Mit Kneipp gegen die Hitze

30 Grad im Schatten und kurz vor dem Hitzekollaps? Der Mann auf dem folgenden Foto wusste sich offenbar zu helfen. Was auf dem Bild von Anfang des 20. Jahrhunderts skurril anmutet, wird auf Social Media gerade als absoluter Beauty-Tipp gegen Falten, als Frischekick und zur Behandlung von Pollenallergien gehandelt. Tatsächlich zeigt das Foto aus einem Buch über Kneippanwendungen die korrekte Ausführung eines Augenbads, das zu dieser Zeit als Teil einer umfassenden Körperhygiene empfohlen wurde und nach Ansicht von Kneippianer*innen auch heute alle im Internet darüber verbreiteten Versprechungen hält.
Wenn die Hitze bleiern in den Gliedern steckt, gibt es allerdings noch einige andere Lifehacks aus der Gesundheitslehre von Pfarrer und “Wasserdoktor” Sebastian Kneipp, die Abhilfe schaffen. Kneipp war zwar kein Arzt, studierte aber die heilende Kraft der Natur und beobachte gleichzeitig, wie kräftezehrend der Alltag und die eingeschliffenen Gewohnheiten der Menschen für Körper, Geist und Seele sein können.
An der Schnittstelle von Natur, Mensch und Lebensbalance entwickelte Kneipp sein zeitloses, ganzheitliches Gesundheitskonzept, das auf den fünf Säulen Wasser, Bewegung, Heilkräuter, Ernährung und innere Balance basiert. Es wurde zu einer der erfolgreichsten Naturheilverfahren überhaupt und deshalb sogar von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet. Das Spannende: Seine Gedanken und Anwendungen treffen heute - fast 130 Jahre nach seinem Tod - den Nerv unserer Zeit perfekt und sind damit aktueller denn je.
Wer sich so wohlfühlen möchte wie Kathrin Sorg, Produktmanagerin für Gesundheit bei Füssen Tourismus und Marketing, auf diesem Bild, sollte nach Füssen kommen. Kathrin hat als Selbstversuch fünf Kneipp-Sommertipps auf ihre Alltagstauglichkeit getestet - vom Kneipp'schen Espresso bis zum Picknick am See und kommt damit jetzt munter durch heiße Tage.
In Füssen lassen sich die Kneipp-Tipps besonders gut umsetzen, denn als Kneippheilbad bietet die Stadt alles, was schon das Herz von Pfarrer Kneipp höher schlagen lassen hätte: einladende Kneippanlagen und ganz viel Natur zum Genießen und Durchatmen. Doch auch im Büro oder unter der Dusche daheim funktionieren die Tipps perfekt als Frischekick.
1. Cool down: Die kühlende Kraft des Wassers
Kalt macht nicht nur munter, sondern offenbar auch lustig. Die Wasseranwendungen - von denen Sebastian Kneipp im Laufe seines Lebens über 100 entwickelte - machten den Pfarrer berühmt. Besonders der Storchengang, bei dem die Kneipp-Fans wie Störche auf Nahrungssuche durch das Wasser schreiten, hat sich in die Köpfe der Menschen eingebrannt.
Das moderne Kneippareal am Ufer des Weißensees bei Füssen bietet neben einem Tretbecken zusätzlich ein hohes Becken für den „Kneipp'schen Espresso“, wie Kneippianer*innen das kühlende Armbad gerne nennen. Das kalte Wasser kombiniert mit der richtigen Technik hat denselben puschenden Effekt wie ein Kaffee – und ist zudem viel gesünder.
Sommertipp: Kneipp'scher Espresso, Storchengang und Wasserguss
Brigitte Dischereit, Kneipp-Gesundheitstrainierin (Sebastian-Kneipp-Akademie) und Vorsitzende des Kneipp Vereins Füssen, weiß, worauf es beim Armbad ankommt, damit es seine volle Wirkung entfalten kann: „Die Arme und Hände müssen definitiv warm sein. Dann einmal tief durchatmen und mit angewinkelten Armen bis zu den Oberarmen eintauchen. Immer mit der herzfernen, rechten Seite beginnen." Je nach Außen- oder Wassertemperatur so lange drinbleiben, wie es einem gut tut. Bei den meisten Menschen setzt das Kältegefühl nach 30 bis 40 Sekunden ein. „Wenn es schmerzt, die Arme gleich herausnehmen!"
