Carpe diem! Memento mori!

 

Von Zeit zu Zeit nachzudenken, dass wir nicht ewig auf der Erde verweilen, kann den Blick schärfen für Dinge, die uns wirklich wichtig sind. Einen Zugang dazu kann zum Beispiel die Kunst des Barock schaffen, die von einer gänzlich anderen Denkweise geprägt war als wir sie heute haben. Heute führt die Beschäftigung mit dem Tod eher ein Nischendasein. Das war im 17. Jahrhundert anders: Das Thema war in den Köpfen, in den Kirchen und auch in der häuslichen Kunst allgegenwärtig.

Das Kloster Sankt Mang in der Altstadt von Füssen birgt im Inneren einen besonderen Schatz, der das „Lebensgefühl“ der Menschen im Barock auf den Punkt bringt: Memento mori! Bedenke, dass Du sterblich bist! Die St. Anna-Kapelle ist ein barockes Kunstwerk durch und durch und verdichtet den Gedanken auf 20 bemalten Holztafeln. Sie zeigen den „Füssener Totentanz“, den ältesten erhaltenen in Bayern und europaweit eines der bedeutendsten Werke seiner Art.

Der Tod ist auf den Tafeln als Skelett dargestellt, der zum letzten Tanz bittet – Papst wie Kaiser, Edelfrau wie Knecht, Pfarrer wie Hexe. Kein Erbarmen, kein Entrinnen. Nicht, dass die Menschen zu dieser Zeit alle depressiv gewesen wären. Aber sie hatten den Tod immer vor Augen: Pestepidemien und Hungersnöte infolge des Dreißigjährigen Krieges prägten ihren Alltag. Sie hofften auf ein besseres Leben im Jenseits – sofern das göttliche Strafgericht milde mit ihnen war und sie nicht in die Verdammnis schickte. In ihrer Vorstellung war es nach dem Tod nämlich nicht aus und vorbei. Sie glaubten, sich vor einem ewigen Richter verantworten zu müssen. Wehe dem, der da zu vielen Ausschweifungen wie üppigen Festen und Schäferstündchen gefrönt hätte.

Die Barockprediger machten den Memento mori-Gedanken stark, indem sie beständig daran erinnerten, dass morgen alles vorbei sein kann. Darstellungen wie der Totentanz sollten die Menschen ermahnen, Buße zu tun. 1602 beauftragte der Abt des Klosters den Füssener Maler Jakob Hiebeler mit der Restaurierung und Ausstattung der Annakapelle mit dem Totentanz. Schon zuvor waren hier Darstellungen mit dem Sensenmann gezeigt worden.

Auf der letzten Tafel verewigte sich der Maler sogar selbst – im Zwiegespräch mit dem Tod. Man darf vermuten, dass sein Schaffen nicht spurlos an ihm vorüber gegangen war und er nach Fertigstellung des Füssener Totentanzes sicher seine Tage anders erlebte als zuvor. Carpe diem! Nutze den Tag! Hiebeler durfte aber noch lange weiter leben – belegt sind weitere 16 Lebensjahre nach der Vollendung seines Totentanz-Reigens. Sein Werk inspirierte Künstler bis ins 20. Jahrhundert hinein, wie beispielsweise Stephan Cosacchi, der als Teil des Magnus-Oratoriums einen musikalischen Füssener Totentanz komponierte und 1950 in der Stadt uraufführte.

 

Schritt für Schritt auf andere Gedanken kommen – Der Kalvarienberg

Vom Klosterhof führt die Straße hinunter zur Lechbrücke. Auf der gegenüberliegenden Seite geht hinter der Kirche „Unserer lieben Frau am Berg“ der Weg zum Füssener Kalvarienberg hinauf. Eine weitere Gelegenheit, sich mit dem Wert unseres Daseins auseinanderzusetzen oder auch einfach nur die schöne Verbindung von Natur, Religion und Kunst zu genießen. Der Füssener Kalvarienberg gilt als eine der landschaftlich schönsten Anlagen dieser Art in Süddeutschland. Kalvarienberge wurden nördlich der Alpen während der Gegenreformation ebenfalls in der Zeit des Barock populär. Die Füssener Anlage im Nazarener-Stil entstand aber erst zwischen 1837 und 1842 auf Betreiben des damaligen Stadtpfarrers von Füssen, Johann Baptist Graf. Fast zeitgleich wurde die Ruine Schwanstein von Kronprinz Maximilian, dem späteren König Maximilian II. und Vater des Märchenkönigs Ludwig II., zu Schloss Hohenschwangau umgebaut. Zahlreiche Handwerker und Maler waren zu dieser Zeit in Füssen und wurden so auch mit der Ausgestaltung der Kalvarienberg-Anlage beauftragt.

