rotmoos liegt eingebettet in einer Talsohle. Morgentau rutscht von den Gräsern und Blumen. Über das Moor führt ein langer Holzsteg, bei dem einige morsche Bretter ausgetauscht werden müssen. Peter und Tim bringen Motorsäge, Akkuschrauber und Material zu den schadhaften Stellen. Beim Festbohren der neuen Bretter bemerken die beiden, dass an einigen Abschnitten auch die Holzbalken darunter komplett morsch sind. „Die dürfen das. Sie liegen ja auch schon vierzig Jahren im feuchten Untergrund“, meint Peter gelassen. Aber repariert oder ersetzt müssen sie werden. Aus zwei Stunden geplanter Arbeit können so leicht doppelt so viele werden.

An zentralen Stellen haben die DAV‘ler oft kleine Lager in Wegnähe eingerichtet, die von Wanderern meist unbemerkt bleiben wie hier im Rotmoos am Anfang des Holzsteges. Dort liegen alte Telegrafenmasten mit denen immer wieder ein Stück der Unterkonstruktion erneuert wird. Jährlich verbraucht das Füssener Wegeteam an die zehn Sägeketten, circa 500 Nägel und Schrauben und mehr als einhundert Bretter und Balken für Tritte, Brücken und Steige. Die jährlichen Materialkosten von durchschnittlich 10.000,- Euro werden zum Großteil aus eigenen Mitgliederspenden finanziert. Bei größeren Arbeiten fließen der Sektion auch Förderungen von Institutionen und vom DAV-Bundesverband zu. Peter und Tim packen sich einen der Masten und tragen ihn zur schadhaften Stelle, wo sie ihn zurecht sägen, einpassen und den Steg sicher und damit wieder begehbar machen.

Rund 300 Stunden ehrenamtliche Arbeit investieren die Helfer zusammen alljährlich in ihrer Freizeit, damit Wanderer auf bestens gewarteten Wegen auf die Gipfel kommen. Treffen Wanderer auf die DAV-Trupps, beachten manche die Helfer überhaupt nicht, andere halten, um sich zu bedanken. Ein kleiner „Hoigarte“ ist den DAV’lern immer willkommen. „Die Begegnung mit den Menschen ist einfach schön. Mich faszinieren die Berge und alle, die dort unterwegs sind und ich gebe ihnen gerne Tipps. Nicht selten haben die Leute vergessen, ihre Touren vom Handy herunterzuladen und stehen dann ohne Wegbeschreibung da, weil es ab Schloss Neuschwanstein keinen Handyempfang mehr gibt. Wir sind dann also so etwas wie natürliche Orientierungshilfen“, erzählt Peter Ziegler, der bei seinem Eintritt beim DAV übrigens gleich zwei Jobs übernahm: Über zehn Jahre lang war er 1. Vorsitzender der Sektion Füssen und gleichzeitig Wegewart. Letzteres ist er bis heute. „Ich finde, wir haben mit dem Ammergebirge und den Allgäuer Alpen eine so wunderbare Bergwelt. Hier oben bin ich weg vom Tal und vom Alltag. Bei der gemeinsamen Arbeit haben wir immer eine Mordsgaudi. Von diesem Miteinander zehre ich und die Genugtuung, etwas für die Bergbegeisterten getan zu haben, entschädigt vieles.“ Beruflich ist er derzeit immer für mehrere Wochen in Mexiko und kümmert sich bei seinen kurzen Stippvisiten in Füssen trotzdem intensiv um die Wegepflege. „In Mexiko steht mein Schreibtisch auf 1960 Metern Höhe und damit gleich hoch wie die Säulingswiese. So habe ich ausreichend rote Blutkörperchen für den Arbeitseinsatz daheim“, meint er lachend.

Tim Knott ist übrigens Kieler und schon seit langem alpenverliebt. Aus beruflichen Gründen, aber vor allem wegen der Berge zog es ihn nach Füssen. Schon zu Kieler Zeiten war er DAV-Mitglied. „Anfangs war ich in der Nutznießerfunktion, weil ich bei meiner Tour von München nach Venedig in den DAV-Hütten übernachtet habe. Aber als ich nach Füssen gekommen bin, war mein erster Gang zum Alpenverein. Das mit den Wegeaktionen hat mich gleich angesprochen.“ Jetzt ist er seit einem Jahr dabei und hat es nicht bereut. „Für mich ist es die gesättigte Mischung aus Wandern und Aktion. Es macht mich zufrieden, wenn ich nach unserer Arbeit das Ergebnis sehe. Das gibt es einem ein Bürojob nicht immer. Außerdem habe ich schon viele neue Wege und Steige kennengelernt.“

Ortswechsel: Von den Wegen geht es zurück zur Fritz-Putz-Hütte. Auch die wird regelmäßig von Ehrenamtlichen des DAV Sektion Füssen gepflegt und instandgehalten. Vor ein paar Jahren wurde sie umfassend saniert. Dach, Lager, sanitäre Anlagen und Küche und der gesamte erste Stock – alles wurde erneuert und trotzdem ist der alte Charme des bestehenden Gebäudes erhalten geblieben.