Und dann DAS Geheimnis der Kneipp-Profis: Statt die Arme abzutrocknen, das Wasser anschließend nur sanft abstreifen und sie leicht hin- und herschwingen, damit der Kälteeffekt länger erhalten bleibt. Ein wohliges Prickeln ist nach der Anwendung garantiert. „Das ist wirklich toll, um die Durchblutung wieder anzukurbeln und sich zu erfrischen, wenn der Kreislauf bei großer Hitze absackt", erklärt Dischereit.
Übrigens funktioniert der Kneipp‘sche Espresso auch wunderbar im heimischen Waschbecken. Dazu das Wasser auf kalt drehen (ca. 14 bis 18 Grad) und den rechten Arm beginnend mit der Handoberseite bis weit über den Ellenbogen unter dem Wasserstrahl durchziehen. Ein bisschen verweilen und an der Arminnenseite wieder entspannt hinab zur Handfläche wandern. Das Ganze auf der linken Seite wiederholen. Danach noch einmal beide Ellenbogen mit dem kühlen Strahl umrunden. Dieser koffeinfreie Kick hat übrigens Suchtpotential: Regelmäßig angewandt, lässt er die heimische Kaffeemaschine bald verwaisen.
Brigitte Dischereit selbst wurde vor sechs Jahren über Freunde auf die Kneipp'sche Lehre aufmerksam und Wasser ist ihre Kneipp-Lieblingssäule. „Ich habe durch Kneipp meine Liebe zu kaltem Wasser entdeckt und bin sogar zur Eisbaderin geworden. Im Winter schlage ich mit meinen Mitbadenden Eis aus dem See und tauche anschließend ein. Ich war seitdem nicht mehr richtig krank oder erkältet."
Beim Storchengang im Kneipp-Tretbecken gilt das Gleiche wie bei allen Kälteanwendungen: Der Körper sollte vorher erwärmt sein. Dann geht es im langsamen Schritt durch das Wasser. „Man sollte nicht schlurfen, sondern die Beine wie ein Storch anheben und mit der Fußspitze voran ins Becken eintauchen. Der Wechsel von kaltem Wasser und warmer Außenluft regt die Durchblutung in den Beinen an und unterstützt die Arbeit der Venenklappen."
Zu Hause sind Güsse perfekt, um diesen Effekt zu erzeugen. Ein spezielles Gießrohr am Duschschlauch ist laut der Gesundheitstrainerin ideal, doch auch mit der Dusche kann man sich behelfen. Ein Schenkelguss am Abend ist zum Einschlafen wirksamer als Schäfchenzählen: Dazu den kalten Wasserstrahl am rechten, kleinen Zeh beginnend an der Außenseite bis zur Leiste führen, kurz verweilen, an der Innenseite wieder bis zur Ferse führen und am linken Bein wiederholen. „Danach das Wasser wieder nur abstreifen und ab ins Bett. Das mache ich jeden Abend", erzählt Dischereit. „Und sollte ich nachts aufwachen, reibe ich mir mit einem kalten Waschlappen den Bauch ab, dann schlafe ich sofort wieder ein."
2. Warm up: Sanfte Bewegung für mehr Energie
Im Ernst? Ein Warm-up bei Sommerhitze? „Ja", sagt Gesundheitstrainierin und Physiotherapeutin Ursula Schmid. „Allerdings ist es nicht ratsam, bei Mittagshitze zum Joggen zu gehen. Intensivere Bewegungseinheiten sollte man am besten auf die noch kühlen frühen Morgenstunden oder den Abend verlegen. Auch Alter und körperlicher Zustand spielen eine Rolle bei der Bewegungsart." Die Trainerin empfiehlt, gut auf seinen Körper zu hören und tagsüber statt intensivem Sport lieber immer mal wieder einfache Bewegungsübungen einzustreuen, um den Kreislauf in Schwung zu halten.
