Die drei „M“

 

Dass man hier oben eine echte Anderszeit verbringen kann, erschließt sich schon auf den ersten Blick: saftig grüne Almwiesen vor zerklüfteten Steinriesen, Kuhglockengeläut und Schäfchenwolken am blauen Himmel. Dort, wo der Forstweg vom Tiroler Örtchen Musau her endet und zahlreiche Wanderwege auf die umliegenden Gipfel führen, steht die Füssener Hütte auf 1550 Metern Höhe – mitten in einer weiten Mulde des Oberen Raintals, das sich von der Straße zwischen Musau und Pflach aus südwestlich in die Tannheimer Berge zieht.

Als Melanie Kerpf und Matthias Nack vor einigen Jahren eine Mountainbike-Tour zur Füssener Hütte unternahmen, waren sie bereits von der imposanten Bergkulisse und dem Platz begeistert. Damals ahnten sie jedoch nicht, dass sie hier oben einmal ihren Traum von der Selbstständigkeit verwirklichen und eine Familie gründen würden. Söhnchen Moritz bereichert seit letztem Jahr ihr Leben und verweist mit seinem Namen auf einen wichtigen Ort für seine Eltern. Beide sind gelernte Köche und haben europaweit berufliche Erfahrungen gesammelt, auch in der gehobenen Gastronomie. Seit sie sich 2009 in St. Moritz kennenlernten und ineinander verliebten, zogen sie gemeinsam weiter und arbeiteten 2014 zusammen auf einer Berghütte im Salzkammergut. „Dort haben wir gespürt, dass das unser Ding sein könnte. Wir wollten raus aus der gehobenen Gastronomie, weil sie so anspruchsvoll ist und man unglaublich viel leisten muss. Aber das Kochen hat uns immer Spaß gemacht. Außerdem wollten wir unser eigener Chef sein“, erzählt Matthias Nack.

Für die Nesselwangerin Melanie Kerpf war immer klar, dass sie einmal in ihre Heimat zurückkehren wollte. „Als wir uns kennengelernt haben, habe ich Matthias gleich gesagt, dass er sich dessen bewusst sein muss, wenn er mit mir zusammen sein möchte“, erzählt sie lachend. Für ihn – gebürtig aus Mecklenburg-Vorpommern – war das kein Problem und nach vielen beruflichen Stationen nahmen die beiden Jobs im Allgäu an: Melanie arbeitete zwei Jahre als Wirtin auf der Rohrkopfhütte, Matthias im Hotel Wiedemann in Füssen. Dann hörten sie von Bekannten, dass noch Bewerber für die Füssener Hütte gesucht werden. „Das war alles eine ganz knappe Sache“, berichten die beiden. „Zwei Tage vor Bewerbungsschluss haben wir unsere Unterlagen abgegeben. Als die Zusage nach dem Bewerbungsgespräch und der Besichtigung kam, hatten wir noch zwei Wochen Zeit, um die Hütte herzurichten und alles Organisatorische drumherum zu regeln.“ Das war 2017.

Seitdem ist die urige Hütte von Mitte Mai bis Mitte Oktober für die drei „M“ – Melanie, Matthias und Moritz – ihr Zuhause. In der Winterpause wohnen sie in der Füssener Altstadt. Auf beide Zeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, freut sich das Paar gleichermaßen. Das Arbeiten und Sein auf der Hütte hat ihr Leben definitiv verändert. Es ist ein eigener kleiner Kosmos, eine Welt für sich: kaum Ablenkungen und auch wenig Privatsphäre, dafür eine gigantische Naturkulisse, die ihnen Geborgenheit schenkt. „Wir sind geerdeter geworden, seitdem wir hier oben sind. Während der Saison waren wir sonst viel unterwegs. Das hier ist ein komplett anderes Leben. Wir müssen mit dem klar kommen, was die Hütte hergibt. Deshalb haben wir ein anderes Bewusstsein dafür bekommen, was die Verfügbarkeit z.B. von Wasser, Strom und Internet angeht“, meint Melanie.
Das Paar genießt, dass es sich hier selbst verwirklichen und entscheiden kann, was wie umgesetzt werden soll: Arbeitsabläufe, Gerichte, Dekoration. So hat die kreative Freiheit auch ihr Berufsleben stark verändert. Matthias Nack und sein Küchenmitarbeiter kreieren immer neue Tagesgerichte. Auf diese Weise können sie ausprobieren, was gut ankommt und was nicht. Bekannt und beliebt bei den Gästen ist der saftige Schweinsbraten aus dem Holzofen und natürlich Hüttenklassiker wie Kaiserschmarrn, Käsknödel oder deftige Brotzeiten, die fest auf der Karte stehen. „Das erwarten die Leute bei einer Hütteneinkehr. Ich wollte hier auch keine ausuferende Küche machen, sondern bodenständige, handwerklich gute Kost, die zur Hütte passt“, meint der Koch. Fleisch- und Wurstwaren kauft er regional bei einem Metzger aus Ronsberg im Allgäu ein. Im Frühjahr sammeln die beiden fleißig Bärlauch für Pesto und Mama Kerpf die Holunderblüten für einen leckeren Sirup, aus dem dann ein erfrischende Schorle gemischt wird. Wegen der eingeschränkten Kühlmöglichkeiten wird alles andere täglich frisch zubereitet.

