Mehr als Heimatklang

Schönstes Wetter für den Sternmarsch in Füssen-Weißensee: Musikkapellen aus der Umgebung marschierten beim 150. Jubiläum der Musikkapelle Weißensee im Juli 2025 aus vier Himmelsrichtungen zum Sammelpunkt direkt am Seeufer. Dort spielten mehrere hundert Musikanten gemeinsam bekannte Märsche. So viel Klang auf einem Fleck: Wer so etwas noch nie gesehen hatte, war überrascht, wie lebendig die Tradition der traditionellen Volksmusik in Füssen und im Umland ist. Drei Musikapellen gibt es allein in der Stadt und ihren Ortsteilen Weißensee und Hopfen.
Der Sternmarsch läutet traditionell den Beginn des Bezirksmusikfestes ein, dass jedes Jahr in einem anderen Ort ausgetragen wird und bildet den feierlichen Auftakt für die Musikauftritte im Festzelt. Gleichzeitig steht er für Gemeinschaft und Verbundenheit: Alle kommen für eine Sache zusammen, die Musik, und versuchen, einen gemeinsamen Ton zu treffen.
Traditionelle Volksmusik ist untrennbar mit dem Alpenraum verbunden und gehört zur gemeinschaftlichen Struktur in und um Füssen. Was auffällt: Es sind unglaublich viele junge Menschen in den Vereinen und bei den Festen dabei - als Musiker und auch als Zuhörer. Also von wegen: Volksmusik sei nur etwas für Ältere und für den digital geprägten Nachwuchs uninteressant.
Von A wie Alphorn bis Z wie Zither geht es in diesem Beitrag vor allem um die Menschen, die sich mit der und durch die Musik verbunden fühlen und diese Tradition in ihren Orten bewahren und vor allem weitertragen.
1. Tradition leben: Die Musikkapelle Weißensee
Es ist Freitagabend in Wiedmar oberhalb vom Weißensee. Die Sonne schickt ihr letztes Licht über die frisch gemähten Wiesen. Aus den geöffneten Fenstern des Musikheims dringt Blasmusik ins Freie: Märsche, Polkas, aber auch der Filmsound von James Bond oder „Fluch der Karibik“. Die Musikkapelle Weißensee probt.
„Ich finde, die traditionellen Stücke sind immer noch absolut genial, auch wenn sie so alt sind. Das ist einfach ein wichtiges Kulturgut in Bayern. Musik gibt es schon immer und sie wird bleiben, auch wenn sich alles so schnell verändert", meint Josef Bilger, einer der jungen Vorstände der Musikkapelle Weißensee. Und seine noch jüngere Vorstandskollegin und Dirigentin der Jugendkapelle Karolina Haf ergänzt: „Eine Musikkapelle gehört einfach hierher. Jedes Dorf hat seine Vereine wie Trachten- und Schützenvereine oder Freiwillige Feuerwehr. Die Musik verbindet alles miteinander. Was wären schon allein die vielen Feste ohne Musik? Das muss auf jeden Fall erhalten bleiben."
Für ihre Musikkapelle engagieren sich die beiden deshalb zusammen mit neun weiteren Vorstandsmitgliedern - im Altern von 17 bis 55 Jahren - jeden Monat bis zu 30 Stunden ehrenamtlich. Sie kümmern sich nicht nur um praktische Aufgaben wie die Organisation von Veranstaltungen, sondern diskutieren auch immer wieder ihre gemeinsame Vision, wie sich die Musikkapelle entwickeln möchte.
„So haben wir die Möglichkeit, die Tradition nicht nur zu erhalten, sondern mitzugestalten. Dabei geht es auch um Fragen, was wir eigentlich spielen möchten", erklärt Josef Bilger. „Wir mögen zum Beispiel gerne Märsche und Polkas und das passt auch am besten ins Allgäu. Außerhalb von Bayern spielen die Kapellen eher konzertante und moderne Stücke. Auch wir haben das im Programm, aber in meinen Augen bringen wir mit traditionellen Stücken immer noch die beste Stimmung ins Festzelt."