Bei hohen Temperaturen wird im Körper eine Art Not- und Schutzprogramm aktiviert. Unsere körpereigene Klimaanlange läuft auf Hochtouren, um Blutdruck und Körpertemperatur stabil zu halten – deshalb fühlt sich der Körper oft schwer an und man hat keine Lust sich zu bewegen. Was nicht so bekannt ist: Sanfte Bewegung entlastet bei Hitze den Organismus. „Wenn es so warm ist, erweitern sich die Gefäße, das Blut sackt der Schwerkraft folgend nach unten. Das Herz schlägt schneller, die Beine sind meist dicker und der Kreislauf instabil ", erklärt Schmid. „Wenn die Muskelpumpe in den Beinen und Armen moderat angeregt wird, helfen wir dem Körper, das Blut wieder leichter zum Herzen zu transportieren."
Sommertipp: Muskelpumpe und Pendelschwung
Was so aussieht, als ob jemand unsichtbares Obst am Baum pflückt, ist eine effektive und genial einfache Übung, um den Körper wieder in Schwung zu bringen. Dafür stellt man sich am besten vor, dass die Äste eines Apfelbaums voller reifer Früchte hängen. Um sie zu pflücken, macht man sich groß, geht auf die Zehenspitzen und hebt im Wechsel die Fersen vom Boden ab. Dabei die Arme abwechselnd recken und die Hände dabei öffnen und schließen. Bei dieser fließenden Auf- und Abbewegung werden die Flanken gedehnt, der Brustkorb öffnet sich, müde Muskeln werden wieder wach und das gestaute Blut wird zum Herzen zurückgepumpt. Nach zehn Wiederholungen pro Seite lässt die erfrischende Wirkung nicht lange auf sich warten und die Hitze wird aus dem Körper vertrieben.
Nach dem „Pflücken“ folgt das Schwingen. Der „Pendelschwung" ist eine weitere effektive Übung im Sommer. Dafür breit und fest auf dem Boden stehen und die Arme aus der Körpermitte heraus wie Pendel dynamisch hin- und herschwingen. Die Knie federn dabei kraftvoll mit und die Fersen heben wieder im Wechsel vom Boden ab. Der Rumpf dreht sich mit den Armen zu einer und der anderen Seite. Eine Minute reicht vollkommen aus, um mit der Fliehkraft die Durchblutung anzukurbeln. Das Schwingen wirbelt die Sommerluft auf und es fühlt sich an, als würde die angestaute Wärme aus den Fingerspitzen geschleudert.
Die Übung ist auch perfekt für Menschen, die viel sitzen. „Am besten mehrmals am Tag so einen Frischekick einbauen, viel trinken, auch mal den Flur entlanglaufen, Füße dabei abrollen, die Schultern nach hinten kreisen und die Arme zur Decke strecken. So wird der Nacken vom langen Sitzen entlastet und die Durchblutung angeregt", empfiehlt Ursula Schmid.
An einem schattigen Platz in der Natur machen solche Übungen besonders viel Spaß. Das Faulenbacher Tal mit seinen großen Bäumen und vielen Wasserquellen ist eine kühle Oase, wenn hochsommerliche Temperaturen auf den Körper und das Gemüt drücken. Nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt, finden Hitzegeplagte hier unter dem schützenden Dach mächtiger Baumkronen sofort Erleichterung. Außerdem reiht sich hier ein See an den nächsten und der Faulenbach plätschert munter vor sich hin.
Kein Wunder, dass dieses „Tal der Sinne“ als Wiege der Füssener Kneipp-Tradition eine besondere Rolle spielt. „Füssen bietet so viele Freizeitmöglichkeiten direkt vor der Haustür und das Faulenbacher Tal hat ganz viel Schönes für die Sinne: Die Vögel zwitschern, die Blumen duften und das Wasser erfrischt so herrlich. Ich lege meine Bewegungszeit gerne in die Morgenstunden. Ein besonderes Zuckerl ist für mich ein Radausflug zum Alatsee mit Badestopp", erzählt Ursula Schmid, die das Bewegungsgen schon in die Wiege gelegt bekommen hat. „Einmal am Tag muss ich mich einfach richtig bewegen - das tut mir unglaublich gut, gerade auch dann, wenn es mal nicht so rund läuft."
