Vier Zutaten - tausend Variationen
Natur, Handwerk, Kreativität - in der Braukunst kommt alles zusammen. Sie gehört seit Jahrhunderten zur Allgäuer Lebensart und ein Wirtshausbesuch ohne bayerisches Bier ist kaum vorstellbar. Wer sich auf die Spuren der Brautradition in und rund um Füssen begibt, begegnet engagierten Braumeistern, kostet ein Stück Tradition und entdeckt interessante Geschichten und frische Ideen. In diesem Beitrag machen wir einen historischen Ausflug in das Füssener Brauhandwerk und blicken hinter die Kulissen von drei Betrieben in der Region.
1. Die Braugeschichte von Füssen
Mit diesem Dokument, das heute im Füssener Stadtarchiv liegt, begann die offizielle Geschichte der Braukunst in der Lechstadt. Die lokale Handwerksordnung der Bierbrauer von 1633 bestimmte das Leben und Arbeiten der Brauer in der Stadt und mit ihr wurde das Brauen zu einem anerkannten Gewerbe. Ab jetzt unterlagen Herstellung, Verkauf und Qualität des Bieres klaren Regeln: Wer darf brauen? Welche Zutaten dürfen verwendet werden? Was darf ein Bier kosten? Welche Abgaben sind an die Stadt zu zahlen? Hauptzweck der Handwerksordnung waren die wirtschaftliche Regulierung und die Qualitätssicherung des angebotenen Bieres.
Ob dabei schon das bayerische Reinheitsgebot eine Rolle spielte, lässt sich aus dem Dokument nicht ablesen. Das bestand zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Jahrhundert und war von Bayerns Herzögen Wilhelm IV. und Ludwig X. im Jahr 1516 erlassen worden. Demnach darf ein Bier nur aus Gerstenmalz, Wasser, Hopfen und Hefe bestehen. Und obwohl das Reinheitsgebot mittlerweile schon 520 Jahre alt ist, werden die meisten Biere in Deutschland heute immer noch nach diesem ersten "Lebensmittelgesetz" der Welt gebraut.
Diese historischen Bilder zeigen die sogenannte Eisernte am Alpsee direkt unterhalb von Schloss Hohenschwangau. Früher war es üblich, bis zu 30 Kilogramm schwere Eisblöcke aus Seen, Flüssen oder eigens dafür angelegten Weihern zu schneiden und mit dem Pferdegespann zu Bierkellern und Lagerstätten zu transportieren. So konnte das Bier auch in wärmeren Monaten gekühlt werden, bevor Carl von Linde 1873 mit seiner Kältemaschine - der Prototyp des heutigen Kühlschranks - die Kühlung von Bier revolutionierte. Allerdings konnten sich das bis nach dem Zweiten Weltkrieg nur wenige Brauereien leisten und mussten weiterhin auf die mühsame Eisernte im Winter setzen.
Übrigens war Bierbrauen nie eine reine Männerdomäne - im Gegenteil! Ursprünglich ließen die Frauen beim Backen gern ein Stück Brot übrig und brauten daraus Bier für den Hausgebrauch. Ein Gärbottich gehörte deshalb oft zur Aussteuer dazu. Erst als im Mittelalter immer größere Städte entstanden, entwickelte sich das Brauen zum Handwerk und die Männer traten in den Vordergrund. In Füssen scheint das anders gewesen zu sein, wie ein besonderer Fund im Stadtarchiv zeigt: Eine Beschwerde der Bierbrauerin Katharina Schweikart und des Bierbrauers Peter Wesserer beim Hochstift Augsburg, die von 1690 bis 1695 verhandelt wurde.
Im Stadtarchiv Füssen sind auch zahlreiche Gesuche um Erteilung einer Konzession zum Bierbrauen verzeichnet, vor allem im 19. Jahrhundert. Heute gibt es in der Stadt selbst keine eigenständige Brauerei mehr - mit der Schließung des Bräuhauses Füssen Anfang des 21. Jahrhunderts ging die Ära des Bierbrauens in Füssen vorerst zu Ende.