Die Musik ist nicht der einzige Grund, warum so viele Menschen in Füssen und Umgebung in Kapellen mitspielen. Das Miteinander im Verein und die Geselligkeit auf den Festen spielt eine genauso große Rolle. Auf der Bühne zu sitzen, den Leuten gute Laune zu zaubern, das mache "einfach Bock", erzählen Bilger und Haf. „Selbst wenn nach vielen Stunden Spielen kaum noch ein Ton aus dem Instrument kommt, machen wir weiter, weil sich die Leute so freuen." Bei ihren Standkonzerten am Weißenseeufer und zu den Festen kämen auch immer viele Urlaubsgäste, die sich danach bei ihnen für die schöne Musik bedanken würden.
Auch die Treffen mit befreundeten Musikkapellen aus anderen Teilen Deutschlands seien immer etwas Besonderes. „Musikanten unter sich kommen irgendwie immer miteinander aus, sie ticken so ähnlich, das ist wirklich erstaunlich."
Für die jungen Musiker erzählen die Stücke, die sie spielen, nicht nur selbst eine Geschichte oder von der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Sie bekommen im Laufe der Jahre auch ganz persönliche Fußnoten von denen, die sie vor ihnen aufgeführt haben. „Meine Mama, die ebenfalls in der Musikkapelle spielt, erzählt mir manchmal von Stücken, die sie an bestimmten Orten gespielt hat, wie beispielsweise einen Marsch in den USA. So werden auch Geschichten zu den Stücken in den Vereinen und Familien weitergetragen", erzählt Josef Bilger.
Der Musikverein Weißensee wurde 1875 gegründet. Damals fanden sich sieben Männer zusammen und musizierten miteinander. Mit der Zeit wuchs die kleine Kapelle, wurde jedoch 1939 aufgelöst, als mehrere Musiker in den Krieg einberufen wurden, und erst 1948 wieder ins Leben gerufen. Früher begleitete die Kapelle oft kirchliche Anlässe, heute sind es eher "weltliche" Veranstaltungen - nicht zuletzt, um das Musikheim in Stand zu halten und Noten, Trachten und Ausflüge zu finanzieren.
Auch für Lukas Böck ist es wichtig, die Musik weiterzutragen, die seine Vorfahren gespielt haben, denn sie ist für ihn mit Heimat und Stolz verbunden. Seit drei Jahren ist er Dirigent der Musikkapelle Weißensee. „Es gibt für mich nichts Schöneres, als mit einem Instrument Melodien zu erzeuge und die Leute auf die Bänke zu spielen." Außerdem schätzt er den Zusammenhalt in der Gruppe und im Verein.
Als er den Dirigentenposten übernahm, war er gerade mal 18 Jahre alt und er ist überraschenderweise im Bezirk nicht der einzige Dirigent in diesem Alter. Den Respekt und die Unterstützung seiner vormaligen Mitspieler hat er aber nicht automatisch bekommen und musste sich beides erst erarbeiten. Bei seinem ersten Jahreskonzert sei er unglaublich aufgeregt gewesen, erzählt Böck, denn das sei der Höhepunkt im Kalender jedes Musikvereins. „Das war Spannung pur. Doch nach dem ersten Stück bin ich schon etwas ruhiger geworden und nach dem Konzert war ich stolz, dass ich es geschafft habe."
Mit seiner Arbeit will Böck die Kapelle auch musikalisch voranbringen. Schon als Musikant habe es ihn immer in den Fingern gejuckt und er habe gedacht, dass man das ein oder andere besser machen könne. Deshalb habe er den Wunsch entwickelt, selbst den Dirigentenstab in der Hand zu halten.
