Die Genusskünstler

 

Vielleicht sollte man sich an der Sonne ein Beispiel nehmen: Wenn sie sich mal einen Tag auf die die faule Haut legt und nicht scheint, könnte man sich doch genüsslich im Wellnessbereich eines schönes Hotels räkeln oder in einem stylischen Zimmer mal fünf gerade sein lassen. Im Hotel Sonne mitten in der historischen Altstadt von Füssen spielt es auf jeden Fall keine Rolle, wie weit der Wetterfrosch auf der Leiter nach oben klettert.

Martin Hanauer und Beatriz Pineda Sanchez sind darauf spezialisiert, ihre Gäste den Alltag ganz schnell vergessen zu lassen. Die beiden stehen nicht nur auf der Dachterrasse des Hotels über den Dingen. Jeden Moment zu seinem eigenen zu machen und das Leben zu genießen, das wünscht sich das Hotelierspaar – für seine Gäste wie auch für sich selbst. Und der alte Herr Balu, der Haus-Labrador, ist schon vom Namen her ganz auf Gemütlichkeit eingestellt.

Bereits bei der Ankunft im Hotel Sonne betritt man eine andere Zeitschiene und begibt sich auf eine spannende Reise zwischen Geschichte und Moderne. Inspirationen an jeder Ecke. Die Rezeption erinnert mit den Messingverkleidungen und der kunstvoll gemusterten Tapete an ein französisches Grand Hotel zur Jugendstilzeit. Gegenüber macht die Leuchtschrift „Wunderkammer“ als Separee neugierig, was wohl dahintersteckt. Im Übergang zu den Zimmern sind die Originalkostüme des ersten Ludwig-Musicals Sehnsucht nach dem Paradies zu sehen, das 2000 im Festspielhaus Neuschwanstein Premiere hatte und das heute mit der Produktion Ludwig² eine Fortsetzung findet. Spätestens hier wird klar, dass der bayerische Märchenkönig Ludwig II. im Hotel Sonne eine wichtige Rolle spielt.

Bereits vor dem Bau des neuen Flügels mit 28 Zimmern, der im Frühjahr 2020 nach vierjähriger Planungs- und Bauphase fertig gestellt wurde, war das Hotel Sonne ein Themenhotel und spielte im Gebäude und auf den Zimmern mit Details wie historischen Bildern, bedruckten Parzivalstoffbahnen und entsprechendem Mobiliar mit dem Königsthema. Doch damals gab es noch kein durchgängiges Konzept. Für das Hotelierspaar war klar, dass auch für den Neubau und die Umgestaltung der Zimmer der Märchenkönig gesetzt ist, weil es sich mit ihm identifizieren kann. Sie engagierten die Architekten des Münchner 25hours Hotel The Royal Bavarian. „Wir sind da ein bisschen blauäugig rangegangen. Wir wussten, dass wir etwas anders machen wollten und haben uns die Architekten geholt, mit denen wir arbeiten wollten. Diese empfahlen, erst die Geschichte hinter dem Hotel zu suchen und mit einer Agentur zu entwickeln. Letztendlich fing der Umbau dann weit vor den eigentlichen Maßnahmen an. Das war richtig viel Arbeit, aber das zahlt sich heute aus“, erzählt Hotelchef Martin Hanauer.

Zusammen mit der Agentur und ihren Mitarbeitern feilten sie an einem Konzept und einem Drehbuch für das Hotel und überlegten wie eine zeitgemäße Interpretation Ludwigs aussehen könnte: Wie würde er heute im 21. Jahrhundert leben? Was würde er brauchen, um sich wohl zu fühlen? Und wie würde er heute seine Räume ausstatten? Während des Entwicklungsprozesses betraten bald auch die Vertrauten des Königs die Hotelbühne: Cousine Sissi, die Kaiserin von Österreich, und Komponist Richard Wagner. Denn nur wenige Kilometer vom Hotel entfernt stehen Ludwigs Kindheitsschloss Hohenschwangau und die Märchenschloss-Ikone Neuschwanstein, die er Wagner als eine Art Freundschaftstempel widmete. Der König und seinen Vertrauten bilden so den Mittelpunkt des Hotelkonzeptes.

