Respekt im Gepäck

Landschaftspflege und Naturschutz

Wer in Füssen Urlaub macht, möchte meistens nicht nur die romantische Altstadt und die benachbarten Königsschlösser erkunden, sondern auch die umgebende Naturlandschaft mit allen Sinnen genießen: die stillen Wälder, die blühenden Wiesen, die kleinen und großen Seen - und natürlich die Berge mit ihren fantastischen Aussichten. Diese vielfältigen Lebensräume sind eng miteinander verbunden und machen den Reiz der Region Füssen aus. Eine Kulisse, die ihresgleichen sucht und gleichzeitig viel mehr ist als nur das: Sie ist Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum zugleich und das Ergebnis eines jahrhundertelangen Zusammenspiels von Natur und menschlicher Nutzung. 

Genau dort setzt Landschaftspflege an - und zugleich der Naturschutz: Beides sorgt dafür, dass die Natur in Berg und Tal in ihrer Schönheit und ihrem besonderen Charakter dauerhaft erhalten bleibt und erlebt werden kann. Dabei ist die Ausgangssituation nicht immer konfliktfrei: Die Menschen möchten sich im Freien erholen, wandern, radeln, baden, paddeln oder SUP fahren. Aber auch die Tiere brauchen Rückzugsräume und Pflanzen ihre geschützten Flächen. 

Letztendlich geht es bei Landschaftspflege und Naturschutz aber nicht zuallererst um Verbote und auch nicht um die Frage „Mensch oder Natur“, sondern um den respektvollen Umgang der Menschen mit der Natur. Wir zeigen in dieser Geschichte anhand von vier Natur- und Lebensräumen, wie unterschiedlich das aussehen kann und was es braucht, damit sie im ökologischen Gleichgewicht bleiben. 

1. Kostbares Erbe: Eine Kulturlandschaft als ökologisches Kleinod

Wer das erste Mal in den Schwanseepark kommt, der wähnt sich in einer anderen Welt: windschiefe Kiefern, Wiesen mit seltenen Blumen und golden leuchtenden Gräsern, ein Teich mit üppigen Seerosen, der schilfumkränzte Schwansee - und über allem erheben sich die felsigen Flanken von Tegelberg und Säuling sowie die Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau. 

Dabei handelt es sich hier nicht um eine ursprüngliche Natur-, sondern um eine Kulturlandschaft, denn das Areal ist ein angelegter Landschaftspark. Seine Geschichte und sein heutiges Aussehen sind eng mit dem Königshaus der Wittelsbacher verwoben: Maximilian II., der Vater des berühmten Königs Ludwig II., ließ den Park im 19. Jahrhundert im damals beliebten „englischen“ Stil anlegen, damit seine Familie entspannt promenieren und die Natur genießen konnte. Das können auch die heutigen Besucher und Besucherinnen und wahrscheinlich erliegen sie der Schönheit heute genauso wie damals die bayerische Königsfamilie, deren Lieblingsplatz der Park war. 

Doch darunter liegt etwas, dass mehrere tausend Jahre älter ist und dieses mystische Landschaftsbild erst möglich macht: „Am Ende der Eiszeit war hier mal ein großer See, der sogenannte Füssener See, der über die Jahre verlandet ist. Aus den ehemaligen Wasserflächen haben sich verschiedenartige Moore entwickelt, also unsere gefährdeten Landschaftstypen", erklärt Tom Hennemann, Naturschutz-Gebietsbetreuer für den Ostallgäuer Alpenrand. „Die unterschiedlichen Entwicklungsstadien sind heute noch sichtbar, wenn man sich Zeit zum Betrachten nimmt. Je weiter wir vom See wegkommen, desto älter ist der Boden, je näher wir hinkommen, desto jünger und auch nasser ist er."