Auf der Faulenbacher Kneippwiese gibt es alles, was es für eine Hitze-Auszeit braucht: eine große Grünfläche zum Barfußlaufen, Tret- und Armbecken, einen Trinkbrunnen, ein Kräuterbeet und Bänke unter schattenspendenden Bäumen. Auch professionelle Tipps zum Storchengang bekommen Gäste wie Einheimische hier regelmäßig: Ursula Schmid leitet im Wechsel mit den Kneipp-Gesundheitstrainerinnen Brigitte Dischereit und Claudia Niedermayer von Ende Mai bis September das öffentliche Kneippen an. „Ich finde, die fünf Säulen beinhalten alles, was es für ein gesundes, gelingendes und langes Leben braucht und man kann den Kneipp'schen Gedanken gut in unsere Zeit übertragen. Wir sollten uns jeden Tag bewegen - mal moderat und auch mal sportlich - und unser Körper wird es uns danken, denn Bewegung ist Leben", so Schmid.
Extratipp: Die 23 Kilometer lange Kneipp-Radrunde rund um Füssen bringt Radler*innen von einem schönen Wasserplatz zum nächsten. Dazwischen lassen sich die fünf Säulen der Kneipp'schen Lehre an zahlreichen öffentlichen Kneippstationen erleben und traumhafte Aussichten auf das Alpenpanorama genießen. Die Runde gehört zum Routenangebot der RadReiseRegion Ostallgäu und ist auch ideal für Füssen-Einsteiger*innen.
3. Grün genießen: Die kühlenden Schätze der Pflanzenwelt
Pure Sommerfrische! Was aussieht wie ein idyllisches Stillleben, war für Sebastian Kneipp die Apotheke Gottes. Mit der Pflanzenheilkunde wollte er den Menschen das Wissen an die Hand geben, wie sie die Kraft der Natur für ihre Gesundheit nutzen und ihren Körper auf natürliche Weise wieder ins Gleichgewicht bringen können. Seine Philosophie war einfach: Die Natur gibt uns alles, was wir brauchen – wir müssen es nur nutzen. Radikale Methoden waren nicht sein Ding, vielmehr setzte er auf sanfte Veränderungsprozesse.
Unterhalb des Hohen Schlosses in der Füssener Altstadt verbirgt sich ein kleines Paradies: Im historischen Terrassengarten gedeihen üppige Stauden mit Heil-, Gewürz- und Duftpflanzen. Kurz nach dem ersten Torbogen, der den Weg in Richtung Schlosshof überspannt, gelangt man rechter Hand durch einen kleinen Turm und über die "Lange Stiege" in den idyllischen Garten. Er entstand Anfang des 19. Jahrhunderts, als ein Apotheker das Hanggelände kaufte und eine vierstufige Terrasse mit Beeten anlegte. Darin entfaltet sich auch heute eine Pflanzenwelt aus Farben und Aromen, die mehr ist als bloße Zierde – und zudem ein Fest für Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten.
Kräuterpädagogin und Heilpflanzenexpertin Claudia Niedermayer ist begeistert von der Einfachheit der Kneipp'schen Lehre. Gerade die Heilpflanzen seien leicht in den Alltag zu integrieren und zudem kostenlos, würden allerdings oft übersehen oder unterschätzt. „Die Kräuter waren für Kneipp lebenswichtige Zusätze unserer Nahrung. Er hat sie als Tee, als Gewürz oder als Pulver angewendet sowie Tinkturen und Öle daraus gemacht. Spannend ist, dass er die Wirkung der verschiedenen Heilkräuter nur aus der überlieferten Naturheilkunde früherer Zeiten kannte. Heute sind über 40 seiner empfohlenen Kräuter in ihrer Wirkung wissenschaftlich bestätigt."
Sommertipp: Pfefferminze & Co.
Der "heißeste" Tipp von Claudia Niedermayer zur Abkühlung ist die Pfefferminze: als Öl auf die Schläfen oder das frische Kraut aufgegossen und warm oder abgekühlt als Tee.
„Viele Pflanzen, Kräuter und Bäume, die rund um die Sommersonnwende in der höchsten Blüte sind, bringen dem Körper auch Kühlung. Die Lindenblüte zum Beispiel wird traditionell zum Fiebersenken verwendet, gleichzeitig ist sie im Sommer ein schweißregulierendes Mittel gegen Hitze im Körper, genauso der Salbei", erklärt die Kräuterexpertin. Auch Pflanzen wie der Beifuß oder der Große Wiesenknopf wirken zusammenziehend und damit wärmeregulierend.