Es ging aber weniger um die Personen selbst, sondern vor allem darum, welche Stimmung und welches Gefühl sie bis heute bei den Menschen auslösen, vor allem der verträumte und zugleich visionäre Monarch. „Was ich so an ihm liebe, ist, dass er alles sehr bewusst und intensiv gemacht hat. Wenn er Musik gehört hat, hat er Musik gehört. Wenn er gesessen hat, war er ganz dabei. Wenn er die Natur genossen hat, hat er sich dafür die zwei schönsten Berge hier, den Säuling und den Tegelberg, ausgesucht“, meint Beatriz Pineda Sanchez und ihr Mann ergänzt: „Das ist etwas, was nur sehr wenige Menschen in dieser Tiefe können. Er hat nicht auf die Erwartungen anderer gehört, sondern sein Leben gelebt.“

Dass das Konzept viel tiefgreifender und eben nicht nur eine architektonische Gestaltungsvorlage war, bemerkten Martin Hanauer und Beatriz Pineda Sanchez bald. Als der Fokus während der Entwicklungsphase von König Ludwig II. auf seine Vertrauten ausgedehnt wurde, wurde ihnen klar, dass sie beide ihre Mitarbeiter und ihre Gäste schon immer als Vertraute sahen und dass dies ihre Kernkompetenz ist, an der sie weiterhin feilen wollen. „Nicht wir haben uns an das Hotelkonzept angepasst, sondern das Konzept sich an uns und unser Haus“, erzählen die beiden. „Wir haben einen Gast meist nur ein oder zwei Nächte, trotzdem wünschen wir uns, dass er sich mit uns und dem Haus verbunden fühlt. Das erreichen wir nur, wenn wir ihn begeistern.“ Zufriedenheit sei in der Hotelbranche Standard, meinen die beiden und vergleichen die Gastbeziehung mit der Verliebtheitsphase zweier Menschen. „Begeisterung schaffe ich dann, wenn ich mich auf den Gast konzentriere und ihm mit kleinen Details zeige, dass er mir als Mensch wichtig ist. Damit sich unsere Mitarbeiter aber ganz um das Wohlergehen und die Wünsche der Gäste kümmern können, müssen wir ihnen ebenfalls dieses Gefühl geben. Das ist die Basis.“

65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mittlerweile im Hotel Sonne beschäftigt. Keine leichte Aufgabe, jedem das Gefühl zu geben, Teil einer großen Familie zu sein. Manche der „guten Geister“ sind schon seit fast 30 Jahren hier und haben den Wandel und den Generationenwechsel in der Hoteliersfamilie miterlebt, andere sind nach der Vergrößerung durch den Neubau hinzugekommen. Bei den Bewerbungsgesprächen achten Beatriz Pineda Sanchez und Martin Hanauer immer darauf, wie begeistert jemand von seiner Arbeit ist. „Wir sind sicher auch ein bisschen anstrengend für unsere Beschäftigten, denn laufend kreieren wir etwas Neues und wollen uns weiterentwickeln. Das müssen sie mittragen.“ Dabei lassen die beiden den Mitarbeitern aber viel Freiraum. „Jeder hat einen großen Verantwortungsbereich. Wir geben zwar Ziele vor, aber wie sie erreicht werden sollen, das überlassen wir jedem selbst“, erläutert der Hotelchef.

Die beiden wollen ihren Angestellten ein Vorbild darin sein, das zu tun, was sie glücklich macht. Wer das Paar beobachtet und ihnen genau zuhört, spürt, dass es ihnen wirklich „ernst“ ist mit der Begeisterung und dem Genuss im Leben. „Ich bin eine Genusskünstlerin und mache nur, was mich glücklich macht und das sehr konsequent. 110 Prozent. 24 Stunden lang“, erzählt Beatriz Pineda Sanchez. „Und ich lerne davon“, meint ihr Mann lachend über die Mentalitätsunterschiede zwischen seiner spanischen Frau und ihm als Allgäuer, der doch eher mal über einem Problem brütet, anstatt gleich nach einer Lösung zu suchen. Er bewundert die Lebensweisheit seiner Frau, die in der Nähe von Madrid aufgewachsen ist und in Kempten Tourismusmanagement studiert hat. Eigentlich wollte sie nie in einem Hotel arbeiten, fing aber während des Studiums in dem Familienbetrieb in Füssen an. Bereits ein paar Monate später kamen die beiden zusammen. Martin Hanauer ist gelernter Koch und hatte nach internationalen Stationen schon überlegt, in den USA zu bleiben. Für ihn war klar, nur dann nach Füssen zurückzukehren, wenn er im elterlichen Betrieb auch etwas verändern durfte. Das war 2005.