Diese Unterschiede ermöglichen eine enorme Pflanzenvielfalt. Denn die Pflanzenarten haben jeweils eigene Ansprüche: Manche mögen es nass, andere wechseln zwischen trockenen und feuchten Bedingungen, wieder andere benötigen kalkhaltige Böden oder kommen mit nährstoffarmen Standorten zurecht. „Das Wertvollste am Schwanseepark ist genau dieses Mosaik an unterschiedlichsten Flächen", meint Tom Hennemann und erklärt, was auf den Wiesen zu den verschiedenen Jahreszeiten blüht: verschiedene Enzian- und Orchideenarten, darunter die Breitblättrige Ständelwurz und der Gelbe Frauenschuh, Wollgräser sowie die sehr seltene Sumpfgladiole. „Sie wächst hauptsächlich im Einzugsbereich des Lechs und bevorzugt auf Feuchtwiesen. Bedeutende Vorkommen gibt es im Schwanseepark vor allem an der Abgrenzung zur Liegewiese, die viele Badegäste nach ihrer Schwimmrunde im Schwansee zum Sonnenbaden nutzen."

Auch auf den Flächen in Richtung Fischersteig fällt am Waldrand eine besondere Blüte auf: Weißer Enzian. „Das ist ein bisschen wie ein Sechser im Lotto, denn dieser echte Albino ist eine Laune der Natur und kein weißer Verwandter des Blauen Schwalbenwurzenzians, sondern ihm fehlt schlicht der blaue Farbstoff", erklärt der Diplom-Forstwirt und entdeckt gleich noch einen zweiten Enzianstängel. 

Die prächtigen Seerosen in dem kleinen Teich südöstlich des Schwansees sind übrigens nicht heimisch, sondern wurden wahrscheinlich schon vor langer Zeit ins Wasser gesetzt. Da die Gartenseerose nicht zu den invasiven Arten gehört und deshalb von ihr keine ökologische Gefahr ausgeht, wird sie von der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes Ostallgäu dort belassen.

Spezialisierte Schmetterlingsarten wie der Lungenenzian-Ameisenbläuling und andere Insekten sind wiederum auf bestimmte Pflanzenarten und Lebensräume angewiesen. Am besten stellt man sich sensible ökologische Systeme wie ein Zahnrad vor, in dem ein Rädchen ins andere greift: Stimmt es an einer Stelle nicht, wirkt sich das auf alles andere aus. 

Solche Lebensräume sind empfindlich und ein Trampelpfad durch die Wiese kann sich bei vielen Nutzern schnell verfestigen. „Dieser Pfad hier führt in eine Niedermoorfläche hinein und beschädigt die Pflanzendecke. Keiner würde das absichtlich machen und wenn nur einer hier durchlaufen würde, wäre das kein Problem“, so Hennemann, „aber wenn das mehrfach täglich passiert, dann wird es zu einem." 

An Orten wie diesem hat der Landkreis Ostallgäu deshalb Tafeln der Kampagne „Dein Freiraum. Mein Lebensraum." aufgestellt. Sie setzt auf Aufklärung statt auf Verbote. So erklärt zum Beispiel ein Schild die in der Wiese vorkommenden Arten und macht sichtbar, warum man dem Trampelpfad besser nicht folgen sondern auf den offiziellen Wegen bleiben sollte, die ohnehin durch den gesamten Park führen. „Die Infos auf den Schildern haben wir für jede Stelle eigens zusammengestellt. Was auf den Fotos zu sehen und in den Texten beschrieben ist, gibt es tatsächlich genau dort. Wir setzen bewusst auf die Eigenverantwortung der Leute. Wenn sie erkennen, wie wertvoll dieser Ort ist, sollte von allein der Impuls kommen: Ich möchte einer von denen sein, die das schützen", hofft Hennemann. 

Bald sollen weitere Informationstafeln im Faulenbacher Tal in Füssen folgen, einem Naturkleinod, das an die Altstadt grenzt. Immer nach dem Ansatz des bekannten Zoologen Konrad Lorenz: „Man schützt nur, was man liebt - man liebt nur, was man kennt." Und Rücksichtnahme bedeutet nicht, weniger zu erleben. Sie ermöglicht vielmehr, dass die Besonderheiten der Landschaft so erhalten bleiben, wie sie gerade vor unseren Augen liegen. 

Tom Hennemann vergleicht das gerne mit einer roten Ampel: „Selbst wenn es mich einschränkt, halte ich dort an. So gefährde ich die Menschen nicht, die die Straße überqueren." Übertragen auf den Schwanseepark und andere ökologische Kleinode: Hier wachsen besondere, mitunter seltene Pflanzen, deshalb bleibe ich stehen und schaue sie vom Wegesrand aus an, anstatt über die Wiese zu gehen. 