Ein guter Maßstab für seine Arbeit sind für ihn die Wertungsspiele, die jährlich während des Bezirksmusikfestes stattfinden. „Wenn wir da gutes Feedback bekommen, ist das für mich ein Signal, dass wir so weiterarbeiten können. Außerdem bekomme ich dadurch auch Hinweise, an welchen Punkten wir ausbaufähig sind, zum Beispiel beim Zusammenspiel oder in der Dynamik. Ich schaue immer darauf, alle Musiker mitzunehmen und für jeden etwas dabei zu haben, damit wir als Gemeinschaft gute Musik machen."
Ein zentrales Thema des Musikvereins ist die Nachwuchs- und Jugendarbeit – und die wird in Weißensee etwas anders als sonst üblich gedacht. So hätten beispielsweise Sport- oder Trachtenvereine den Vorteil, dass sie schon für sehr kleine Kinder etwas bieten könnten, berichten die beiden Vorstände Bilger und Haf. „Für das Erlernen eines Instruments dagegen muss man schon ein gewisses Alter haben und Lust, etwas dafür zu tun. Deshalb haben wir überlegt, wie wir schon die ganz Kleinen mit altersgerechten Angeboten erreichen können."
Über eine Kooperation mit der Musikschule Füssen kommt Anja Schweiger in die Vereine. Sie spielt selbst Klarinette und versucht, die Kinder mit ihrer Begeisterung für Musik anzustecken. In zwei verschiedenen Gruppen, den Bambinis und den Fortelinos, wird bei der Musikkapelle Weißensee durch Singen, Tanzen und erstes gemeinsames Musizieren das Gespür für Rhythmus, Sprache und Ausdruck entwickelt.
Die Fortelinos können auch mit ihren eigenen Instrumenten kommen, sofern sie schon eines spielen. „Für mich stehen das Spiel in der Gruppe und damit die sozialen Fähigkeiten im Vordergrund. Ein Instrument zu lernen, ist eigentlich Nebensache, denn dafür bekommen die Kinder Hausaufgaben. In der Gruppe klingt es aber gleich nach etwas und im Miteinander passiert das Wesentliche. Man lernt, auf andere Rücksicht zu nehmen, im Team etwas zu erschaffen. Musik ist das Medium, um ganz viel soziale Kompetenz zu lernen", meint die Gruppenleiterin.
Durch die Kurse verorten die Kinder das Musikheim der Weißenseer Kapelle auch als musikalische Heimat, sofern sie es nicht ohnehin schon von ihren Eltern her kennen. Alle ein bis zwei Jahre findet hier der „Instrumentenkreisel“ statt, damit die Kinder vom Saxophon bis zum Schlagzeug verschiedene Instrumente ausprobieren können und eine Idee bekommen, wie es nach den Fortelinos weitergehen kann.
Karolina Haf wollte zunächst wie ihre Mutter Klarinette lernen, doch aus dem Instrument bekam sie keinen Ton heraus. Dann sah sie bei den Standkonzerten die Querflöte und fing bereits mit sieben Jahren an, auf diesem Instrument zu üben. Mit zehn kam sie in die Jugendkapelle, die sie heute selbst dirigiert. Zusätzlich organisiert sie die Jugendarbeit im Verein.
"Die Nachwuchsarbeit ist heute schwieriger geworden, denn die Kinder haben oft eine viel kürzere Aufmerksamkeitsspanne als früher. Außerdem muss man für ein Instrument auch daheim üben, anders als bei den Trachtlern oder der Wasserwacht. Viele Eltern wollen vielleicht auch lieber, dass die Kinder eine Sportart betreiben, dabei profitiert man von musikalischer Bildung auf vielen Ebenen." Für Haf selbst ist Musikmachen vor allem Entspannung nach der Schule. „Die Musikproben sind für mich wie ein Wellnessurlaub und die Musik und das Miteinander tun meiner Seele einfach gut."