Die größte Veränderung im Leben des Paars ist aber definitiv Moritz. Er ist überall mit dabei, sei es beim Tisch decken mit Mama oder in der Küche beim Papa. Gäste wickelt er im Handumdrehen mit seinem Lachen um den Finger. Wenn er schreit oder weint, wird auch mal ein Gericht stehen gelassen und die hungrigen Wanderer und Mountainbiker müssen kurz warten. „Moritz hat in solchen Momenten einfach Vorrang, denn unser Familienleben ist uns sehr wichtig. Bei unserer bisherigen Jobs haben wir das Private oft vermisst. Auch das war ein wichtiges Kriterium für uns, eine Hütte zu bewirtschaften. Seit Moritz da ist, haben wir ist montags immer Ruhetag. So fahren wir am Sonntag ins Tal und verbringen den freien Tag gemeinsam“, erzählt Matthias. Auch die lange Pause im Winter kosten die beiden aus. Sind sie vor der Geburt ihres Sohnes oft für mehrere Wochen in der Welt umhergereist, genießen sie jetzt das gemeinsame Familienleben. Auch Weihnachten zusammen mit ihren Herkunftsfamilien zu verbringen, ist ein Geschenk für sie, denn bei ihren vorherigen Stationen in der Gastronomie war das immer eine stressige Zeit, in der sie nie frei hatten.

Während der Saison gehört auch ihr Team zu der kleinen Hüttenfamilie. Neben den zwei festen Mitarbeitern in der Küche und hinter der Theke, kommen vier bis fünf Aushilfen wechselnd an den Wochenenden hinauf. Meist ist die Hütte dann ausgebucht, ebenso in den Ferienzeiten. Bis zu 65 Gäste übernachten in den schönen, einfachen 2- bis 4-Bettzimmern und in gemütlichen kleinen Lagern. Schon ganz früh muss das Frühstücksbuffet fertig sein, danach müssen die Zimmer und Lager sauber gemacht werden, ebenso die große Terrasse. Ab zehn Uhr kommen oft schon die ersten Tagesgäste, meist Einheimische, die den großen Ansturm um die Mittagszeit vermeiden wollen. An einem richtig vollen Tag gehen bis zu 300 Essen raus, hinzu kommen am Abend die Essen für die Übernachtungsgäste. Damit alles rund läuft, müssen nicht nur die Abläufe perfekt organisiert sein, sondern das kleine Team muss gut zusammenarbeiten. Das gemeinsame Motto: Jeder macht alles. „Was wir von unseren Mitarbeitern verlangen, machen wir ebenfalls und leben es vor: Gläser polieren, Lager fegen, Toilette putzen. Nur so funktioniert es und wenn es Hand in Hand geht, macht es richtig Spaß“, meint der Hüttenwirt. „Aber es muss auch Zeit sein, mit dem Team am Abend noch ein bisschen zusammenzusitzen und den Tag Revue passieren zu lassen, damit das Leben in der Hektik nicht verloren geht.“
Viele Gäste beneiden die Familie um das Leben an diesem Platz, der wirklich besonders ist. Sie sind hier völlig aus dem Alltag raus und erfahren eingebettet in die steilen Nordwände des Gimpels, der Gehrenspitze und der Köllenspitze nicht nur eine Anderszeit, sondern auch eine digitale Auszeit, denn Handyempfang ist hier Fehlanzeige. Ein ganz und gar analoges Erlebnis: Natur, wohin das Auge reicht. Und wer möchte nicht noch abends auf dem kleinen Balkon oder auf der Terrasse sitzen und den mächtigen Eindruck der steinernen Riesen auf sich wirken lassen, bevor es dann in die frisch gemachten Betten geht? „Ich glaube, geborgen trifft es ganz gut. Das Tal strahlt eine unglaubliche Ruhe aus und zeigt sich über das Jahr immer wieder anders. Es ist so schön, dass ich es gar nicht richtig in Worte fassen kann. Man muss einfach hier durchlaufen und es richtig aufsaugen“, meint Melanie und Matthias ergänzt: „Man entdeckt immer wieder etwas Neues oder eine andere Perspektive, wenn man hier oder da hochläuft. Ich habe mir bei unserem Wechsel zum Hüttendasein auch gewünscht, dass ich einen Ausgleich habe, wenn ich aus der Küche rauskomme. Bei allem Stress mache ich mir immer wieder bewusst, an so einem schönen Platz zu sein und zu arbeiten. Um den Leuten hier oben eine schöne Zeit zu schenken, verzichten wir auf der anderen Seite auch auf vieles, das für andere selbstverständlich ist wie Privatsphäre, fließendes Warmwasser oder Licht in der Nacht.“