Für Hennemann geht es beim respektvollen Umgang mit der Natur nicht nur um die Pflanze oder den Schmetterling: „Es geht um uns Menschen und unser Überleben. Wir brauchen eine Landschaftspflege, die unsere Ökosysteme erhält und ihre Vielseitigkeit sichert, denn dann sind sie auch widerstandsfähiger gegenüber klimatischen Veränderungen." 

So kannst Du den Schwanseepark entdecken:

Bewusst und langsam gehen, um keine Schönheiten am Wegesrand zu verpassen.
Auf kleine Hinweise und Beschilderungen achten.
Nur die ausgewiesenen Wege und Liegeflächen nutzen.
Auch für Fotos auf den Wegen bleiben.
Bitte alle Blumen und Pflanzen stehen lassen.
 

2. Grüne Multitalente: Artenreiche Wälder als Klimaschützer

„Schau mal, hier haben wir der Eberesche mehr Platz geschaffen", meint die Revierförsterin Andrea Steinbach und zeigt ihrem Chef Leon Mahlkow ein Waldstück, das direkt am Fußweg hinauf zum Füssener Kalvarienberg liegt. In diesem Gebiet waren sie und andere Waldarbeiter die letzten Wochen mit Pflegemaßnahmen beschäftigt. 

Als Wanderer sieht man vor allem erst einmal das: abgesägte Baumstämme, herumliegende Äste und aufgewühltes Erdreich. „Für viele Besucher sind solche Eingriffe zunächst schwer zu verstehen. Waldumbau beginnt aber manchmal auch mit Maßnahmen, die wenig nach Pflege oder Naturschutz aussehen", erklärt Mahlkow, der als Forstrat bei der Bayerischen Forstverwaltung arbeitet. Und schwere, laute Maschinen kollidieren verständlicherweise mit dem Bedürfnis der Wanderer und Spaziergänger, die ihre Ruhe haben wollen. Der Wald als Erholungsraum, aber auch als Arbeitsplatz: Hier treffen zwei unterschiedliche Interessen aufeinander. 

Ein Großteil der Wälder rund um Füssen sind Teil einer Kulturlandschaft, die über Jahrzehnte und mancherorts auch über Jahrhunderte gewachsen und damit keine unberührte Natur mehr ist. Die Menschen haben den Naturraum genutzt und ihn damit auch verändert. 

Lange war die Fichte der Brotbaum der Waldbauern in der Region, doch gerade Fichtenwälder halten extremen Wetterlagen als Folge des Klimawandels nicht gut stand. Deshalb stellt sich die Frage: Wie muss ein Wald aussehen, damit er mit Trockenheit, Stürmen oder Starkregen zurechtkommt? „Wir brauchen vor allem Licht und Platz, damit eine junge Waldgeneration mit verschiedenen Baumarten nachwachsen kann. Dafür müssen ältere Fichten weichen", meint Försterin Andrea Steinbach.

Am Kalvarienberg ist dieser Ansatz, einen klimaresistenteren Wald zu schaffen, gerade direkt vom Wanderweg aus zu sehen. So wurden an manchen Stellen Bäume gefällt, weil der Baumbestand sehr dicht und vor allem zu fichtenlastig war. Bis die Kahlflächen wieder ansehnlich sind, wird es etwas dauern, denn Waldumbau passiert nicht von heute auf morgen. Doch wer beim nächsten Waldspaziergang genauer hinsieht, entdeckt vielleicht auch eine junge Tanne, Eibe oder Kiefer, die jetzt bessere Wachstumsbedingungen hat und damit ein Teil des Zukunftswaldes werden kann.