2. Klang mit Tiefgang: Die Alphornspieler der Harmoniemusik Füssen
Was für eine Aussicht - und dann noch majestätisch gekrönt mit dem typischen Klang der Berge! Statt einem Echo antworten die vielen tausend Grillen im hohen Gras den Alphornbläsern mit lautem Zirpen. „Mit dem Alphorn kann man zwar keine Symphonie spielen, aber am Alpenrand gehört es zu unserer Kultur und hat hier seinen richtigen Platz", meint Andreas Ullrich, Geschäftsführer der Harmoniemusik Füssen. Insgesamt acht Musiker der Kapelle spielen neben einem anderen Instrument zusätzlich Alphorn, so wie die Geschwister Patricia Köpf und Tobias Rösler, eigentlich an Posaune und Trompete musikalisch aktiv. „Wir sind beide ins kalte Wasser geworfen worden, als jemand am Alphorn ausgefallen ist, und sind dabei geblieben", erzählen die beiden.
Alle drei Spieler eint, dass sie gerne miteinander Musik machen, denn das Alphorn ist kein Soloinstrument und mit seinen vier Metern Länge erst recht keines, auf dem man daheim in der Wohnung übt. „Alphorn braucht einfach Raum und Weite, damit es klingt – sonst scheppern die Wände", meint Ullrich. „Und ab drei Spielern ist noch mal ein ganz anderer Sound dahinter. Nur ab und an spiele ich es auch mal allein wie zum Beispiel in einem Urlaub in Kroatien. Da habe ich am Meer ein kleines Alphornkonzert gegeben."
Zuhause war und ist das Alphorn, wie der Name schon sagt, in den Alpen und damit überall dort, wo Hirten ihr Vieh in den Bergen hüteten. Als Konzertinstrument war es nie gedacht, es diente einem rein praktischen Zweck: Mit dem langen Horn konnten die Hirten Signale von Alpe zu Alpe senden, Tiere herbeilocken oder auch ins Tal "rufen", als es noch nicht die Möglichkeit gab, per Telefon oder Funk zu kommunizieren. Der erste schriftliche Nachweis für das Alphorn stammt von 1527 aus der Schweiz.
Gefertigt wurde das Alphorn ursprünglich aus Fichtenholz und die Hirten nutzten dafür Bäume, die am Hang und damit krumm gewachsenen waren, so entstand eine natürliche Biegung beim Bau. Heute werden für den Alphornbau meistens Fichte oder auch Weißtanne, Ahorn und Buche aus Höhen oberhalb von 800 Metern verwendet, weil diese langsamer gewachsen sind. Jede Maserung, jede Windung beeinflusst den Klang. Statt mit Rinde oder Wurzeln, wird das Instrument heute mit Peddigrohr umwickelt, damit es vor Regen und feuchter Witterung geschützt ist.
Übrigens zählt das Alphorn trotz seines Holzkörpers zu den Blechblasinstrumenten. Das hat etwas mit der Technik zu tun, wie ein Ton erzeugt und welcher Mundstücktypus verwendet wird. Je länger das Alphorn, desto tiefer ist der Ton. Da es keine Klappen und Ventile hat, können damit nur acht Natur- und keine Halbtöne erzeugt werden. „Wenn also jemand fragt, ob wir ein Happy Birthday auf dem Alphorn spielen können, müssen wir leider verneinen, das würde schräg klingen. Dafür ist es ein Instrument, das man sehr schnell lernen kann, allerdings braucht es schon Rhythmusgefühl und den Willen zum Üben. Alphorn ist wenig Technik und sehr, sehr viel Herz", meint Andreas Ullrich und lächelt.
Mit den tiefen, vollen und getragenen Tönen berühren die Alphornbläser auch die Herzen der Gäste, die nach Füssen kommen und vielleicht das erste Mal so ein Instrument „in echt“ sehen und vor allem hören. „Viele Leute sind wirklich ergriffen, wenn sie uns hören. Das berührt uns natürlich, denn das ist ja unser Antrieb. Wir machen Musik, um den Zuhörern unsere alpenländische Kultur näherzubringen und das zu teilen, woran wir selbst Freude haben", erzählen die drei Spieler.