Sylvia Kiesel erinnert sich noch gerne an die Zeit, als ihre Eltern und ihr Onkel das Bräuhaus Füssen samt Wirtschaft und Biergarten führten, den ihre Großeltern um 1920 in der Nähe des Bahnhofs gekauft hatten, damals auch noch mit einer eigenen Metzgerei. Das Bräustüberl in der Rupprechtstraße war eine Institution in Füssen, wo sich Einheimische zum Stammtisch trafen, Feste feierten und Versammlungen abhielten.
Die Brauerfamilie wohnte zunächst über der Gaststube im ersten Stock, später dann auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Direkt hinter dem Bräustüberl stand das Sudhaus mit Gärkeller und Abfüllanlage. „Für mich war die gesamte Brauerei ein großer Abenteuerspielplatz! Und wenn ich von der Schule nach Hause kam, wusste ich gleich, wenn an diesem Tag Bier gebraut wurde, denn dann roch es im ganzen Viertel so gut nach Treber", erzählt die Füssenerin.
Ihr Onkel Anton Köpf war Braumeister, ihr Vater Sepp Köpf Kaufmann des Betriebs, trotzdem hätten ihn die Einheimischen einfach „den Bräu" genannt, ihre Mutter sei "die Frau vom Bräu" gewesen. Neben dem Bräustüberl hatten die Köpfs weitere Gasthäuser in Füssen und in der Region, außerdem belieferten sie mit ihrem Bier andere Wirtschaften und auch private Haushalte.
So sei ihr Vater stadtbekannt gewesen: „Er war ein richtiger Bräu und jeden Abend in den Wirtschaften unterwegs. Ich kenne ihn fast nur in Lederhosen, denn die hat er von Ostern bis Oktober angehabt und nur im Winter etwas Wärmeres getragen", erinnert sich Sylvia Kiesel. Später übernahm ihr Bruder das Bräuhaus Füssen und führte den Betrieb bis 2004. Die Brauereigebäude sind mittlerweile zwei Wohnkomplexen gewichen. In einem davon wohnt auch Sylvia Kiesel mit ihrem Mann - am Platz des ehemaligen Sudhauses, mit fantastischer Aussicht auf die umliegenden Berge und damit ganz nah an ihren Kindheitserinnerungen.
2. Vom Hotel zur Gasthausbrauerei: Der Braugasthof Falkenstein in Pfronten
Diese Brauerei steht für Tradition – und für Überraschungen. Denn der Mann auf dem Hochrad ist Braumeister und seit der Eröffnung 2002 mit im Team. Einen Sinn für Balance und gleichzeitig Ungewöhnliches hat Stephan Rottenburger nicht nur bei seinem Lieblingshobby, sondern auch am Braukessel. Zusammen mit dem Brauereiteam und der Inhaberfamilie Mögele aus Kaufbeuren kreiert er über das Jahr immer wieder neue Biere. „Das Kreative ist sicher der Hauptgrund, warum ich so viel Freude an meinem Beruf habe. Aus vier Zutaten entsteht eine enorme Vielfalt an Biersorten und gleichzeitig setzen wir damit eine jahrhundertealte Tradition fort, das begeistert mich. Und ich kann andere Leute damit glücklich machen." Deshalb beobachtet Rottenburger beim Bierausschank gerne mal im Hintergrund, wie die Gäste beim ersten Schluck reagieren und freut sich, wenn sie ein Lächeln im Gesicht haben.
Auch Seniorchef Mögele ist Diplom-Braumeister mit Leib und Seele und die Brauerei Falkenstein in Pfronten-Ried ein Ort, an dem er seiner Leidenschaft nachgehen kann. Die ist ihm in die Wiege gelegt worden, denn sein Urgroßvater hatte 1872 die Rosenbrauerei in Kaufbeuren ersteigert, deren Tradition heute in der Aktienbrauerei Kaufbeuren weitergeführt wird. Zur damaligen Brauerei gehören bis heute auch Immobilien aus dem gastronomischen Bereich, so dass sich Mögele als studierter Kaufmann lange Zeit vor allem um deren Verwaltung kümmerte. Auch der heutige Brauereigasthof Falkenstein ist Teil des Unternehmens und die Gastronomie verpachtet.