Rund um Füssen gibt es ganz unterschiedliche Waldtypen zu entdecken: Lichte Buchenwälder, Fichtenwälder, Mischwälder, Bergwälder - und die sehr seltenen Schlucht- und Auwälder. Diese Vielfalt ist nicht nur ökologisch wertvoll, sondern macht das Naturerlebnis besonders abwechslungsreich. „All diese Wälder prägen unsere Landschaft mit. Ohne sie wäre die Region weniger sehenswert. Und im Sommer ist es hier immer ein bisschen feuchter und kühler, also sind sie auch ein toller Rückzugsort", begeistert sich Andrea Steinbach, die als Revierleiterin des Amtes für Landwirtschaft und Forsten (AELF) Kaufbeuren für Füssen und Schwangau zuständig ist. Die Wälder dienen als Lebensraum und Rückzugsort für Tiere und Pflanzen, liefern wertvolles Holz und bieten unverzichtbaren Schutz. Und insbesondere die Bergwälder bewahren die Stadt, ihre Ortsteile und Verkehrswege vor Erosion und Überflutungen, da sie wie riesige Wasserspeicher wirken. 

Gerade weil es so viele verschiedene Wälder im Füssener Land gibt, wird jedes Waldstück von der Försterin nach individuellen Gesichtspunkten betreut. Landschaftspflege bedeutet für Andrea Steinbach und Leon Mahlkow vor allem, dass jeder Wald seine Aufgaben erfüllen kann: „Unsere Pflegeeingriffe zielen immer darauf ab, die Funktionen des jeweiligen Waldes bestmöglich zu unterstützen und zu fördern - oder auch wiederherzustellen. Während die Berg- und Auwälder auf dem Gebiet des Walderlebniszentrums Ziegelwies vor allem der Erholung dienen, steht an anderer Stelle die Schutzfunktion im Vordergrund. Und dort, wo ein Bereich besonders naturnah ist, greifen wir ohnehin so wenig wie möglich ein."

Sperrungen wegen Pflegemaßnahmen kommunizieren die Mitarbeitenden des AELF an Füssen Tourismus und Marketing und entsprechende Umleitungen werden immer aktuell auf www.fuessen.de veröffentlicht. „Trotzdem kommt es vor, dass Leute die Absperrungen umgehen. Gerade bei laufenden Fällarbeiten ist das gefährlich, denn es können Äste fallen, Stämme ins Rollen kommen oder Fahrzeuge rangieren. Da würde ich mir wünschen, dass Spaziergänger, Wanderer und Radler verstehen, dass es zu ihrer eigenen Sicherheit ist, was wir dort machen", meint die Försterin. „Denn letztendlich haben wir alle wahrscheinlich das gleiche Ziel: Wir wollen einen gemischten, sicheren und gut anzusehenden Wald für die Zukunft haben." 

Ein immer wichtigeres Thema sind auch die seit einigen Jahren oft extrem trockenen Wetterperioden im Frühling und Sommer, durch die dann die Waldbrandgefahr enorm ansteigt. In solchen Phasen zeigt sich besonders, wie empfindlich das Ökosystem Wald ist. Zwar kann auch ein an Resilienz orientierter Waldumbau Brände nicht verhindern  - das Verhalten der Besucher allerdings schon. In Bayern gilt im Wald deshalb in der Zeit vom 1. März bis zum 31. Oktober ein Rauchverbot und auch offenes Feuer ist hier und bis zu 100 Meter vom Waldrand entfernt nicht erlaubt. Was viele allerdings nicht wissen: „Auch das Parken auf trockenem Gras kann feuergefährlich sein, denn das Gras kann sich am heißen Pkw-Katalysator entzünden. Ebenso sollten Glas und anderer Müll generell, aber auch wegen der Brandgefahr nicht im Wald zurückgelassen werden“, erklärt Leon Mahlkow.

Trotz solcher Verbote setzt Bayern generell eher auf die Vernunft von Spaziergängern, Wanderern und Radfahrern. Anders als auf den landwirtschaftlich genutzten Wiesen sichert das Bayerische Gesetz jedem das Recht zu, den Wald frei zu betreten. Dieses Privileg bringt aber auch Verantwortung mit sich: Ob im Tal oder auf dem Berg, überall gibt es im Wald sensible Ökosysteme wie beispielsweise Moorflächen, die unter jedem Schritt leiden. 

Und wer gedankenlos durchs Unterholz streift, läuft mitten durch das Zuhause von Wildtieren und stört so ihren oft einzigen Rückzugsort. „Besonders in den kalten Monaten läuft der Stoffwechsel der Wildtiere auf Sparflamme. Werden sie aufgeschreckt oder aus ihrer Winterruhe oder in ihrem Winterschlaf geholt, verbrauchen sie lebenswichtige Energiereserven, die sie eigentlich dringend brauchen, um den langen Winter zu überleben", erklärt Leon Mahlkow.