Seit 1896 ist das Gebäude am Prinzregentenplatz in Besitz der Familie Hanauer. Einst war es ein Bauernhof mit Bewirtung. Der erste Aufschwung für das Haus kam mit der Anbindung Füssens an die Eisenbahn. Auch die Kutschenpferde von Ludwig II. sollen in den Sonne-Stallungen versorgt worden sein. Während des Zweiten Weltkrieges war die Sonne ein Lazarett, später wurde sie von Martin Hanauers Oma zum Teil verpachtet. Mit seinem Vater und seinem Onkel begann in den 1960er Jahren eine neue Zeitrechnung für das Traditionshaus. Als Hotel sahen sie das Gebäude aber zunächst nicht. Martin Hanauers Vater wollte im Untergeschoss eine Diskothek eröffnen – die nächste gab es nämlich erst in München. Weil er und sein Bruder aber nicht wussten, was sie mit den anderen Gebäudeteilen anfangen sollten, bauten sie diese zusätzlich zur Diskothek zu einem Hotel um und der hoteleigene Frühstücksraum wurde gleichzeitig als Café genutzt.

Außenaufnahme: Foto ©Hotel Sonne

Mit ihrer Vision und dem Drehbuch der Vertrauten initiierten Martin Hanauer und Beatriz Pineda Sanchez die Erneuerung und Erweiterung des heutigen Viersternehotels. Der neue Trakt fügt sich nahtlos in das Altstadtensemble ein und wirkt eher schlicht. Es mussten zahlreiche denkmalpflegerische Auflagen berücksichtigt werden. Von außen ist nicht zu erkennen, wie ausgefeilt und innovativ das Innere gestaltet ist. Die Innenräume sind klar strukturiert, alles wirkt zeitlos und trotzdem individuell. In den großzügigen Zimmern mit ihren offenen Bädern und Duschen öffnen sich zwischen warmem Holzparkett und roh belassenen Sichtbetondecken drei unterschiedliche Themenwelten, die den Protagonisten Ludwig, Sissi und Wagner gewidmet sind und jeweils eine ganz eigene Atmosphäre ausstrahlen.


Hotelzimmer: Foto (1 und 3) ©Hotel Sonne

Während sich die Sissi-Zimmer in hellen Farben und mit Sitzmöbeln in sanftem Roséton präsentieren, dominieren bei „Ludwig“ pfauengemusterte Tapeten, dunkelblaue Wandflächen und Polster. Bei „Wagner“ spielt Musik: Der Kontrast zwischen weiß-schwarzen Flächen verweist sinnbildlich auf die musikalischen Gegensätze in seinen opulenten Werken, über dem Bett glitzern tatsächlich Discokugeln, die zudem auf die eigene Hausgeschichte anspielen. Leichtfüßig und subtil greift die Ausstattung mit kleinen Details historische Hintergründe und Motive rund um den König auf und spinnt so eine kleine Erzählung um sein Leben. Der Schwan, sein Wappen- und Lieblingstier, reckt beispielsweise seinen Hals aus dem Bilderrahmen und hält im Schnabel eine Lampe. Auch der Pfau ist als beliebter Königsvogel bekannt und mit seinem Federrad u.a. in der Form der Badfließen wiederzuerkennen.

König Ludwig II. hätte auch die technische Ausstattung der Zimmer wahrscheinlich begeistert genutzt, stattete er doch seine eigenen Bauten mit damals modernsten technischen Spielereien aus und wurde nie müde, seine Ingenieure zu neuen Lösungen und Innovationen anzuspornen. Ein Telefon, das er auf Neuschwanstein erstmals nutzte, um Pagen und die Poststelle im Ort unterhalb des Schlosses zu kontaktieren, würde er hier allerdings vergeblich suchen. Das gehört im Hotel Sonne der Historie an, ebenso wie eine gedruckte Gästemappe oder Printprospekte. Stattdessen werden die Gäste über das In-Room-Tablet per Push-Up-Nachrichten von der Rezeption aus mit den neuesten Informationen und Angeboten versorgt. Mit dieser digitalen Gästemappe können sie auch gleich eine Massage buchen oder einen Tisch im Restaurant reservieren. Die Hotelbuchung läuft digital, ebenso bekommen die Gäste auf Wunsch ihren Zimmerschlüssel als QR-Code und können so selbstständig ein- und auschecken.

Der Wellnessbereich des Hotels ist eine orientalische Oase und damit ebenfalls einen Anspielung auf die Vorlieben und Interessen des Königs, der gerne reiste und sich von fernen Ländern zumindest aus Büchern inspirieren ließ. So brachte er mit dem „Marokkanischen Haus“, das er auf der Wiener Weltausstellung gekauft hatte und im Garten von Schloss Linderhof im Ammerwald aufstellen ließ, einen Hauch Orient ins Alpenland. Im Hotel Sonne wirkt der große, offene Spa-Bereich mit Grünpflanzen, Hängesesseln, marokkanischen Sitzecken und den verschiedenen Saunen wie ein Treffpunkt für Gleichgesinnte, die sich nach dem Schwitzen noch bei einer Tasse Pfefferminztee und einem Buch entspannen. Oder doch lieber bei einem Cocktail?


