Anderszeit-Gastgeber Hotel Hirsch in Füssen

Künstler, Hundeverehrer und Bierliebhaber

 

Das schmucke Haus mit Jugendstilfassade am Rand der Altstadt beherbergt eines der ältesten Hotels in Füssen: Das Hotel Hirsch. Seit vier Generationen ist es in Familienhand, seit elf Jahren führen es die Geschwister Eva und Harald Schwecke gemeinsam. Nach ihren Ausbildungen und verschiedenen Berufsstationen auch im Ausland zog es sie beide zurück ins Allgäu – und ins Hotel. Ein Stück Heimat, ein Ort, mit dem sie viele schöne Erinnerungen verbinden: das gemeinsame Mittagessen mit ihren Eltern nach der Schule, der Partykeller im Untergeschoss, der Kontakt mit Gästen, die noch heute ihren Urlaub im Haus verbringen und die sie von klein auf kennen. „Es war schön, hier aufzuwachsen. Wir haben gelernt, unsere Scheu vor Menschen abzulegen und konnten schon früh viel Englisch sprechen. Einige der Gäste sind zu Freunden geworden. Wir könnten nach Hawaii, Japan, Brasilien und andere Länder auf der Welt reisen, um sie zu besuchen“, erzählen die Geschwister.

Im April 1904 öffnete das Haus erstmals seine Pforten für Sommerfrischler. Seitdem Schloss Neuschwanstein nach dem Tod des Bayernkönigs Ludwig II. besichtigt werden und Besucher bereits seit 1888 mit der Bahn nach Füssen reisen konnten, kamen immer mehr Gäste in die Stadt. Das Haus, das von der Aktienbrauerei Kempten gebaut wurde, sollte betuchtere Kundschaft beherbergen. Schon vom Bahnhof aus konnten Urlauber die prächtige Fassade mit Erkern und Rundtürmen sehen. Die Räume wurden bereits damals mit Dampfheizung temperiert, außerdem gab es auf jedem Zimmer elektrisches Licht und auf jeder Etage ein Bad und ein Wasserklosett. Luxus war das damals. Der international erfahrende Hotelier Josef Schneider war der erste Direktor des „Hirschen“. Er kaufte das Haus 1911 und heiratete die verwitwete Sophie Bletschacher vom renommierten Bamberger Hof in München. Sie kam mit ihren Söhnen Max und Fritz nach Füssen. Letzterer ist der Opa von Eva und Harald Schwecke.

Fritz Bletschacher brachte eine Familientradition aus München mit, die bis heute fast ungebrochen ist: Langhaar-Zwergdackel. Auf dem Bild mit Architekt und Stiefurgroßvater hält er den Bürschel auf dem Arm. Auch später gibt es kaum ein Teambild, auf dem die Hunde nicht mit von der Partie sind. Seit Jahrzehnten sind sie die treuen Weggefährten der Familie Schwecke-Bletschacher. „Ohne einen Dackel ist ein Wirtshaus kein Wirtshaus“, zitiert Harald Schwecke einen geflügelten Spruch. „Dackel sind Charakterköpfe so wie wir, deshalb passen wir einfach gut zusammen. Außerdem können sie sich so ungemein freuen, wenn man wieder da ist.“ In der Bierstube des Hotels ist den Dackeln sogar eine eigene Ecke gewidmet. Auch Carlos hängt hier schon, der 14 Jahre alte Begleiter von Eva Schwecke, die zudem Frauchen von zwei Yorkshire namens Roxy und Jimmy ist – und damit die Dackel-Tradition durchkreuzt hat. Vielleicht bekommt Roxy aber bald Nachwuchs – von einem Langhaar-Zwergdackel.Wer die Hunde übrigens mal im Aufzug sitzen sieht: Sie warten darauf, bis jemand die richtige Etage drückt, damit sie zu ihrem Frauchen gelangen, das oben im Turm wohnt. Schlau. So ist das Viersterne-Hotel auch eines der wenigen Häuser in Füssen, in denen Hunde grundsätzlich willkommen sind, auch im Restaurant.