So kannst Du Füssens Wälder erleben:

Immer mal wieder stehen bleiben und ganz bewusst die unterschiedlichen Waldtypen wahrnehmen: Was auf den ersten Blick einfach wie „Wald" aussieht, beherbergt oft völlig unterschiedliche Ökosysteme. 
Einen Wald nicht nur als Strecke zwischen zwei Ausflugszielen betrachten.
Die Ruhe auf den Spazierbänken genießen: Hören, riechen, betrachten.
Möglichst auf den ausgewiesenen Wegen bleiben und Absperrungen und Umleitungen beachten.
Hunde an die Leine nehmen, damit sie keine Wildtieren aufschrecken und ihnen hinterherjagen.
Nur so viel Pilze und essbare Pflanzen ernten, wie man selbst verbrauchen kann.

3. Schutz im Schilf: Sensible Seeufer als Ruhezonen

Das Wasser des Forggensees sieht an diesem Spätsommermorgen wie gebügelt aus. Viele Menschen zieht es besonders im Sommer an die Seen rund um Füssen - zum Baden, Paddeln, Angeln oder um einfach nur, um die Sonne zu genießen. Und eigentlich sieht alles nach der perfekten Idylle aus, wegen der sie hierher kommen: Ruhe, Natur und das tolle Bergpanorama. 

So ruhig hat es Manfred Mair nicht, denn den Vorsitzenden des Kreisfischereivereins Füssen treibt ein ganz anderes Thema um. Mit dem Boot fährt er zum Illasbergsee im Nordosten, einer hochsensiblen Randbucht des Lechstausees. Kaum hier angekommen, strömen dem Fischer SUP-Paddler und Kanuten entgegen. „Die dürften alle gar nicht hier sein, denn vom Badebereich des Illasbergsees ist das Starten per SUP oder Boot verboten. Außerdem ist der gesamte Forggensee Landschaftsschutzgebiet und deshalb dürfen die Schilf- und Flachwasserzonen nicht betreten oder gar befahren werden, was hier aber überall zu sehen ist", erklärt er. 

Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, ist für viele Tierarten ein zentraler Lebensraum: Die Uferzonen an Forggensee und Illasbergsee sind ökologisch wertvolle Biotope. „Vom Schilfrohrsänger bis zum Schwan brüten dort enorm viele Wasservogelarten und auch verschiedene Amphibien wie Wasserfrösche und Ringelnattern sind hier zu Hause", berichtet Mair.

Nicht nur am Ufer, selbst unter der spiegelnden Seeoberfläche pulsiert das Leben: Das Flachwasser mit seinem Dickicht aus Algen und Schilfwurzeln ist die Kinderstube zahlreicher Jungfische und im schlammigen Untergrund reifen hungrige Libellenlarven jahrelang im Verborgenen. Auch bieten die Schilfgürtel den Fischen Schutz vor Fressfeinden aus der Luft. „Wenn hier SUP-Fans und Kanuten vorbeipaddeln, sehen die Fische von unten große, dunkle Schatten und interpretieren das als Angriff von oben. Sie flüchten und stehen unter Dauerstress." Eine Störung beginnt also nicht erst damit, dass jemand die sensiblen Uferbereiche betritt, sondern viel früher: Ein Paddelschlag und schon ist es für die Wassertiere aus mit der Ruhe.

Obwohl auf der öffentlichen Liegewiese am Illasbergsee das Startverbot für Stehpaddler und Kanuten durch Schilder deutlich ausgewiesen ist, wird es oft nicht beachtet. Auch wenn diese Regelung usprünglich zum Schutz der Badegäste getroffen worden ist, so nützt sie doch auch den Pflanzen und Tieren in den Schilf- und Flachwasserzonen, die aufgrund des hier geltenden Landschaftschutzes ohnehin nicht betreten oder gar befahren werden dürfen. 