Hinter der Hütte am Berghang gibt es inmitten des Bergidylls aus sattgrünen Weiden und Gipfeln ein weiteres Naturerlebnis: Den Alpengarten der Sektion Augsburg des Deutschen Alpenvereins (DAV). Während der Saison nimmt das Team des Alpengartens einmal wöchentlich den weiten Weg von der Lechstadt hinauf zur Hütte auf sich, um das Kleinod in den Tannheimer Bergen zu pflegen. Hier ist auf engstem Raum die Artenvielfalt alpiner, heimischer Pflanzen zu bewundern – über 350 an der Zahl. Und so zart manche von ihnen wirken: Sie sind alle Überlebenskünstler, denn sie haben sich an die extremen Bedingungen dieses besonderen Lebensraum in den Bergen angepasst. Im Alpengarten haben sie einen Rückzugsort, in dem sie ungestört gedeihen können. Viele der Pflanzen kann man später auf Wanderungen wiederentdecken wie verschiedene Enzianarten, Silberdistel oder Türkenbund.

Foto: Jean Louis Schlim

Auch Königin Marie liebte diese Ecke. Die Mutter von Neuschwansteinerbauer und „Märchenkönig“ Ludwig II. war eine begeisterte Alpinistin. Sie ließ es sich nicht nehmen, in maßgeschneidertem Lodengewand zahlreiche Gipfel im Allgäu und im Berchtesgadener Land zu erklimmen, auch wenn die feine Hofgesellschaft über ihre Bergleidenschaft die Nase rümpfte. Leider gibt es keine Bilder ihrer Touren, denn es schickte sich damals einfach nicht, dass eine Frau, noch dazu eine Königin, die Berge hochkraxelte. Doch das Leben am Hof bedeutete ihr nicht viel. Lieber ging sie wandern und bergsteigen, als sich mit einem Buch hinzusetzen oder sich im Theater zu langweilen. Im Tiroler Raintal war sie häufig unterwegs und bestieg hier mehrere Gipfel. Wer von der Sonnenterrasse zu den zerklüfteten Felsen hinüber blickt, wird erstaunt sein, dass die Monarchin sowohl die 2164 Meter hohe Gehrenspitze als auch die 2238 Meter hohe Köllenspitze mit einem Bergführer und Gefolge eroberte – im 19. Jahrhundert, mit schweren Hanfseilen und genagelten Bergstiefeln! Der höchste Berg der Tannheimer Alpen wurde anlässlich des königlichen Besuchs übrigens um seinen bis dato gebräuchlichen Namen „Metzenarsch“ gebracht. Der Königin wäre die wenig vornehme Bezeichnung vermutlich egal gewesen. Für sie zählte allein das Erlebnis, dafür verzichtete sie auf jeden Luxus und schlief bei ihren Touren wohl nachts auf der Alm auch mal im Bett der Sennerin. Auf der Köllenspitze legte sie die letzten Meter mit dem Bergführer kletternd zurück – ohne Rock, das Personal außer Sichtweise. Eine mutige Frau.