Seinen Job als Immobilienverwalter hat heute vor allem sein Sohn Bastian inne, er fährt auch Bier aus oder kümmert sich um den Vertrieb. „Unsere Brauerei ist sehr klein, wir sind zusammen mit meinem Vater nur zu sechst. Deshalb beliefern wir auch nur unsere eigenen verpachteten Gaststätten im Umkreis von 50 Kilometern. Außerdem sind wir bewusst nicht im Handel, weil wir nur Kellerbiere brauen, die ungefiltert und nicht pasteurisiert sind", erklärt Bastian Mögele.
Im ehemaligen Kurhotel Falkenstein mit Bahnhofswirtschaft sah Alois Mögele Anfang 2000 das Potential für eine Gasthausbrauerei mit eigener Bierproduktion - und die Möglichkeit, den Traum einer eigenen Brauerei zu verwirklichen. „Bei mir war einfach das Herzblut dafür da – so etwas bleibt einem für immer – und ich war überzeugt davon, dass dieses Konzept hier gut funktionieren könnte."
Als der Kaufbeurer dem damaligen Pfrontener Bürgermeister den Vorschlag unterbreitete, berief dieser noch am Heiligen Abend den Gemeinderat ein, um das Projekt zu genehmigen. Das Gebäude war parallel zum Bau der Eisenbahnlinie entstanden, die Sommerfrischler aus den Städten aufs Land bringen sollte und 1899 zusammen mit dem Bahnhof fertiggestellt worden. Es hat bis heute seine historische Außenfassade behalten, auch den sonnigen Wintergarten gab es bereits, er wurde jedoch bei der Umgestaltung erneuert. Den ersten Biersud setzte der Seniorchef noch im Rohbau an.
Neben den klassischen Sorten, werden pro Jahr zusätzlich sieben bis acht saisonale Spezialbiere gebraut, bei denen die Brauer mit Hopfensorten und anderen Verfahren experimentieren und so immer neue, limitierte Kreationen entstehen. Sogar einen Vitalbock gab es vor einigen Jahren einmal: Dafür wurde das Wasser über Halbedelsteine gefiltert und so "vitalisiert" - und war sprichwörtlich in aller Munde.
Etwas Besonderes sind aber nicht nur diese Kreativbiere. Bei den Gästen ist das klassische, dunkle Bier so beliebt, dass der Absatz höher als beim Weizenbier ist. Es wird nach einem speziellen Brauverfahren hergestellt, das heute fast als Geheimnis gilt: „Das wird heute nirgendwo mehr gelehrt. Ich habe es noch während eines Praktikums von einem alten Braumeister gelernt. Das dunkle Bier wird mit höherer Hitze leicht angeröstet, wodurch wie beim Kaffee Bitterstoffe entstehen. Durch das spezielle Verfahren sind diese allerdings im fertigen Bier nicht mehr zu schmecken, umso mehr aber das tolle Röstaroma", erklärt Mögele.
Auch das alkoholfreie Kellerbier hat sich zu einem Erfolgsprodukt entwickelt - nicht zuletzt, weil es vergleichbare Sorten auf dem Markt kaum gibt. Daran hat das kleine Brauteam lange getüftelt, mittlerweile hat sich das Kellerbier fest etabliert. „Auf dieses Produkt sind wir sehr stolz, denn es galt lange Zeit als nahezu unmöglich, so etwas ohne große Entalkoholisierungsanlagen in dieser Qualität zu brauen", meint Bastian Mögele.