Denn immer wieder wollen Wassersportler die Uferbereiche erkunden, um Vögel ganz aus der Nähe zu sehen. Wenn Mair sie darauf anspricht, bekommt er oft die Rückmeldung, dass sie nichts von einem Verbot gewusst hätten. „Sie meinen, keinen Schaden angerichtet zu haben, weil sie keine Vögel gesehen und so eigentlich nichts kaputt gemacht haben könnten. Doch diese ständige Unruhe richtet langfristig Schaden an. Das ist auf dem Wasser nicht anders als in Wald und Flur."

Als das SUP aufkam, seien zunächst nur ein paar Fans auf dem Illasbergsee gefahren, berichtet Mair, doch heute seien viel zu viele SUPS unterwegs und das erzeuge einen enormen Druck, weil die Tiere keine Rückzugsbereiche mehr finden würden. 

Die sogenannte Vogelinsel, die vor der Bucht liegt, wird besonders oft von Wassersportlern angesteuert. Manche steigen hier sogar mit Sonnenschirm und Liegedecke aus und machen es sich gemütlich. „Die dort lebenden Vögel werden dann aufgescheucht. Und wenn das ständig passiert, geben sie ihre Nester auf oder meiden diese Bereiche, die ihnen eigentlich Schutz und Ruhe bieten sollten", meint Manfred Mair. „Sie brauchen nicht nur während der Brutzeit Schutz, sondern generell."

Dem Füssener liegt der Forggensee am Herzen. Er ist hier aufgewachsen und kennt ihn seit Kindesbeinen an, deshalb möchte er ihn für nachfolgende Generationen erhalten. Als Fischer weiß er genau, wie die verschiedenen Lebensräume im und am Wasser miteinander vernetzt sind. Gemeinsam mit dem Wasserwirtschaftsamt prüft der Kreisfischereiverein Füssen, wie die Gewässerstruktur in den von ihm gepachteten Seen verbessert werden kann, um für sauberes Wasser und das richtige Nährstoffangebot zu sorgen. So schaffen die vereinsmitglieder Rückzugs- und Laichmöglichkeiten für die Fische, in dem sie zum Beispiel nach Silvester ausgediente Weihnachtsbäume einsammeln und diese im Seeboden verankern. 

Neben den Störungen durch Wassersportler macht sich im See auch die Klimaerwärmung bemerkbar: Kaltwasserliebende Fische wie Forelle, Eschen oder Huchen vertragen nur Wassertemperaturen bis 24 Grad. „Als Verein ist es unsere Aufgabe, dass der Forggensee naturnah erhalten bleibt. Wir unterstützen bedrohte Fischarten durch gezielten Besatz. Diese Fische dürfen wir dann auch nicht fangen und geht uns doch einmal einer an die Angel, geben wir ihn zurück ins Wasser, wenn er unverletzt ist."

Auf dem Rückweg zur Anlegestelle des Vereinsgeländes nahe dem Festspielhaus Neuschwanstein zeigt Manfred Mair auf einen weiteren sensiblen Uferbereich: In den sandigen Zonen östlich vor dem Illasbergsee sind einige selbstgezimmerte, skurrile Konstruktionen zu erkennen. „Die Leute bauen mitten im FFH-Schutzgebiet (Fauna-Flora-Habitat) wilde Badeunterstände mit Feuerstellen, betonieren Sonnenschirmständer ein und verstecken im Gebüsch Surfbretter und SUP-Boards", erzählt Mair. Sogar ein ganzes Podest aus Bruchsteinen samt gemütlicher Sitzgruppe hat sich jemand ans Ufer gezimmert - noch getoppt von einem Unterstand aus Treibholz direkt daneben, der aussieht, als hätte Robinson Crusoe persönlich Hand angelegt. 

„Das sind nach meinen Erfahrungen weder Einheimische noch Urlauber, die so etwas machen. Meist kommen Naherholer aus einem Umkreis von 100 Kilometern hierher, die meinen, den See und das Ufer für sich beanspruchen zu können", ärgert sich der Fischer. „Dabei gibt es genug öffentliche und idyllisch gelegene Einstiegsstellen in den See. Ich würde mir wünschen, dass jeder mal ein bisschen über seinen Tellerrand hinausschaut und Rücksicht nimmt, denn wir gewinnen alle, wenn wir die Natur bewahren und nicht einfach nur unbedacht nutzen."