Die Füssener Hütte wird die Königin vermutlich gekannt haben – allerdings gab es zu ihrer Zeit keine Übernachtungsmöglichkeit wie heute. Es war eine einfache Sennalpe, die hier 1837 gebaut wurde – auf dem Grund und Boden des Füssener Benediktinerklosters St. Mang. Die wechselvolle Geschichte des Gebiets reicht allerdings viel weiter zurück. Das über 500 Hektar große Gelände rund um die Hütte gehörte zum Grund des Forst- und Wildbanns, den Kaiser Heinrich IV. im 11. Jahrhundert Bischof Heinrich von Augsburg verlieh. Um seinen Krönungszug nach Rom zu finanzieren, verpfändete Kaiser Heinrich VII. das Stück Land Anfang des 14. Jahrhunderts an das Kloster St. Mang. Die Stadt Füssen erhielt aber die Erlaubnis, das Gelände teilweise zu roden, um Sommerweiden zu schaffen. Das Pfand wurde nie mehr ausgelöst und der Besitz ging an das Kloster St. Mang, nach der Säkularisation an die Stadt Füssen. 1938 wurde die Alpe von den Gebirgsjägern zur Jägerhütte ausgebaut und aufgestockt, im unteren Teil wurde weiter Käse gesennt. Die Gebirgsjäger nutzten das Haus bis Kriegsende 1945, danach diente es als Berghütte. Zehn Jahre später wurde der Füssener Besitz im Zuge des österreichischen Staatsvertrags enteignet und der Grund samt Füssener Hütte gehörte fortan zu Tirol. Nachdem der ehemalige Bürgermeister von Füssen, Dr. Ernst Enzinger, die Entstehung und die Geschichte darlegen konnte, gingen die Ländereien 1962 wieder an die Stadt Füssen zurück.

Viele Wege führen zur Füssener Hütte und von dort in die umliegende Bergewelt. Die bequemste Variante vom Tal hinauf führt vom Musauer Ortsteil Roßschläg in zweieinhalb Stunden auf einem breiten Forstweg direkt zur Sonnenterrasse mit Gipfelblick. Zunächst geht es durch schöne, schattige Wälder mit kleinen Quellen und ein paar Ausblicken. Zwischendurch kann man auch einen beschilderten Abstecher zur Achsel unternehmen, einem kleinen Vorberg des Schlicke-Massiv, den Königin Marie ebenfalls bestiegen und daraufhin ihren Alpenrosenorden gegründet hat. Nach gut einer Stunde öffnet sich eine völlig neue Landschaft, die wie eine Filmkulisse wirkt: links des Weges die steilen Gipfel der Tannheimer Berge, mittig und rechts die lieblichen Weiden und Bergflanken, die im Juni und Juli besonders schön blühen. Dabei passiert man mehrere Hütten wie die Musauer Alm mit ihren vielen Schumpen, den Jungkühen, die hier ihren Sommer verbringen dürfen. Von hier ist es noch eine Stunde bis zur Füssener Hütte und die tolle Kulisse wandert ab jetzt immer mit.


Foto rechts: Füssener Hütte

Für Wanderer und Bergsteiger ist die Füssener Hütte auch ein idealer Startpunkt für wunderschöne Gipfeltouren. So geht es durch eine malerische Berglandschaft mit Bilderbuchwiesen aus gelbem Enzian, Türkenbund, Pilzen und Beeren unter anderem auf den Schartschrofen oder in einer Stunde auf die Große Schlicke (2060 m), die auch für weniger Geübte machbar ist und einen traumhaften und zugleich überraschenden Ausblick bietet: Richtung Süden ein Meer aus Bergen, zur anderen das flache bis hügelige Voralpenland in Richtung Norden mit seinen Seen, kleinen Dörfern und Schloss Neuschwanstein. Für erfahrene und geübte Bergsteiger sind die umliegenden Gipfel wie der Gimpel, die Köllenspitze oder die Rote Flüh ein tolles Bergabenteuer, für das es Trittsicherheit und Schwindelfreiheit braucht.

Langsam taucht die Abendsonne die Landschaft in ein sanftes Licht, die Felswände zeichnen sich noch deutlicher ab, auf der Terrasse ist es ruhig geworden. In der Stube duftet es noch nach Kaiserschmarrn und Apfelmus. Stammgast Rainer aus Augsburg stimmt die Gitarre an. Andere Gäste kommen mit ihren Getränken in der Hand dazu. Solche Momente genießt das Hüttenpaar besonders. „Es ist immer wieder toll, wenn ganz spontan so ein gemütlicher und lustiger Abend entsteht, den man zuvor nicht planen kann. Gerade wenn Gäste immer wiederkehren, weil sie es so schön hier finden, freut uns das sehr. Für uns ist es eine Bestätigung für all das, was wir an Zeit und Mühe investieren.“ Bald wird der Mond die Gipfel draußen mystisch in Szene setzen und die Sterne am Himmel werden zum Greifen nahe sein. Moritz ist schon lange in seiner eigenen Traumwelt unterwegs – hier oben auf 1550 Metern schläft der kleine Gastgeber sicher wie ein Stein, um den Gästen morgen wieder ausgeruht mit seinem Charme ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
Foto: Füssener Hütte

Weiterführende Informationen sind auf der Website der Füssener Hütte zu finden.