Heute ist Arbeitseinsatz auf der Hütte: Dafür sind einige Sektionsmitglieder aus Füssen und Umgebung hinaufgekommen, eines sogar aus Regensburg angereist. Holz für die Heizung hacken und stapeln, die Lager gründlich reinigen, Lampen austauschen, den Putz an manchen Stellen erneuern – es gibt einiges zu tun. Selbst die Jüngsten helfen kräftig mit. Viele der Mitglieder möchten mit ihrem Arbeitseinsatz etwas für das umfangreiche Angebot des DAV zurückgeben wie Student Maurits Bakker aus Schwangau. Als Kind war er in der Klettergruppe des DAV und hat an vielen Wettkämpfen teilgenommen. „Ich habe viel vom Alpenverein profitiert und es freut mich, wenn ich jetzt mithelfen kann, dass auch andere Menschen die Berge erleben können.“

In der Küche bereitet Conny Schweighart zusammen mit großen und kleinen Helfern ein gemeinsames Essen vor. Sie ist Hüttenwartin in der Fritz-Putz-Hütte, ihr Mann kümmert sich um die höher gelegene Sepp-Sollner-Hütte, die zweite Selbstversorgerhütte der Sektion Füssen. Conny mag es, wenn Frühjahrsputz in dem 44-Betten-Haus gemacht wird und danach alles bereit für die Sommersaison ist. Ansonsten kümmert sie sich um die Gäste wie die Büroarbeit und sorgt dafür, dass genügend Getränke und Gas oben sind und die Einrichtung in gutem Zustand bleibt. „Mein Mann und ich sind beide gerne in den Bergen. Auf die Hütte kommen Gleichgesinnte und doch ganz unterschiedliche Charaktere hoch. Auch das Miteinander mit den anderen DAV‘lern ist einfach sehr angenehm.“ Besonders genießt sie es, wenn es Abend wird und kein Bus mehr zum gegenüberliegenden Berggasthaus Bleckenau hochfährt. „Da glühen dann die Gipfel in der Abendsonne und ich habe das Gefühl, allein auf dem Berg zu sein.“

Jean Louis Schlim

Solche Stimmungen liebte auch König Ludwig II. In der Bleckenau war er schon als Kind regelmäßig. Seine Mutter war eine begeisterte Bergsteigerin, was für die damalige Zeit ungewöhnlich und vor allem in ihrer Position einzigartig war. Sie zählt zu den ersten Frauen, die sich überhaupt die Freiheit herausnahmen, Gipfel zu erklimmen und setzte sich dafür über alle Konventionen und Spötteleien hinweg.

Gerne wanderte die Königin mit ihren Söhnen Ludwig und Otto. Auch der 2047 Meter hohe Säuling war immer wieder Wanderziel der königlichen Familie. „Dafür braucht man schon eine gehörige Portion Haferschmalz“, meint Wegewart Peter Ziegler. All die Wege im Einsatzgebiet der DAV-Sektion Füssen sind der Wander- und vor allem der Jagdleidenschaft der bayerischen Königsfamilie zu verdanken. Kaum ein Weg, auf dem die Wittelsbacher in diesem Gebiet nicht schon gegangen wären. „Ich denke sehr häufig an die Geschichten, die sich hier auf den Wegen abgespielt haben. Diese haben Bauern im Auftrage der Königsfamilie angelegt, um sich ein Zubrot zu verdienen. Sie sind sehr stabil und ökologisch gebaut und obwohl sie schon über 130 Jahre alt sind, zehren wir heute noch davon.“

Eine kleine Pause, noch ein paar kurze Stopps zwecks Kehrarbeiten, die Materialien zurück ins Lager der Fritz-Putz-Hütte bringen, dann ist der Arbeitseinsatz für Peter und Tim heute beendet. Mit den CubaBoarischen geht es zurück ins Tal – mit Badestopp am Schwanseepark, denn wer so fest geschafft hat, hat sich eine Abkühlung im Schwansee redlich verdient.