Die Marienkapelle auf der Hirschwiese ist eine von 14 neogotischen Kreuzwegkapellen entlang des Fußwegs. Sie erzählen auf Tafeln und Altarbildern vom Leiden Christi. Ein paar Schritte entfernt steht die eherne Schlange. Sie hat nichts mit der Verführung Evas zu tun, sondern ist nach biblischer Legende auf Anweisung Gottes von Mose aus Kupfererz aufgestellt worden, um Bisse feuriger Schlangen zu heilen.

Als der Kalvarienberg angelegt wurde, war der Berg noch nahezu unbewaldet. Heute führt der Pfad in gemütlichen 40 Minuten durch den schattigen Wald zur Anhöhe mit der imposanten Plattform auf 953 Meter hinauf. Oberhalb der Gipfelkapellen ragen drei mächtige Kreuze auf, die Kreuzigungsgruppe. Ein Schnittpunkt, wo sich Himmel und Erde treffen und wo sich die Welt des Geistes mit der Natur verbindet. Eine Symbolik, die auch für viele bekannte Persönlichkeiten eine große Rolle spielte. Bayernkönig Ludwig II. besuchte den Kreuzweg häufiger. Zuletzt wohl an Karfreitag 1886 – wenige Wochen vor seinem Tod – als er vom damaligen Stadtpfarrer in tiefem Gebet versunken in der Kapelle zur „Todesangst Christi“ gesehen wurde.

Seine Eltern hatten den Aufbau des Kalvarienbergs begleitet und mitfinanziert. Die sehr gläubige Königin Marie soll sogar zusammen mit ihren Hofdamen während der Arbeiten bei jedem Besuch einen Ziegelstein zur jeweiligen Baustelle hinaufgetragen haben. Besondere Bedeutung hatte für die Königinmutter die Heiliggrab-Kapelle, die durch einen Stollengang zu erreichen ist. Dieser wurde durch den Berg gesprengt. Hier wird ein Splitter vom Kreuze Christi aufgebahrt, der auf Vermittlung von König Max II. 1842 aus Rom zur Füssener Pfarrei St. Mang überführt und in einer feierlichen Zeremonie auf den Kalvarienberg getragen wurde. Im Gegenzug für die kostbare Reliquie bat der König, das sogenannte „ewige Licht“, das als Symbol und zur Erinnerung an die ständige Gegenwart Gottes in der Kapelle brannte, so vor dem dortigen Fenster aufzustellen, dass er und seine Frau den Schein nachts von Schloss Hohenschwangau aus sehen konnten.

Darüber führt ein zu beiden Seiten offener Gang durch eine Kapelle, die die Darstellung von Jerusalem und die Kreuzigungtafel zeigt. Über den neogotischen Fenstersäulen haben sich Wanderer und Gläubige über die Jahrhunderte hinweg verewigt, wie hier ein Eintrag von 1894.

Viele wandern auf den Kalvarienberg, weil die Aussicht von hier oben traumhaft ist – nur 40 Gehminuten von Füssens Altstadt entfernt. Von der Plattform hat man nach Norden den Blick auf die Altstadt, auf der gegenüberliegenden Seite sind die Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau zu sehen, die in die Bergkulisse der Ammergauer Alpen mit Tegelberg und Säuling eingebettet sind. Von unten leuchtet der Schwansee herauf. Nach Südwesten blickt man ins Lechtal und ins Vilstal Richtung Österreich.

Wer die Wanderung noch verlängern und nicht über denselben Weg absteigen möchte, kann zum Schwanseepark hinunter laufen. König Max II. ließ die Flächen im Stil eines englischen Landschaftsgarten anlegen und die Königsfamilien ging hier oft spazieren. Der König selbst kam selbst oft über den Schwansee und die Steinbrüche am Kienberg zu den Kapellen am Kalvarienberg, um nicht von anderen gesehen zu werden und ungestört zu sein. Wahrscheinlich zur inneren Einkehr und um die Aussicht auf die Landschaft zu genießen. Carpe diem!