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Wer das Hotel betritt, spürt und sieht sofort, dass es einen ganz individuellen Charakter hat. Ein Haus mit Persönlichkeit, die in über 100 Jahren gewachsen ist. Jede Generation hat ihre Spuren, ihre Abdrücke hinterlassen. Das ist in den vielen Ecken, Winkeln und Gängen und natürlich in den 71 Zimmern sichtbar. Im Stammhaus ist jedes Zimmer einem wichtigen Thema oder einer Person aus Füssen und der Umgebung gewidmet, z.B. dem Hohen Schloss. Im gleichnamigen Motivzimmer sind u.a. Nachbildungen von historisch wertvollen Glasmalereien zwischen Bad und Wohnraum eingearbeitet. Weitere Zimmer spiegeln die Geschichte des Füssener Geigenbaus mit einem „Himmel voller Geigen“ oder sie zeigen den Lech, Spuren der Via Claudia Augusta – und natürlich Märchenkönig König Ludwig II. Ein Gästezimmer „gehört“ aber auch schlicht den schönen Füssnerinnen. Eine Wand ist deshalb mit Porträts von Frauen aus der Stadt dekoriert. Von vielen Zimmern hat man einen tollen Blick auf die Altstadt und die Bergkulisse mit dem markanten Hausberg von Füssen, dem Säuling, der ebenfalls Leitmotiv eines Gästezimmers ist.
Ohne Bilder ist das Haus ohnehin nicht vorstellbar. Über 500 Gemälde, Zeichnungen, Skizzen und historische wie aktuelle Fotografien hängen an den Wänden. So wandeln Gäste fast in wie in einer Galerie durch die Flure und Stuben – und bekommen dabei schöne und interessante Einblicke u.a. in die Stadtgeschichte. So ist beispielsweise Füssen in verschiedenen Epochen zu sehen. Es lohnt sich also, sich Zeit zu nehmen und die Fülle an Bildern in Ruhe anzuschauen – und auch die anderen ungewöhnlichen Details, die in den Zimmern und Fluren stehen, zum Beispiel ein antikes Chorgestühl.

Auch in der Familie selbst gab und gibt es einige Künstler. Ein Zimmer ist dem Münchner Grafiker und Großonkel von Eva und Harald Schwecke, Max Bletschacher, gewidmet. So hängen dort einige seiner Zeichnungen und die Dusche ist mit einer Kachel seiner Darstellung des Minotaurus aus der griechischen Mythologie verziert. Oma Klara Bletschacher hat trotz ihrer langen Arbeitstage als Gastgeberin viele der antiken Schränke und Truhen bemalt und Onkel Richard Bletschacher, ehemaliger Chefdramaturg der Wiener Oper, verfasste das erste Buch zur Historie des Füssener Geigenbaus, bei dem ihm Opa Fritz mit seinem reichen Bilderfundus unterstützte. „Wir sind wohl alle in der Familie künstlerisch nicht so ganz talentfrei“, meint Harald Schwecke schmunzelnd. Seine Mutter Christine Bletschacher hatte übrigens die vielen Ideen für die Motivzimmer im Stammhaus. „Das ist ganz ihr Bereich“, erzählt Harald Schwecke, „da kann sie sich kreativ ausleben und fordert damit auch die Handwerker heraus.“
Ideengeberin für die Gestaltung der 29 Zimmer im Neubau, der 2018 eröffnet wurde, ist Eva Schwecke. Gestaltet sind diese nach den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft basierend auf der Chakrenlehre der vedischen Schriften, wie sie  u.a. aus dem Yoga bekannt ist. Auf jeder der vier Ebenen des Gebäudes wird ein Element mit einer der ihm zugeordneten Farben gespielt: das Element Erde im Erdgeschoss rot, Wasser im 1. OG orange, gefolgt von gelb für Feuer im 2. OG und im 3. OG das Element Luft mit grün. Die Farben wiederholen sich dann z.B. in Details wie den Badkacheln. Da die Zimmer klar und zeitlos gehalten sind, wird der Blick sofort auf die Bilder gelenkt. Über jedem Bett hängt eine Fotografie des Künstlers Achim Graf. Die Geschwister beauftragten ihn, die Chakrenlehre in Naturfotografien zu übertragen. So war Graf ein Jahr lang in der Füssener Umgebung unterwegs und suchte nach geeigneten Plätzen und Motiven, die das „Wesen“ der Elemente am besten einfangen.