Barkeeper: Foto ©Hotel Sonne

Cocktails gibt es im Wohnzimmer, dem neuen Mittelpunkt des Hotels – ebenfalls ein Statement an die Moderne. Je nach Tageszeit ist der Bereich mal Frühstückssalon, mal Restaurant, Kaffeehaus oder Bar. Durch die offene Küche können Gäste zuschauen, wie der Koch die modern interpretierten Lieblingsgerichte von Ludwigs Vertrauten oder Klassiker wie Kaiserschmarrn oder Schnitzel zaubert. An der ebenfalls offenen Kuchentheke kann man sich beim Vorbeischlendern schon mal Lust auf die vielen Eigenkreationen des Hauses holen. „Das war unser Traum und gleichzeitig unser mutigster Schritt. Wir wollten ein Lokal, das von Einheimischen nicht als Anhängsel des Hotels wahrgenommen, sondern Treffpunkt für Füssener und Urlaubsgäste wird. Das ist uns geglückt. Mittlerweile sagen die Füssener „Wir gehen ins RIWA“, erzählt die Hotelchefin. Der Name, der aus den Anfangsbuchstaben von Richard Wagner zusammengesetzt worden ist, und das innovative Konzept haben wohl maßgeblich zum RIWA-Erfolg beigetragen. Hier werden – wie vor Corona – auch künftig wieder Livebands auftreten und Lesungen stattfinden. „Das Wohnzimmer soll auch ein Platz für Künstler sein. Wir werden vielleicht Instrumente an die Wand hängen, dann kann jemand einfach spontan loslegen und Musik machen“, meint Martin Hanauer.

Die beiden Hoteliers sprudeln nur so vor Ideen. Doch nicht alles muss sofort umgesetzt werden. Ihr Drehbuch für das Hotel Sonne werden sie weiterschreiben und weitere königliche Vertraute wie Ludwigs Mundkoch Theodor Hierneis im Hotel inszenieren. „Wir haben schon im Kopf, wie es weitergehen soll. Unsere Vision ist gesetzt, aber noch nicht bis in die Details festgeschrieben. Das Drehbuch gibt uns dabei Planungssicherheit. Es macht richtig Spaß, wie alles gerade ins Fließen kommt. Wir haben hier etwas geschaffen, das nicht Arbeit, sondern Erfüllung für uns ist, deshalb genießen wir einfach den Moment“, meint Martin Hanauer und lächelt. So wirken die beiden auch. Ihre Erkenntnis aus der Corona-Krise: „Es muss nicht immer der letzte Tropfen aus der Zitrone gepresst werden. Der Spaß am Leben und die Menschen müssen im Vordergrund stehen, dann kommt der eigene Einsatz doppelt zurück.“

So genussvoll kosten die beiden Hoteliers auch die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern beim Skifahren, Wandern und Klettern aus. „Seen und Berge, allein das ist schon das Paradies. Wir wohnen in einer der tollsten Gegenden überhaupt. In Füssen scheint für mich auch an trüben Tagen die schönste Sonne der Welt und ich wünsche mir, dass dies allen Menschen bewusst ist, die hier leben“, meint Beatriz Pineda Sanchez. Zu einem guten Leben möchten sie und ihr Mann auch Menschen außerhalb des Hotels verhelfen, die nicht in einer so glücklichen Lage sind wie sie selbst. Aktuell haben sie fünf ukrainische Frauen mit ihren Kindern aufgenommen und sorgen dafür, dass diese schnell Anschluss in Füssen finden. „Wir kochen zusammen, die Kinder spielen gemeinsam und gehen zum Sport. Ich glaube, wir bekommen das alles gut hin, weil wir auch mitten im Chaos entspannen können. Für unsere Kinder ist das ein Gewinn, denn sie haben keine Grenzen im Kopf.“

 

Das Leben leben, wie es gerade ist, und diese Lebensreise genießen – mit dieser Einstellung beginnt das Paar jeden Morgen. König Ludwig II. ist und bleibt dabei ein großes Vorbild. „Er war unglaublich weitblickend für seine Zeit und wäre wahrscheinlich im 21. Jahrhundert ein Peace-Aktivist, denn er wollte nie Krieg führen und hatte nur Sinn für Schönes. Er wäre heute bestimmt ein super Präsident oder Minister, den wir in dieser Zeit gut gebrauchen könnten“, meint Martin Hanauer. Und wo wäre dann bei einem Füssen-Besuch sein Lieblingsplatz im Hotel? „In der Wunderkammer im Foyer, ein kleiner Rückzugsort mit Getränken und schönen Kleinigkeiten zum Anschauen und Kaufen. Da hätte er seine Ruhe und wäre trotzdem mittendrin.“