Realisiert werden konnte das alkoholfreie Kellerbier, weil es inzwischen Hefesorten gibt, die ohne Alkohol vergären. Damit geht die Brauerei neue Wege und reagiert auf die gestiegene Nachfrage nach alkoholfreien Bieren. „Im Moment findet ein großer Umbruch im Brauereigeschäft statt, das fordert einen als Brauer natürlich heraus, weil man versucht, immer das Beste abzuliefern und das Produkt ständig zu verbessern. Außerdem nehmen wir die eigenen Biere auch mit nach Hause, das muss dann auch wirklich schmecken", ergänzt Braumeister Stephan Rottenburger und lacht.
Ein weiteres Lieblingsprojekt der Mögeles ist das Brennen von Whisky. Zum 20-jährigen Jubiläum 2017 wollten sie etwas ganz Besonderes kreieren, deshalb begannen sie bereits fünf Jahre zuvor mit der Produktion. „Ein Jahr später haben wir uns gefragt, was wir machen, wenn der Whisky gut ankommen sollte und haben deshalb gleich den nächsten Sud angesetzt. So haben wir das seither Jahr für Jahr fortgesetzt", erzählt der Seniorchef. Gebrannt wird der Whisky am Bodensee und anschließend in Fässern im Keller des Braugasthofs gelagert, in denen zuvor französischer Süßwein, Jamaika-Rum oder Bourbon-Whisky ruhen durfte, was dem Pfronten-Whisky spezielle Aromen verleiht.
3. Vom Kurhaus zum Brauhaus: Das Schlossbrauhaus in Schwangau
In wahrhaft königlicher Kulisse empfängt das Schlossbrauhaus am Ortseingang von Schwangau ihre Gäste, denn das Gebäude steht in direkter Blickachse zum Märchenschloss Neuschwanstein. Der kreative Geist von Bayernkönig Ludwig II. liegt also in der Luft und hat wahrscheinlich auch Andreas Helmer angesteckt, als er 2011 auf die Idee kam, in dem ehemaligen Schwangauer Kurhaus ein Brauhaus mit Gaststätte und eine Veranstaltungslocation zu kombinieren.
Das musste man sich definitiv trauen, denn das Kurhaus hat mit dem Außenbereich rund 8.500 Quadratmeter Fläche. Doch der Erfolg gibt Helmer recht, denn längst ist das Schlossbrauhaus mit 600 Sitzplätzen, großem Biergarten und ganzjährigem Veranstaltungskalender ein beliebter Treffpunkt für Gäste wie Einheimische. Auch die Tourist-Information Schwangau, ein Shop mit den hauseigenen Bierspezialitäten und Fanartikeln sowie eine Bäckerei, in der das Brot mit Biertreber veredelt wird, sind hier mittlerweile untergebracht. Trotz der Größe bleibt der Kern überraschend bodenständig und für den gelernten und studierten Braumeister selbst war das "Projekt" die Rückkehr zu seinen Wurzeln und zu dem, was ihn schon früh begeistert hat: Bier.
Gebraut wird handwerklich, gedacht aber modern. Um den Brauprozess für die Gäste erlebbar zu machen, befindet sich das Sudhaus direkt in der Gaststube, im dem die studierte Braumeisterin und Diplom-Ingenieurin Barbara Renk und ihre zwei Kollegen Tom Bonell und Daniel Witteck arbeiten. „Mein Lieblingsprozess ist der Beginn der Herstellung, das Einmaischen. Da sind die Gerüche einfach am besten und es ist schön, wenn man bereits am Duft erahnen kann, dass aus der Maische mal ein geschmacklich tolles Bier entsteht", meint die Braumeisterin.
Viele Prozesse laufen per Hand, andere hat Andreas Helmer automatisiert wie beispielsweise die Temperaturmessung. Dabei kommt ihm seine jahrelange Erfahrung als Auslandsmonteur in der Automatisierungstechnik für große Brauereien zugute, die er nach seinem Studium in Weihenstephan gesammelt hat. „Wir legen aber sehr hohen Wert auf eine handwerkliche Brauart und vergären drucklos im offenen Gärbehälter. Die untergärigen Biere lagern bei uns mindestens vier bis fünf Wochen. Der Linator, ein Doppelbock, der in der Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern ausgeschenkt wird, ruht sogar über zwei Monate. Das macht schon viel beim Geschmack aus", erklärt Helmer.