Gegen geschwollene Füße im Sommer empfahl Kneipp Rosmarinwein: „Dafür schneide ich eine Handvoll Rosmarinzweige sehr klein, gebe sie in eine Flasche und fülle sie mit Weißwein auf. Schon nach einem halben Tag ist der Abguss verwendbar. Davon morgens und abends einfach drei bis vier Esslöffel einnehmen."
Die Bitter-, Schleim- und Gerbstoffe vieler Heilpflanzen helfen zudem der Verdauung, sind entzündungshemmend und oft auch beruhigend wie zum Beispiel der Lavendel. Ein kleines Kissen mit Lavendelblüten gefüllt auf die Brust legen - und man schläft wie ein Stein.
Gerne bereitet sich Niedermayer aus abgekühltem Pfefferminztee, aufgegossen mit Bitter Lemon oder Tonic-Wasser und Eiswürfeln, einen Eistee zu. Oder eine Kneipp-Sommerlimonade: Dafür setzt sie einen Kaltauszug aus einer Handvoll Kräutern und Blüten an und lässt ihn 4 bis 12 Stunden im Kühlschrank ziehen. Dafür eignen sich zum Beispiel Zitronenmelisse, Salbei-, Linden- und Johannisbeerblüten. Danach kommen ein paar Zitronenscheiben, ein Stück Ingwer, ein bisschen Sirup oder Honig und die Blätter der Duftrose hinzu. Robustere Kräuter wie Ackerschachtelhalm und Brennnesselwurzel ebenfalls über Nacht kalt ansetzen, dann aber erhitzen, so entfalten ihre wertvollen Stoffe am besten.
Der Terrassengarten ist während der Sommeröffnungszeiten der Galerien im Hohen Schloss frei zugänglich.
4. Leicht essen: Bewusste Ernährung für heiße Tage
Das Auge isst immer mit: Sommer ist Füllezeit und er liefert uns genau das, was wir bei warmen Temperaturen brauchen. Für Sebastian Kneipp galt: „Im Maße liegt die Ordnung." Er zielte deshalb auf eine naturbelassene, vollwertige und leichte Mischkost ab, die den Körper vitalisiert und nicht beschwert.
Fleisch galt Kneipp als Genussmittel, er empfahl für den Alltag eine pflanzenbetonte Ernährung, die der jeweiligen Jahreszeit angepasst ist. Also kein Schnitzel mit Pommes, sondern lieber ein paar Portionen Obst und Gemüse über den Tag verteilt. So bleibt der Insulinspiegel stabil und man fällt nach dem Essen nicht ins berühmte "Fresskoma". Ein bekannter Kneipp-Klassiker sind Pellkartoffeln mit Kräuterquark und Leinöl: ein Gericht mit leicht verdaulichem Eiweiß und hochwertigen Omega 3-Fettsäuren.
Sommertipp: Grünes Kräuterpesto
Solche Tage sind eine Einladung, sich einen Platz in der Natur zu suchen und den Sommer mit all seinen Geschenken zu feiern. Farbenfroh, knackig und reich an Antioxidantien, Vitaminen und Mineralstoffen kann ein so ein selbstgemachtes Picknick sein. Kneipp schätzte auch die Kraft der Kräuter als "Geschmacksverstärker" und Ersatz für Salz. Wie wär's also mit einem Kräuterpesto als Dip zu den Gemüsesticks? Hier das Rezept:
Zutaten: eine Handvoll frische gemischte Gartenkräuter wie Petersilie, Basilikum, Giersch, Brennnessel und Schnittlauch, zwei Esslöffel Sonnenblumenkerne, Mandeln oder Cashewnüsse, eine Knoblauchzehe, Zitronen- oder Limettensaft, Olivenöl, Salz, Pfeffer
Zubereitung: Kräuter waschen und trockentupfen. Kerne oder Nüsse in etwas Öl in der Pfanne anrösten. Alle Zutaten in einen Mixer geben und so lange zerkleinern, bis eine cremige Paste entsteht.
Faszinierend an Kneipps Gesundheitsphilosophie ist, dass die Säulen ineinandergreifen wie Zahnräder und man sie so auch leicht an seine Alltagsroutinen anknüpfen oder diese damit verändern kann: Frühmorgens als frischer Start in den Tag mit einer Tasse Kräutertee im Garten "Tau treten", also bewusst und langsam barfuß durch das feuchte Gras gehen. Sich am Nachmittag eine Pause mit einem Armbad im Waschbecken und einem Teller Obst gönnen – so schafft man auch bei Sommerhitze den Rest des Tages.