Von Mai bis September sind die Alphornbläser der Harmoniemusik Füssen immer montags um 18.30 Uhr im Innenhof des ehemaligen Benediktinerklosters Sankt Mang zu hören, der eine perfekte Akustik für die Alphornklänge bietet. Zwischen den Stücken erzählt einer der Spieler etwas über das Instrument und seine Herkunft. Anschließend geht es weiter ins Faulenbacher Tal, wo um 19.10 Uhr das nächste Standkonzert stattfindet. Danach gibt es noch ein kleines Ständchen vor dem Restaurant Frühlingsgarten, wo die Spieler anschließend einkehren.
Der charakteristische Klang des Alphorns kommt für die Spieler am besten mit getragenen, gebunden gespielten Melodien zur Geltung. Ganz bewusst entscheiden sie sich bei der Auswahl für traditionelle Stücke. „Die ruhigen Melodien sind toll", meint Patricia Köpf und ihr Bruder ergänzt: „Es gibt auch rhythmische, schnelle Polkas für das Alphorn, aber wir können uns nicht vorstellen, damit das Wesen des Alphorns ins Publikum zu transportieren. Die klassischen Melodien geben die Resonanz des Instruments am besten wieder."
Auch den drei Spielern selbst schenken die warmen, wohltuenden Klänge des Alphorns Ruhe und Erdung. Von dem Veranstalter eines großen Yogaevents am Forggensee seien sie deshalb auch schon mal zur Einstimmung eingeladen worden: „Wir sollten dort einfach einen Ton über mehrere Minuten halten, denn das Alphorn erdet und hat fast etwas Meditatives", erzählt Rösler. Zu ruhig dürfen die drei während ihres kleinen Konzerts im Klosterhof aber nicht werden, denn danach müssen sie schnell zusammenpacken und sich in den Sattel schwingen, um rechtzeitig bei ihrem nächsten Auftritt im Faulenbacher Tal zu sein.
3. Leise Töne, große Wirkung: Der Zitherspieler Magnus Lipp
Fein und klar, fast ein bisschen melancholisch schweben die Töne durch das Faulenbacher Tal - die perfekte Begleitmusik für den Frühling, der hier gerade überall erwacht. Die Zither hat einen ganz eigenwilligen Klang, zurückhaltend und gleichzeitig raumfüllend. Hier am Gipsbruchweiher ist sie eine Streicheleinheit für die Natur. Gespielt wird das Instrument von Magnus Lipp, der seinem Publikum nicht nur die beliebten und bekannten Zitherstücke wie das Thema aus "Der dritte Mann" vorführt, sondern gerne auch seine eigenen Lieder komponiert.
Die Zither und er – seit 63 Jahren sind sie unzertrennlich. Ihre "Liebesgeschichte" begann mit einem Zufall: Als Lipp zehn Jahre alt war, brachte ein Lehrer eine Zither mit in die Schule und wollte wissen, wer das Instrument lernen möchte. Der Bub fragte zu Hause nach, ob er dürfe und bekam nach der Zusage der Eltern diese Zither geschenkt.
Die Großmutter, selbst Zitherspielerin, kümmerte sich um den Unterricht. „Die ersten drei Monate sind schon sehr hart, denn man muss unglaublich fleißig sein und merkt zunächst keinen Fortschritt. Die Finger schmerzen, die Bewegungen wirken nicht koordinierbar. Das Gehirn muss völlig neue Verbindungen schaffen, weil der Daumen der rechten Hand beim Zitherspielen zur linken Hand gehört und umgekehrt", erklärt Magnus Lipp.
Das Instrument ist also ziemlich widerspenstig und verlangt Geduld in einer Zeit, die schnelle Erfolge liebt. Viele seiner späteren Schüler hätten in den ersten zwei Monaten wieder aufgehört, erzählt der Musiker aus Füssen. Wer es aber wirklich will und dranbleibt, der erlebt den Moment, den wohl viele Musiker kennen: Plötzlich klappt es und macht richtig Spaß.
