Entspannen erlaubt – Von der Leichtigkeit des Seins

 

Bald färben sich die Holunderbeeren dunkelrot-schwarz. Mit ihm, dem Holunder, beginnt die Geschichte des Ferienhofes „Am Holderbusch“. In der Allgäuer Tradition wird er als heiliger Baum verehrt, der die Unendlichkeit verkörpert, unter dem man seine Sorgen los wird, der Mut zur Veränderung macht und der dazu aufruft, die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Und wie sehr der Name, den Familie Kamm ihrem Ferienhof 2007 gab mittlerweile „Programm“ geworden ist, zeigt das Porträt dieses Füssener Anderszeit-Gastgebers.

Schon bei der Anfahrt beginnt das Aufatmen: die Allgäuer und Ammergauer Alpen behüten die Stadt Füssen wie steinerne Wächter, die Wiesen sind sattgrün gefärbt und die Sonne gibt sich alle Mühe, Alltagsgedanken schnell zu vertreiben. Oberhalb von Weißensee zweigt ein Weg nach Benken ab, der hier endet – mitten in der Idylle. Der Füssener Ortsteil liegt auf 920 Meter Höhe unterhalb des Zirmgrats, einem Höhenzug mit der höchstgelegenen Burgruine Deutschlands. Auf dem Falkenstein wollte Märchenkönig Ludwig II. nach Neuschwanstein die Allgäuer Landschaft mit einem weiteren Märchenschloss zieren und von oben den Schlosspark bewundern, der sein Herz so sehr berührte. Leider kam es dazu nicht mehr, doch träumen kann man hier wirklich herrlich.

Das dachten sich auch Gaby und Helmut Kamm, als sie 2007 auf den Hof kamen. Bei der Besichtigung saßen sie auf der Hausbank, blickten zum Falkenstein und hatten ein wohlig-warmes Gefühl im Bauch. Obwohl damals äußere Umstände gegen den Kauf sprachen, hörte das Paar auf sein Bauchgefühl. Und wie so oft bei den beiden, stellte es sich als richtige Entscheidung heraus. Sie sind glücklich hier – und das spürt jeder, der an diesen Platz kommt. Auch ihre mittlerweile erwachsenen Kinder wollen „im gelobten Land“ bleiben. Ein Grund, warum es ab Oktober statt den ursprünglich drei Ferienwohnungen nur noch eine für Urlauber geben wird. Aber das hat noch einen ganz anderen wichtigen Grund. Doch dazu später.

Als Familie Kamm den Hof erwarb, gehörten auch die Ferienwohnungen dazu. Nach und nach renovierten Gaby und Helmut Kamm sie in Eigenregie – ganz nach ihren Vorstellungen mit viel Holz und Liebe. Auch die Kinder waren immer mit Begeisterung dabei. Ihr Konzept für die Ferienwohnungen: Entspannen erlaubt! „Die Gäste kommen aus einem vollen und durchgetakteten Alltag zu uns. Deshalb ist es doch das Schönste, wenn sie sich hier die Zeit nehmen können, ganz bewusst anzukommen und erst einmal nichts zu tun. Bei uns können sie alle Rollen des Alltags fallen lassen und sich ganz mit sich selbst beschäftigen.“ Ein stiller Luxus, den die Gäste in der Allgäuer Natur ringsherum genießen können, aber vor allem auch im naturnahen Kräutergarten. Wo früher nur eine eingezäunte Wiese war, ist jetzt ein buntes Traumland entstanden, ausgerichtet an der Permakultur und den Elementen Luft, Erde, Feuer, Wasser, Holz und Metall. So gibt es unter anderem einen Duftraum und eine Feuerstelle, die die Gäste nutzen können, ebenso den traumhaften Frühstücksplatz.

Tag für Tag entfalten sich hier die kleinen Wunder, die im Alltag oft übersehen werden. Deshalb hat Familie Kamm überall Ruheoasen zum Innehalten, Nachspüren und Träumen geschaffen. Unter einem großen Apfelbaum mit seinen hängenden Zweigen lässt es sich herrlich entspannen, ebenso tauchen Kinder in dem großen Sandschiff unter dem Holderbusch ganz in ihre Fantasiewelt ein. Von den Weiden ringsherum weht eine würzig-grüne Prise in den Garten und manchmal auch der Duft von frisch gebackenem Brot, das Gäste ab und an von Gaby Kamm bekommen. „Der Garten ist meine Kraftquelle, ein Inspirationsort, an dem ich mich einfach wohlfühle“, erzählt die Gastgeberin. Seitdem sie als Kind von ihrem Opa ein Beet in seinem Garten bekommen hatte, war sie vom Gärtnern und den Wildkräutern begeistert. „Es geht nicht um das Ergebnis, sondern ich selbst trete bei der Gartenarbeit in Verbindung mit den kraftspendenden Pflanzen und tue mir dabei Gutes. Darauf kommt es an.“