Die Reifung im Tank ist also ein entscheidender Faktor, außerdem sind viele Biere nicht filtriert und enthalten so noch viele Trübstoffe, die als wichtige Geschmacksträger gelten. „Das ist eben kein Einheitsbier, sondern wir haben immer noch unsere eigenen Noten drin. Auch die Rohstoffe sind wetter- und klimabedingt in jedem Jahr ein bisschen anders – das müssen wir bei der Produktion berücksichtigen."
Den Hopfen bezieht Helmer wie auch die Brauerei Falkenstein in Pfronten aus Tettnang, das Malz aus Bayern und das Wasser aus den Quellen rund um Schwangau. „Da Bier zu 90 Prozent aus Wasser besteht, sollte dieses Wasser weich und mineralisch ausgewogen sein, denn es prägt den Charakter eines Bieres sehr stark mit."
Eine Besonderheit ist das Kühlschiff ein Stockwerk tiefer: Hier können Besucher von oben zuschauen, wie nach dem Hopfenkochen im Gastraum die heiß dampfende Bierwürze zum Abkühlen und Klären in die 1000 Liter fassende, flache Wanne nach unten gespült wird. Die große Oberfläche lässt die Würze rasch abkühlen und die Eiweiß-Hopfen-Verbindungen setzen sich am Boden ab. Auch dieser Ausdampfungsprozess beeinflusst den Geschmack bestimmter Biere entscheidend mit.
Gebraut wird für den eigenen Bedarf: 95 Prozent des Bieres wird direkt im Haus ausgeschenkt. Ein kleiner Teil der Produktion wird für den Verkauf im Shop in Flaschen und kleine Fässer abgefüllt. Das „Fundament" bilden die drei ganzjährigen Biersorten: Helles, Weizen und Dunkles, aber auch die Spezial-Saisonbiere wie der Doppel- und Weizenbock, zwei Starkbiere.
Für den Sommer produziert sein Team ein leichtes „Heuberbier" mit weniger Alkoholgehalt, auch das gehört mittlerweile fest ins Repertoire. Dazu kreiert das Team im Rhythmus von vier bis sechs Wochen neue Biere wie zum Beispiel für den Fasching ein Bier mit Maracuja-Note - passend zum Schwangauer Fachingsmotto Dschungel: „Durch spezielle Hopfensorten haben wir versucht, dieses Bier ein bisschen „tropisch" schmecken zu lassen. Von den saisonalen Bieren produzieren wir aber immer nur kleine Chargen, so bleibt es für unser Brauteam und für die Gäste schön abwechslungsreich. Jedes Bier hat so seine Fans."
Im oberen Stockwerk hat Andreas Helmer eine Aussichtsplattform realisiert: Dort können sich Besucher per Knopfdruck mit Bergkulisse und Schloss Neuschwanstein im Hintergrund fotografieren lassen und das Bild dann per QR-Code runterladen.
Innen gibt es einen Brauereipfad mit Informationen zur Geschichte des Bieres, über die Herkunft der Zutaten und wie das Bier in der Schlossbrauerei hergestellt wird. Jeden Mittwochnachmittag ist hier der Startpunkt für die Brauereiführung, die mit einer Bierprobe im Keller endet. Dabei ist auch für die Brauer selbst der Austausch mit den Gästen wichtig. Braumeisterin Barbara Renk hatte dabei schon so manche überraschende Erkenntnis: „Mein Ziel war immer, ein Bier herzustellen, das alle Frauen mögen. Allerdings musste ich bei den Führungen feststellen, dass viele Frauen herbe Biere mögen und eher Helles- oder Pilstrinkerinnen sind. Ich selbst stehe mehr auf malzbetonte Biere und trinke gerne ein Dunkles."