So haben die Natur und Du einen entspannten Seetag:

Ausgewiesene Bade- und Einstiegsstellen nutzen.
Nur an offiziellen, vorgegebenen Plätzen grillen.
Abstand zu Schilf- und Brutbereichen halten.
Schutz- und Ruhezonen respektieren.
Müll einsammeln und wieder mitnehmen.
Gegenseitige Rücksichtnahme auf dem Wasser und auch am Ufer, z.B. zum Musikhören Kopfhörer mitnehmen.
 

4. Alpine Welten: Taktung am Berg als Teil der Landschaftspflege

Ein sanftes Klicken, dann summt die Kabine fast lautlos auf den Tegelberg in den Ammergauer Alpen bei Füssen. Die Bergstation der Tegelbergbahn liegt auf 1.720 Metern Höhe und die Kulisse bei dieser Bergfahrt ist einfach märchenhaft: Die Gondel schwebt an Schloss Neuschwanstein vorbei, das majestätisch auf einem Felsen thront, dahinter Wälder, Seen, Berge. Mit jedem Höhenmeter schiebt sich ein neuer Eindruck ins Blickfeld. Oben stehen Besucher mitten im Kontrast zwischen zwei Landschaften: Zur einen Seite öffnet sich die Bergwelt der Allgäuer, Ammergauer und Tannheimer Gipfel, zur anderen schweift das Auge weit über das flache Alpenvorland, in dem die blauen Seen wie Saphire in der Sonne glänzen. 

Ein Gegensatz scheint auf den ersten Blick auch in dem Gedanken zu liegen, dass eine Bergbahn etwas mit Landschaftspflege oder gar Naturschutz zu tun haben könnte. Würden ohne die Kabine nicht viel weniger Menschen hierher gelangen und in die stille Bergwelt eindringen? 

Wer eine Ahnung davon bekommen will, warum die Tegelbergbahn trotzdem eine wesentliche Bedeutung für die Bewahrung der Gebirgslandschaft hat, setzt sich am besten für einige Stunden vor den Ausgang der Bergstation: Die meisten Besucher bewegen sich in einem Radius von wenigen hundert Metern rund um die Station. Sie wollen vor allem die Aussicht genießen, ein Stück laufen und einkehren. Je weiter man sich von der Station entfernt, desto einsamer und unberührter wird es.

Landschaftspfleger und Tourismusverantwortliche sprechen hier gerne vom „Staubsaugereffekt“, bei dem es um Besucherlenkung durch räumliche Konzentration geht. Die gilt in hochsensiblen Bereichen wie den Alpin-Ökosystemen als die naturschonende Variante des Bergtourismus. Die Menschen bleiben in einem Komfortradius um die Bergbahn und die außerhalb dieses Radius gelegenen Bereiche sind spürbar weniger frequentiert und damit entlastet. 

Zudem bewegen sich die Bergbesucher auf den Hauptwegen und eher nicht nach eigenem Gutdünken über die steilen Hänge oder durch dichtes Gestrüpp. Ohne die Bahn wären weniger Menschen hier oben, keine Frage, andererseits würden vielleicht etliche Besucher mit dem Auto bis zum letzten legalen – oder auch illegalen – Wanderparkplatz fahren, um von dort schnellstmöglich zu einer toller Aussicht oder Einkehrhütte zu gelangen. 

Die Infrastruktur der Tegelbergbahn ist an die Bedürfnisse und Wünsche der Bergbesucher angepasst: Im Tal gibt es einen großen Parkplatz und eine Sommerrodelbahn, oben an der Bergstation zwei Einkehrmöglichkeiten mit großen Aussichtsterrassen, ausgeschilderte Hauptpfade mit Sitzbänken sowie schöne Fotospots. Darüber hinaus werden den Besuchern Angebote gemacht, die das Bergerlebnis noch attraktiver werden lassen: Gerne sind sie auf der einen Kilometer langen Königsrunde unterwegs, einem Panoramaweg mit sieben Themenstationen, die von der Wander- und Jagdleidenschaft der bayerischen Königsfamilie berichten. 