Ein beliebtes Motiv, das sich im Hotel in den verschiedensten Variationen findet, ist natürlich der Hirsch. Ob in Gemälden, Dekorationen oder in der Lüftungsabdeckung der Heizung, er ist überall präsent. „Der Name des Hotels, den es ja sehr häufig gibt, leitet sich generell von einem 200 Liter-Fass Bier ab. Es wird als „Hirschen“ bezeichnet“, erklärt Harald Schwecke. „’Zum Hirschen gehen‘ heißt also, ein Bier trinken zu gehen.“ Das gute Bier ist neben der gehobenen, regionalen Küche ein weiterer Grund, warum auch viele Einheimische gerne ins Restaurant, in die Bierstube und den Hirschgarten kommen, der derzeit im Winterschlaf liegt.

Der Stammtisch ist übrigens der älteste in Füssen. Die Schwecke-Bletschachers sind bekannt dafür, gute Bierpflege zu betreiben. So werden die Fässer u.a. im alten Bierkeller gelagert, damit das Bier optimal gekühlt ist. Seit über 100 Jahren beziehen sie es von der gleichen Brauerei. Bei deren Mystery Check haben sie bereits fünf Jahre in Folge den „Stern der Gastlichkeit“ bekommen. „Ein Bier von derselben Brauerei schmeckt nicht überall gleich, da gibt es viele Feinheiten, auf die man achten muss“, meint der Hotelchef, der wie die anderen Familienmitglieder ein Bierliebhaber ist. „Gerne ein Helles, aber auch mal ein Salvator.“ Am Aschermittwoch wird hier traditionell das bayerische Starkbier angestochen, zu deftigen bayerischen Gerichten serviert – und kräftig gefeiert. Auch Opa Fritz‘ Dackel Bürschel wusste das gute Bier zu schätzen: Unter dem Fass stand immer ein Schale, das Tropfbier, das der Hund wohl mit Vorliebe aufleckte und deshalb nach der Sperrstunde vom Opa regelmäßig heimgetragen werden musste.

Der herzliche Kontakt zu Gästen und Einheimischen ist der Familie wichtig – ebenso eine gute Beziehung zu den bis zu 45 Mitarbeitern. Manche arbeiten seit 30 Jahren im Betrieb. Eine Auszeichnung in der Branche. „Eine schöne Atmosphäre können wir nur miteinander schaffen. Wir unterstützen uns gegenseitig und wissen, dass wir uns im Team aufeinander verlassen können, auch wenn es mal hektisch zugeht“, meinen Eva und Harald Schwecke. Und wie motivieren sie die Mitarbeiter? „Man kann einen Hund nicht zum Jagen tragen. Da muss schon der Wille da sein, sich mit dem Beruf und dem Betrieb zu identifizieren, das geht sonst nicht.“ Vor kurzem haben die Schweckes ein großes Wohnhaus in der Füssener Altstadt gekauft, drei Minuten vom Hotel entfernt. Das bauen sie nun zu einer WG und vier Wohnungen für Mitarbeiter um. Arbeiten, wo andere Urlaub machen – oft scheitert der Traum an knappem Wohnraum. Die beiden hoffen, dass sie mit ihrem Wohnungsangebot einen deutlichen Pluspunkt bei der Anwerbung von qualifizierten Fachkräften und Auszubildenden haben. Die WG soll dabei erste Anlaufstelle sein, wenn Mitarbeiter bei ihnen zu arbeiten anfangen. So können sie sich später leichter selbst etwas in der Stadt suchen. Die anderen Wohnungen sollen fest an ihr Stammpersonal vermietet werden.

Momentan arbeitet Harald Schwecke daran, den Check-In für Gäste zu vereinfachen. Damit will er erreichen, dass der erste Kontakt im Hotel nicht mehr so „technisch“ ist, weil er und seine Mitarbeiter hauptsächlich Daten abfragen müssen. So können sie sich mehr auf ein nettes Gespräch und den Service bei der Anreise konzentrieren. Dann kann der Hotelchef den Gästen auch gleich die schöne Dachterrasse zeigen – noch ganz winterlich, aber bald ein Ort für den Beginn einer traumhaften Anderszeit.

Weiterführende Informationen sind auf der Website des Hotel Hirsch zu finden.