Immer wieder setzt Familie Kamm neue, ungewöhnliche Akzente in ihrem Wohlfühlgarten um. Zum Beispiel das Baumhaus – mit Feuerstelle und Glocke – das ihr Sohn selbst gebaut hat und das selbst Erwachsene zwischen Holz- und Apfelduft auf ganz neue Ideen bringt. Zeit, um etwas Neues einzuläuten. An vielen Ecken gibt es die Gelegenheit, seine Aufmerksamkeit auf kleine Details zu richten und so zur Ruhe zu kommen. Diese regen dazu an, den Raum hinter dem Sichtbaren aufzumachen. Der Kerzenleuchter, der an einem Holunderast hängt oder ein Glas mit Pusteblumen, die in der Sonne wie weiche Wattebäusche wirken. „Die Menschen kommen ins Allgäu, radeln, wandern und schauen sich die Sehenswürdigkeiten an. Ein volles Programm – fast wie im Alltag, nur eben in der Freizeit. Klar, ist das schön, möglichst viel zu sehen, aber was passiert eigentlich, wenn ich mir mal einfach so ein Detail anschaue und darüber nachdenke?“

Diesen Fokus möchte Gaby Kamm im nächsten Jahr ganz bewusst in den Urlaub ihrer Gäste bringen, sofern sie das wollen. Als ausgebildete Phythotherapeutin liebt sie Pflanzen und Kräuter und wendet deren Heilkraft in ihrer Familie erfolgreich an. So erntet und zupft sie ihre Kräuter aus dem Garten, stellt unter anderem Sirup und Essig damit her und trocknet schonend jedes einzelne Blatt für ihre Tees und Kräutersalze. Sie ist davon überzeugt, dass Pflanzen über das Physische hinaus wirken und deshalb auch eine wichtige Botschaft für die Menschen haben können. „Pflanzen können etwas im Innern bewegen. Oft geht unseren Gästen noch Wochen später etwas durch den Kopf, was sie im Urlaub hier in Kontakt mit einer Pflanze erlebt oder erfahren haben.“

Ihre Idee ist deshalb, Pflanzenkunde mit Coaching zu verbinden und durch aufmerksames Betrachten, Meditation und arbeiten mit der Pflanze etwas über das eigene Leben herauszufinden. Das Handwerkliche findet die Gastgeberin dabei besonders wichtig. „Unsere Hände sind unglaublich wichtig. Sie leisten täglich viel für uns und sind direkt mit unserem Gehirn verbunden. Wenn wir etwas mit unseren Händen tun, zum Beispiel eine Salbe rühren, begreifen wir viel besser dass vieles auch in unserer Hand liegt.“

Ankommen, aufatmen und sich das Entspannen wirklich erlauben – diesen Fokus werden die Gastgeber auch in der Ferienwohnung Hirschalp
(4 Sterne Klassifizierung) noch mehr setzen. Obwohl diese schon jetzt ein geborgener Platz ist, wird sie bald umgestaltet – ein weiteres Mal in Eigenregie. So soll sie ein kleines Refugium werden, noch mehr ein wohliger Rückzugsort, an dem Gäste ihre Gedanken sammeln und zentrieren können – ohne Ablenkung durch andere Urlauber. Die Gastgeber freuen sich schon darauf, die Hirschalp für eine solche Auszeit anzubieten, denn so können sie ihr Konzept „Entspannen erlaubt“ mit einer einzigen Ferienwohnung viel besser umsetzen. „Ich finde es ganz wichtig in einer Zeit, in der wir mit Informationen geflutet werden, immer wieder zu fragen, was ist mir eigentlich das Allerwichtigste? Was begeistert mich im Leben? Dafür muss ich mich aus dem Alltag rausnehmen und mir die Zeit geben, nachzuspüren“, meint Gaby Kamm.

Und vielleicht wirkt doch der Geist von König Ludwig II. auf den idyllischen Platz, der sich von der Natur inspirieren ließ, Visionen für sein Leben entwickelte und sich für neue Ideen so sehr begeistern konnte. „Ludwig wird ja oft so stigmatisiert, aber er war ein Querdenker und Visionär. Nur aus der Begeisterung heraus kann man etwas entstehen lassen. Dann geht es leicht, sonst ist es harte Arbeit. Da können wir uns Kindern etwas abschauen.“

Zeit für eine Pause im Garten, zum Glücklichsein unter dem Holderbusch mit passender Lektüre. Die steht selbstverständlich in der kleinen Urlaubsbibliothek. So klappt es mit dem Entspannen erlaubt. „Im Idealfall hält das Gefühl aus dem Urlaub auch noch über den Alltag hinaus bis zum nächsten“, meint Gaby Kamm und lächelt.