„Es ist absolut notwendig, den Besuchern auch rund um die Bergbahn etwas anzubieten. Würden wir das nicht tun, würde sich jeder seinen eigenen Weg suchen - bis hin zu Störung sensibler Bereiche. Das kommt zum Glück bei uns sehr selten vor, die meisten bleiben auf den markierten Wegen", sagt Frank Seyfried, Geschäftsführer der Tegelbergbahn.

Ein weiterer Anlaufpunkt ist der „Ort der Besinnung“, der rund 80 Meter von der Bergstation entfernt liegt und über einen fast ebenen Weg erreichbar ist: „Der Platz hat seinen Namen schon lange, denn hier steht seit über 20 Jahren ein Kreuz. Dahinter befand sich früher ein Gebäude von 1900, das als Bergstation einer kleinen Materialseilbahn genutzt wurde, um das Tegelberghaus von der Bleckenau aus zu versorgen", erzählt Frank Seyfried.  

Das neben der heutigen Bergstation gelegene Tegelberghaus ließ König Maxilian II. als Jagdhütte errichten, denn er schätzte das Tegelbergmassiv und die umliegenden Berge als vorzügliches Revier. Heute ist noch die Originalstube aus dem 19. Jahrhundert erhalten und Gäste können hier einkehren und sogar übernachten. Viele der Wege im Ammergebirge, auch die auf dem Tegelberg, gehen auf die Hofjagd zurück. Wanderer bewegen sich also direkt auf den Spuren bayerischer Geschichte. 

 „Die ursprüngliche Bergstation der Materialseilbahn haben wir zu einem Martl umgebaut und dem Heiligen Magnus gewidmet", erklärt Frank Seyfried, läutet ausnahmsweise die kleine Glocke und öffnet das Gitter, damit die Besucher bessere Fotos machen können. Die sind begeistert, vor allem von dem fantastischen Ausblick auf die Berge gegenüber vom heutigen „Ort der Besinnung“. 

Auch ohne eine anstrengende Wanderung wird man hier mit dem erhabenen Gefühl beschenkt, dem Himmel ein Stück näher zu sein. „Die Leute wissen es zu schätzen, dass sie hier ohne bergsteigerische Erfahrung oder vielleicht auch mit eingeschränkter Gehfähigkeit Plätze finden, an denen sie dieses Erlebnis haben können. Schon die neu gestaltete Aussichtsplattform gleich oberhalb der Bergstation lässt sie dieses Freiheitsgefühl spüren."

Je nach Jahreszeit kleiden sich die Bergwiesen immer wieder anders: Während der Frühsommer seltene Orchideen und Enziane wie den Gelben Enzian hervorbringt, schmücken jetzt Glockenblumen und Silberdisteln die Talsenken, die das Ende des Bergsommers einläuten. „Mit den Hauptwegen öffnen wir das Tor zu einem seltenen Lebensraum: Die Besucher kommen, um die alpine Natur zu erleben, deshalb sind wir darauf bedacht,  diese zu bewahren und nur dort gestaltend einzugreifen, wo es notwendig ist", erklärt der Bergbahnchef. 

Nach der letzten Talfahrt für die Gäste macht Frank Seyfried oftmals eine interessante Beobachtung: Sobald Ruhe auf dem Berg einkehrt, erobern die Tiere sich ihren Lebensraum zurück. Auf den Flächen und Wegen, auf denen zuvor die Gäste unterwegs waren, zeigen sich dann Gämsen, Rehe, Steinböcke und Raufußhühner. Für ihn wirkt das fast so, als hätten sie eine innere Uhr: „Es scheint, als wüssten die Tiere genau, dass sie ihr Revier jetzt wieder ganz für sich haben und das ist ein schöner Moment."

So bist Du achtsam in den Bergen unterwegs:

Markierten Wegen folgen.
Wetter, Höhe und Gelände ernst nehmen, die Tourenplanung auf das eigene Können und die persönliche Kondition abstimmen und entsprechende Kleidung und Ausrüstung mitnehmen.
Aussichtsplätze und Rastplätze nutzen.
Müll wieder ins Tal mitnehmen.
Tiere aus angemessener Entfernung beobachten.
Wildblumen bewundern - und stehen lassen.
Wenn es mit der Bergbahn talwärts gehen soll: Die Uhrzeit für die letzte Talfahrt im Blick behalten.

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