4. Von der Kirche zur Erleuchtung: Das Maria-Hilfer Sudhaus in Speiden
Ob der Name Programm ist, wissen Biertrinker wahrscheinlich erst, wenn sie ein Glas der „Maria-Hilfer Erleuchtung" getrunken haben. Oder sollte man doch lieber auf die „Schwarze Madonna" setzen? Auf jeden Fall ist der Standort vom Maria-Hilfer Sudhaus direkt gegenüber des bekannten Wallfahrtsensembles Maria Hilf mit Kirche und Kapelle in Speiden 10 Kilometer nordwestlich von Füssen ideal. Gerne kehren Pilger wie Einheimische nach der inneren Einkehr auch im Außen ein - und gönnen sich im Sudhaus eines der selbstgebrauten Biere oder nehmen im nebenliegenden Shop eine Bierauswahl mit nach Hause, um die unterschiedlichen Wirkungen zu „testen“.
Das Brauen scheint sich in der Familie weiterzuvererben, denn alle drei Söhne von Braumeister Anton Kössel haben Brauwesen in Weihenstephan studiert und arbeiten jetzt in der elterlichen Brauerei. „Das war schon eine Überraschung für mich, dass alle den Weg einschlagen wollten", erzählt der Besitzer. „Für mich war wichtig, dass jeder vorher eine Ausbildung macht und danach studiert, damit sie besser sehen, ob das wirklich ihr Weg ist. Seit Anfang des Jahres arbeiten wir zusammen hier und sind noch in der Findungsphase, wie es am besten miteinander funktioniert. Auf jeden Fall bringen die Jungs frischen Wind in den Betrieb und ich habe langsam ein bisschen mehr Freizeit", meint Kössel senior und lacht.
Den Startschuss für die Gasthausbrauerei gab eine Reise nach Oberfranken, sozusagen auch eine kleine Wallfahrt zur lebendiger Bierkultur dieser Region: überall kleine Brauereien mit angeschlossenen Wirtshäusern, die auch unter der Woche gut besucht sind. Kössels Vater hatte das Gebäude in Speiden bereits in den 1980er Jahren von der Gemeinde gekauft. „In Bamberg kamen wir dann auf die Idee, die alte Brauerei hier wieder herzurichten und zusätzlich noch eine Wirtschaft zu betreiben. Das war gerade die Zeit, als im Allgäu die ersten Gasthausbrauereien entstanden sind. So haben wir 1992 auch hier in Speiden im kleinen Stil wieder mit dem Brauen angefangen."
Die Ursprünge der Brauerei in Speiden gehen vermutlich aber bis ins 17. Jahrhundert zurück und sind eng mit der Wallfahrt verbunden. Kössel erzählt, dass der Wirt des Gasthauses, Christian Steinacher, die Statue der heiligen Mutter Gottes als Entlohnung für seine Arbeit im Gasthaus Schwanen in Füssen bekommen hatte. Als er diese vor seinem Wirtshaus in einem Bildstock aufstellte, seien bald erste Gebetserhörungen passiert, weshalb er 1635 eine kleine Kapelle erbaute, 20 Jahre später wurde die Wallfahrtskirche Mariahilf errichtet.
Die Brauerei und das Anwesen waren sogar bis in die 1920er Jahre in den Händen der Nachfahren Steinachers. Nach einer kurzen Pause modernisierte einer der Söhne der traditionsreichen Brauerei Stolz den Betrieb und führte ihn bis 1965.
Während Vater Kössel jahrzehntelange Erfahrung einbringt, sorgen seine Söhne mit ihrem kreativen Talent für neue Perspektiven - sei es bei den Rezepturen, der Technik oder der Vermarktung. Nach dem Wiederbeginn der Brauerei in den 1990ern gab es nur eine Biersorte, das bernsteinfarbene Maria-Hilfer Vollbier. Als Philipp Kössel nach seiner Ausbildung und dem Studium in den Betrieb einstieg, entwickelte er zusammen mit seinem Vater die „Schwarze Madonna".