Beim Picknick am See kann man sogar alle Säulen miteinander kombinieren: Das Auto stehen lassen und mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen, vor dem Essen im Storchenschritt durchs kühle Wasser treten und achtsam die Natur ringsherum betrachten, danach gibt's das gesunde "Draußenbuffet" auf der Picknickdecke - so ist die Kneipp'sche Serie bestehend aus Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilkräuter und Balance komplett.
5. Ruhe finden: Balance für Körper, Geist und Seele
„Vergesst mir die Seele nicht."
Das Kernstück der ganzheitlichen Lehre nach Pfarrer Kneipp bildet die "innere Ordnung". Sie ist der Schlüssel für seelisches Gleichgewicht und wird heute mit Begriffen wie "Balance", "Lebensordnung" oder "Achtsamkeit" übersetzt. Zu seiner Zeit fiel Kneipp auf, dass die beginnende Industrialisierung die Lebensweise der Menschen grundlegend veränderte und er sorgte sich um ihre Gesundheit. Deshalb wollte er mit seinem Konzept vor allem präventiv wirken: Das rechte Maß zwischen Anspannung und Entspannung zu finden und im Einklang mit der Natur zu leben, war ihm ein zentrales Anliegen.
Wer gut auf sich achtet und bewusst Pausen in seinen Alltag einbaut, schafft Raum, damit sich Körper, Geist und Seele regenerieren können und Krankheiten erst gar nicht entstehen. Doch was ist das rechte Maß? Mit seinen vielen Anwendungen und Methoden hat Kneipp einen großen Schatz hinterlassen, aus dem sich jede*r das Passende aussuchen kann. Sein Konzept ist vor allem eine Erfahrungslehre, mit der jede*r selbst herausfinden kann, was ihm/ihr besonders gut tut: Für manche ist es eine ruhige Mittagspause auf einer Bank im Schatten und einem Buch in der Hand, für andere ein entspannter Spaziergang am Abend oder ein yogischer “Sonnengruß” gleich am Morgen.
Sommertipp: Die kühlende Atmung
Aus dem Yoga kommt auch die folgende Übung für heiße Tage, "Sitali Pranayama" oder übersetzt die "kühlende Atmung" genannt. Sie wirkt wie eine körpereigene Klimaanlage und soll den Geist beruhigen. Bei dieser Technik wird die Zunge zu einem Röhrchen gerollt und die einströmende Luft als sanfte Brise zur Kühlung des Körpers genutzt. Dafür entspannt und aufrecht sitzen - egal ob im Schneidersitz oder auf einem Stuhl. Die Augen für einen Moment schließen und einmal tief durchatmen. Dann das Röhrchen formen: Den Mund dazu leicht öffnen und die Zunge ein wenig herausstrecken, die Längsseiten einrollen und die Luft langsam, tief und zischend durch das Röhrchen einatmen. Den Mund wieder schließen und den Atem für zwei bis drei Sekunden anhalten, um der Kühle im Mund- und Rachenraum nachzuspüren und durch die Nase wieder vollständig ausatmen. So wird die warme Luft aus dem Körper transportiert.
Ob man seine Zunge einrollen kann, ist genetisch bedingt, aber die Übung kühlt genauso effektiv, wenn man die Zunge an den oberen Gaumen legt und mit den Lippen ein spitzes "O" formt. Eine perfekte Sofort-Hilfe für heiße Tage am Schreibtisch oder in der langen Warteschlange an der Supermarktkasse.
Hitze und Stress bringen den Körper schnell aus dem Gleichgewicht und geht es ihm nicht gut, leiden auch Geist und Seele. Um das sensible Gleichgewicht in Balance zu halten, also immer mal wieder eine Atempause einbauen - im Füssen-Urlaub auch gerne auf der neuen Yogaplattform auf dem Hopfensee. Da fällt bei der atemberaubenden Aussicht manchmal schier die Kinnlade herunter – perfekt, um gleich mit der "kühlenden Atmung" zu beginnen.
Infomaterial
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