Was Magnus Lipp besonders an dem Instrument gefällt, ist seine Vielfalt. Durch die Jahrzehnte hat er viel experimentiert und festgestellt, dass jede Musikrichtung darauf spielbar ist. Da die Zither chromatisch gestimmt ist und somit alle Halbtöne hat, ist sie extrem variantenreich. Melodien werden auf den Griffbrett-Saiten gezupft, die Bass- und Begleitsaiten sorgen für die rhythmischen Akkorde. „Sie wird immer in die Volksmusikecke gestellt oder als Begleitinstrument für Sänger gesehen, aber die Zither kann viel mehr."
Neben der bayerischen, internationalen und europäischen Volksmusik sowie der Münchner und Wiener Salonmusik, die stark von ihren Klängen geprägt ist, klingen auch Pop-Balladen oder Songwriter-Stücke richtig gut auf der Zither. Sogar Songs von AC/DC können erfahrene Musiker auf ihr rocken. Ihr obertonreicher, perlender Klang verleiht den Stücken einen gänzlich neuen, überraschendenden Charakter. Während der Corona-Zeit hat Lipp Lieder in Sprachen aus aller Welt probiert und Gesangsstücke unter anderem in Ungarisch, Russisch, Spanisch und Irisch einstudiert. „Das war Gehirntraining", sagt der Füssener schmunzelnd.
Die Zither hat sich über eine Zeitspanne von mehreren tausend Jahren entwickelt. Der Urtyp, ein flacher Resonanzkörper, über den Saiten gespannt sind, ist fast in allen Kulturen rund um den Globus zu finden. Europäische Vorläufer der heutigen alpenländischen Form gab es bereits im Mittelalter. Damals bauten Tiroler Bergbauern im Winter das sogenannte "Raffele".
Die heutige Konzertzither entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert. Dazu trug maßgeblich der Wiener Zithervirtuose Johann Petzmayer bei. Als er bei einem Konzert vor König Maximilian Joseph von Bayern auftrat, soll dieser so begeistert gewesen sein, dass er Petzmayer zu seinem Lehrer machte und an seinen Hof berief. Damit machte der Wittelsbacher die Zither salonfähig und in höchsten Adelskreisen bekannt. Auch seine Tochter, die spätere österreichische Kaiserin Sissi, wurde von Petzmayer unterrichtet. Der "Zither-Maxl", wie man den König gerne nannte, löste eine regelrechte "Zitherwelle" aus. In Bayern wurde sie zum Nationalinstrument, wurde gleichzeitig aber auch an zahlreichen europäischen Höfen gespielt.
Magnus Lipps Zither ist ein Nachbau der Modelzither des Regensburgers Franz Xaver Kerschensteiner, der auch als Königlich Bayerischer Hoflieferant ausgezeichnet wurde. Er entwickelte durch eine spezielle Bauweise einen kürzeren, jedoch deutlich kräftigeren, klaren Ton, der sich auch in großen Sälen durchsetzen konnte.
Schon früh stand der Füssener auf der Bühne und bis heute liebt Lipp Auftritte als Solist, Begleiter von Gesang oder gemeinsam mit Harfe, Hackbrett oder Geige. So ist er auf Berghütten, in Wirtshäusern oder auch bei ganz anderen Veranstaltungen wie einem Ärztekongress mit Zither und Gesang zu hören. „Wenn man die ersten Erfolge vor Publikum hatte, dann macht das schon ein bisschen süchtig", meint der Musiker.
Viel bedeutsamer aber sind ihm die Momente, die spontan Zwischen ihm und seinen Zuhörern entstehen: Ein gemeinsamer Raum, in dem die Zeit langsamer zu sein scheint. Aber auch wenn er nur für sich allein spielt, bringt ihn das weg von Alltag und Hektik. Auf die Frage, was die Zither für ihn persönlich bedeutet, überlegt er kurz: „Das ist eine Anderswelt. Da bin ich weg von dem ganzen Zirkus im Außen." Das beschreibt sehr treffend, warum Menschen wahrscheinlich überhaupt musizieren: Für diesen Zustand, in dem sie einfach ganz im Augenblick und versunken in die Musik existieren.
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