„Das ist ja ein Stout, also kein bayerisches Bier, sondern eine obergärige, irische Biersorte. Das haben wir einfach mal ausprobiert und dieses Bier kam so gut an, dass wir es mittlerweile im Standardsortiment haben", erklärt Philipp Kössel und sein Vater ergänzt: „Das meine ich mit frischem Wind, da habe ich dann auch Lust bekommen, nochmal Neues auszuprobieren. Erst dachte ich, es wird ein Versuch und das wär's dann, aber den Allgäuern schmeckt so ein Bier und wir haben mittlerweile viele Fans für alle unsere unterschiedlichen Biersorten."
Philipp Kössel macht es Spaß, jeden Tag das Ergebnis seiner Arbeit zu sehen und zu schmecken - ein Feierabendbier gehört auf jeden Fall zum festen Ritual in der Brauerei. „Da weiß ich dann, ob ich einen guten Job gemacht habe. Ich vergleiche meinen Beruf gerne mit dem eines Kochs, nur dass wir durch das Reinheitsgebot mit nur vier Zutaten arbeiten. Trotzdem gibt es unzählige Möglichkeiten, den Geschmack zu beeinflussen, zum Beispiel mit verschiedenen Hopfen- und Malzsorten oder durch unterschiedliche Brauverfahren."
Als sein Meistersud fertig war, ein Exportbier mit höherem Alkoholgehalt, hat er die ganze Nachbarschaft und Freunde zum Feiern eingeladen. Auch diese Variante ist jetzt fest im Programm, später entwickelte der Braumeister daraus zusätzlich ein milderes Lagerbier mit weniger Alkohol, die "Maria-Hilfer Erleuchtung". Ob das dabei hilft, dem göttlichen Zustand näher zu kommen? „Auf jeden Fall", meint er und lacht. Auch Starkbiere bieten die Kössels zu verschiedenen Jahreszeiten an.
Philipps Brüder Julian und Tobias experimentieren noch auf einem anderen Feld. Als beim Bachelorstudiengang ein Innovationswettbewerb ausgeschrieben war, haben sie die bestehenden Brauereinanlagen genutzt, um ein neuartiges Getränk herzustellen. Herausgekommen ist das „Mentha", ein kohlensäurehaltiges Erfischungsgetränk auf Basis von Schwarztee mit Minze und wenig Zucker - für Nicht-Biertrinker oder als Alternative zu alkoholfreiem Bier.
Dazu baut die Familie auf einem Acker bei Seeg verschiedene Minzsorten pestizidfrei an. „Um das volle Aroma einzubringen, beginnt die Produktion gleich nach der Ernte. Getrocknete Blätter sind für uns keine Option. Der Geschmack entfaltet sich durch die Auszüge aus Frischpflanzen besonders gut", meint Julian Kössel.
Dabei gefällt ihm auch, dass die Familie bei der Auswahl der Rohstoffe, ähnlich wie beim Bier, eng mit anderen Produzenten zusammenarbeiten kann. Feuchte Äcker, die nicht für anderes genutzt werden können, würden sich oft gut für Minze eignen, erzählt Kössel. Zusätzlich bezieht die Familie die Pflanzen von einer Kräuterlandwirtin aus dem Augsburger Raum. „Unser Ziel ist es, weitere Sorten mit anderen Allgäuer Kräutern oder Baumblüten auf diese Machart herzustellen." In der Wirtschaft und im Shop ist das Mentha jedenfalls gefragt, so wie alle anderen Produkte der Brauerei – ob Bier, Bierbrände oder Fanartikel.
Infomaterial
Prospekte, Ortspläne, Karten und Broschüren online anschauen, downloaden oder bestellen – kostenfrei.














































































